Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Orte der Kindheit: 112 Beiträge

Der Berg III: Lokalaugenschein im Gelände

von Helmut Drechsler

Der Bisamberg selbst dürfte ja bekannt sein. Einer der Wiener Hausberge – wie Hermannskogel, Cobenzl, Kahlenberg; Bisamberg, Wiener Pforte. Die Donau fließt an dieser Stelle fast Bis-am-Berg – eigentlich dem Leopoldsberg – weil es dort so eng ist (Volksschule zweite Klasse, Heimatkunde). Tatsächlich ist es dort nicht wirklich eng.

Der Bisamberg-Opa hatte den schönen, lang gestreckten Weingarten, etwa dreitausend Quadratmeter groß, Südlage, in den dreißiger Jahren erworben. An und für sich ist es ja erstaunlich, dass damals, als das Gespenst der Arbeitslosigkeit umging, jemand eine Menge Geld (das er eigentlich nicht hatte) in einen Garten investierte.

Mein Großvater war zweifellos ein tüchtiger Elektro-Monteur, als solcher angestellt bei der Firma Warchalowsky in Hernals. Aus Ungarn – Pecs – stammend und um die Jahrhundertwende zugewandert, wurde er wegen seiner Verlässlichkeit sogar als Montageleiter im Ausland eingesetzt und lernte so seine künftige Frau, meine Oma und Mutter meiner Mutter, kennen (die früh verstarb und die ich leider nie kannte). Meine Oma arbeitete damals als Dienstmädchen bei einer Fabrikantenfamilie im Sudetenland.

Ich vermute, dass das Sammelsurium an Pflanzen im Garten ausschließlich von seiner kundigen Hand gesetzt wurde. Er wusste alles übers Veredeln von Obsthölzern, praktizierte dies und jenes und beherrschte Schädlingsbekämpfung und Obstgartenpflege virtuos. Noch dazu war er in späteren Lebensjahren ein fanatischer Kneipp- und Kräuterteeanhänger; genau genommen damals bereits ein echter ‚Grüner’. (Übrigens lebte bis in die dreißiger Jahre auch ein gewisser Florian Berndl ebenfalls als echter Grüner und als Einsiedler am Bisamberg.)

alter Mann mit zwei Buben in Großaufnahme
Der Bisamberg-Opa mit seinen Enkeln Helmut und Manfred (1951)

Es war auch völlig nach meinem kindlichen Geschmack, dass ihn kein ausgeprägter Schönheitssinn veranlasste, wie die Gartenarchitekten Ludwig des Vierzehnten alle Beete mit Zirkel und Lineal auszumessen und danach die Pflanzen zu setzen, den Wegen ordentliche Einfassungen zu verpassen, die Hecken exakt in Formen zu schneiden und den Rasen zu kultivieren. Alles in der Anlage, was Ansätze von parkähnlicher Gartenkultur zeigte, wie die Laube, die eingefassten Beete oder das Buchsbaum-Rondeau, hatten bereits die Vorbesitzer errichtet. Das Haus übrigens auch.

Was aber den Weinbau betrifft – hauptsächlich handelte es sich bei dem Anwesen um einen Weingarten – so hatte der wohl schon den Rahmen eines Steckenpferdes heftig gesprengt. Noch dazu fand sich für das mühsam erwirtschaftete Endprodukt in der Regel keine übermäßig begeisterte Anhängerschaft.

Der weitgehend naturbelassene Wein hatte nämlich – trotz Südostlage – eine mehr als gesunde Säure; die nahe geografische Verwandtschaft zum ‚Brünnerstrassler’ war unverkennbar. Mir, der ich damals noch ein kleiner Gschropp war, gab man einmal davon zu kosten; ich wundere mich heute, dass mich das nicht auf Lebenszeit abstinent werden ließ oder wenigstens eine dauerhafte Abscheu vor allen weinartigen Getränken bewirkte.

Und doch, so sagten zumindest meine Eltern, kamen manche der Besucher überhaupt nur deshalb auf den Berg, um eben diesen Wein, den Stolz des Bisambergers, der selbst kaum davon trank, in Mengen ‚wegzuschleppen’.

