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"Ich bin ein Grinzinger Kind!"

von Ella Gams

Ich bin ein „Grinzinger Kind“ – aber fast ein Kilometer bergwärts vom Ortskern beheimatet gewesen. Das war echter Stadtrand, denn es gab nicht mehr viele Häuser. Nur bis zur Krapfenwaldl-Wiese – dort war die Bebauung zu Ende (in der Kobenzlgasse). Und weil der Wienerwald sich noch hinter und oberhalb der Häuser stadtwärts weiterzog, hatten wir auch öfters die Freude, dass uns Rehe „besuchten“, die über die Hänge in die Gärten und in die Nähe der Häuser gelangten. Sie tun es heute noch. Wenn man Glück hat, sieht man sie friedlich äsen oder bequem ruhen – am helllichten Tag!

Eine Straße, die von Häusern und Gärten gesäumt wird. Im Hintergrund ein Kirchturm
Der Ortskern von Grinzing (Kobenzlgasse) in den 30er Jahren (Aquarell)

Der Wienerwald war für uns Kinder ein wahres Paradies! Wir konnten ihn ungehindert und gefahrlos durchstreifen und zu jeder Jahreszeit „Natur pur“ erleben. So wussten wir genau, wo die ersten Veilchen, Leberblümchen oder andere Blumen schon ihre Blüten zeigten – bevor sie noch in den Gärten auftauchten. Und wir wussten genau, welche Beeren essbar waren, denn das hatten uns unsere Eltern beizeiten beigebracht. Wir aßen alle essbaren Beeren, auch wenn sie nicht „schmeckten“ wie zum Beispiel die Mehlbeeren. Es machte uns einfach Spaß ein paar der eben „mehligen“ Beeren zu essen, wenn auch fast nichts dran war. Auch zuzelten wir gerne den Honig aus den Kleeblüten. Es waren noch nicht so viele Hunde unterwegs wie heute, die zu viel „begießen“.

Weil wir auch ein gutes Stück höher als der Ortskern lagen, hatten wir natürlich auch ca. drei Wochen länger Schnee und Matsch, was eigentlich nur störte, wenn wir mit schmutzigen Schuhen in die Schule kamen, während die anderen schon trockene, also saubere, Schuhe hatten.

Ein flaches Gebäude mit der Aufschrift "Grinzinger Bad", davor eine Straße, auf der ein Mädchen Roller fährt.
Das Grinzinger Bad (Aquarell)

Dass wir am Stadtrand lebten, merkte man auch am Verkehr. Es gab nur wenige Auto, so dass ich selbstverständlich mit dem Roller auf der Straße fahren konnte. Die Gehsteige waren ja meist grob gepflastert und dort hätte ein Roller fahrendes Kind nur gestört! Gefährlich war es auf der Straße wirklich nicht. Auf dem Bild habe ich mich als Kind gemalt, wie ich mit meinem Roller auf der Straße fahre. Das Grinzinger Bad wurde vor ein paar Jahren abgerissen... für einen hässlichen Neubau!

Auch die Milch kam „vom Land“. Jeden Morgen fuhr ein Pferdewagen vom Gut Kobenzl herunter, und der Milchmann stellte vor jede Tür die bestellte Milch. Das war herrlich frische Milch, auf der ein paar Zentimeter echter Schlagobers thronten! Und im Sommer kam „von unten“ der Gemüse-Mann mit seinem Pferdewagen gefahren und brachte frisches Obst und Gemüse. Wenn seine Glocke ertönte, eilten die Hausfrauen herbei und holten, was sie brauchten. Da gab es keinen langen Einkaufsweg! Ich glaube, er kam ein Mal pro Woche.

Baracken, Bäume, spielende Kinder
Die Barackensiedlung an den langen Lüssen, 1918 (Aquarell)

An den langen Lüssen (Grinzinger Allee) gab es eine Barackensiedlung. Man bemerkte sie kaum, wenn man mit der Straßenbahn vorbeifuhr  - sie lag hinter einer Heckenreihe. Ich lernte sie erst kennen, als ich eine kleine Freundin von dort hatte und sie besuchte. Für mich war es fremd, keine Steinhäuser zu sehen, sondern die niedrigen Gebäude aus Holz. Innen waren sie einfach, aber sauber. Es gab die Siedlung noch im Krieg – ich