älterer Mann mit kurzer Hose und nacktem Oberkörper im Garten, dahinter Gebüsch

Sicherlich war der Bisamberger die dominierende Persönlichkeit am Berg. Er und die Tante Maria, seine ‚Verwalterin’ und verlängerter Arm („Jessas, wenn des da Vata wüßt!“) beherrschten die Szene souverän. Besonders die Arbeitsaufteilung. Denn im Weingarten gab es immer genug zu tun. Er, der den Überblick hatte, ordnete an, und die kugelige Tante Maria führte das jeweilige Arbeitskommando bis zum Geräteschuppen und weiter bis zur Arbeitsstelle an – nur so lange natürlich, bis alle brav arbeiteten; dann ging sie wieder ihrer Wege. Die hatte den Bogen raus. Das niedere Volk – dazu gehörten meine Eltern – machte die unangenehme Arbeit: Umstechen, Unkraut jäten, Reben anbinden, Obst pflücken, Trauben lesen, pressen, Reben schneiden, nochmals umstechen – alles unter des Bisambergers Aufsicht natürlich, damit am Ende nicht einer etwas dabei falsch macht oder gar den Schaufelstiel nur als Stütze benützt. Das soll nämlich sogar manchmal vorgekommen sein. (...)

Drei der vier Zimmer des Hauses waren meist belegt, denn an Wochenenden waren oft mehr als sechs Leute am Berg, der Besitz wurde also recht gut ausgenutzt. Auch meine Eltern fühlten sich so - denn ein Wochenende am Berg war für sie selten die reine Erholung. Die Gegenleistung für die Plackerei bestand – neben freiem Aufenthalt – eben auch aus den offiziell freigegebenen Naturalien: dem Wein, Obst und Blumen. Aus allem, was nach Hause geschleppt werden durfte – oder wenigstens den Berg runter bis zur Endstation des 132ers. (...)

Der kombinierte Klo-Geräteschuppen teilt den eingezäunten unteren Teil des gesamten Grundes nochmals in eine obere und untere Hälfte. Die obere Hälfte, sorgsam von Gras und Unkraut befreit, beherbergt in ihrem weißen, sandigen Boden links vom Weg bergauf vorwiegend diverses Kleingemüse: Bohnen, Paradeiser, Paprika, Erdäpfel. Weiter oben und vor allem rechts des Weges stehen Birnen-, Pfirsich- und Mandelbäume. Besonders im Frühling sind diese blühenden Bäume ein wunderschöner Anblick. Und es sind sogar ein paar Exoten darunter, einen Mispel- und zwei oder drei Quittenbäume gibt es dort.

Der Weg führt in diesem Abschnitt schnurgerade und genau in der Mitte unter merkwürdigen, torartigen Gebilden aus Wasserleitungsrohren - Eigenkonstruktionen des konzessionierten Elektro-, Gas-, u. Wasserinstallateurs, die vielleicht als Rankgerüste hätten dienen sollen - durch bis zum oberen Gittertürchen.

Dort verlässt man die Geborgenheit und die gemäßigte Wildnis des Obstgartens, denn da beginnt der vielleicht zweihundert Schritt lange Weingarten mit recht ordentlich angeordneten parallelen Reihen von Weinstöcken. Dazwischen verlaufen in Abständen schräg angeordnete Wasserrinnen; sie enden in Gruben wie jener beim Häusl und sollen gleichfalls das Fortschwemmen des sandigen Erdreichs verhindern. Das tun sie zwar auch, aber zwangsläufig und unangenehmerweise ist das früher oder später mit Arbeit verbunden. Man muss die Gruben ausschaufeln, den Sand in die Scheibtruhe laden und ihn wieder oben(!) im Weingarten verteilen. Mühsam. Man hat sich allgemein um diese Arbeit nicht gerade gerissen.

Zwanglos verstreut zwischen den Weinstöcken standen ein paar kleinere Pfirsich- und Marillenbäume. Auf halber Höhe befand sich ein als Laube bezeichnetes Holzgerüst, auf das man mit einer Leiter klettern konnte – es war weitgehend unbenützt –, und noch weiter oben ein wirklich riesiger, weit ausladender Kirschenbaum. Der war wegen der rissigen Rinde – für uns Kinder wenigstens – zum Hinaufklettern ideal und wir pflegten häufig in seiner Krone zu hocken und die Aussicht zu genießen. Das nicht nur, wenn die Früchte reif waren.

Sogar beim Kirschenpflücken war vom Bisamberger eine besondere Vorgangsweise vorgeschrieben worden! Man musste die Kirschen unbedingt mitsamt den Stängeln pflücken und den Stängel am Ast abdrehen, damit ja nicht ... Ja – damit was eigentlich nicht?!

Am obersten Ende läuft der Weingarten dann in eine Wiese aus. In keine gewöhnliche ‚Graswiese’ natürlich, sondern es gab dort eine Ansammlung von diversen Beerensträuchern, um die Botanik zu komplettieren: Ribiseln und Stachelbeeren. So weit kamen wir Kinder nicht oft hinauf, meistens nur bis zum Kirschenbaum. Es könnte eventuell ein Verbot gegeben haben, das uns daran hinderte. Jedenfalls war dort offiziell mein Revier zu Ende. Die Aussicht auf die Stadt war von hier aus natürlich am besten. Oder wenigstens genau so gut, wie vom Dach des Hauses oder von der Straße aus.

Meine heimliche, große, weite Welt setzte sich danach jedoch weiter fort; in einem kurzen, steilen Hang, der urwaldähnlich dicht mit Gestrüpp und lianenumschlungenen Bäumen bewachsen war. Es war und ist das eine durchgehende, richtige Barriere zwischen den Weingärten und den höher gelegenen Feldern im Senderbereich. Drinnen im Gestrüpp vergammelten Kriegs- und andere Zivilisationsüberreste, wie etwa zerbrochenes Geschirr, Kanonenöfen, Kanister, ein Helm, (jemandes?) Knochen und eine allmählich zerfallende Panzerfaust. Es war also für Kinder wirklich nicht ganz geheuer, dort an der oberen Gartenperipherie zu spielen.

Wie es nach dem Gestrüpp oben weiterging, wusste ich deshalb nur von einigen Ausflügen mit den Eltern. Sanft ansteigende Felder führen zum Rundfunksender, dem Mittelwellensender Bisamberg, hinauf. Dieser war das Geheimnisvollste und das Einmalige am Berg; nein, eigentlich waren es nur seine beiden Antennenmaste. Die alte Sendeanlage der RAVAG aus den dreißiger Jahren hatten die vor den Russen zurückweichenden SS-Truppen der Deutschen Wehrmacht 1945 gesprengt. Von der alten Anlage gibt es im Familienalbum noch ein Foto: Papa und Mama grüßen als Verliebte – oder gar Verlobte.

Als der Sender relativ spät wieder aufgebaut wurde, Anfang der sechziger Jahre (da war ich schon Realschüler) kletterte ich mit meinem Bruder ein hübsches Stück den unteren Gittermast hinauf. Das war nicht besonders schwierig, weil sich drinnen eine Eisenleiter befindet. Aber ein lästiger Baustellenwächter scheuchte uns mit einem herzhaften „Heast, seids deppat?! Owe do!“ aus halber Höhe wieder hinunter. Was hätten wir darauf antworten sollen?

Diese Maste waren vom Garten aus weder am Tag noch in der Nacht zu übersehen oder zu überhören. Wieso zu über-hören? Weil der Wind Äolsharfe mit den Abspannseilen spielte. Und wieso nächtens? Weil da die gemächlich periodisch rot blinkenden Flugzeugwarnlichter zwischen den vergleichsweise unauffälligen Sternen vom Himmel merkwürdig herabglühten.

Trotz der unglaublichen Stärke des Mittelwellensenders mit 150 Kilowatt Sendeleistung und der Nähe des Senders hörten wir am Berg kaum jemals Radio. Nicht einmal mit einem vorsintflutlichen Detektorgerät – was bei einem Mittelwellensender technisch sehr einfach möglich ist. Gut, es gab noch keinen Stromanschluss, weder im Haus noch sonst wo hier oben. Und daher auch keine Straßenbeleuchtung. Ein transportables Batterieradio mit Röhren, das daher für den Betrieb auch eine ganze Batterie von Batterien benötigte, wurde erst gegen Ende der Bisamberg-Ära vom Großvater aufgetrieben und – trotzdem kaum benutzt. Es gab einfach zu viel zu tun, um die Zeit bloß mit Radiohören zu verplempern. Ja, die Tante Maria vielleicht … Und billig war der Batteriebetrieb ja auch nicht gerade.

Auf die naheliegende Idee, mit einem überdimensionalen, elektronischen Schwingkreis die Hochfrequenzenergie des Senders anzuzapfen und derart ein bisschen Licht herbeizuzaubern, kam niemand; auch nicht mein Vater, der Ingenieur, der sogar Radios reparieren konnte. Vielleicht hatte er einfach Schiss vor diesem - streng verbotenen - kleinen Energiediebstahl.

Informationen zum Artikel:

Der Berg III: Lokalaugenschein im Gelände

Verfasst von Helmut Drechsler

Auf MSG publiziert im Jänner 2011

In: Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 21. Bezirk, Bisamberg
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist einer von vier hier wiedergegebenen Textausschnitten aus einem umfangreicheren lebensgeschichtlichen Manuskript des Autors mit dem Titel "Der Berg".

Fortsetzung im Beitrag "Der Berg IV: Im Laden des Elektromeisters"

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.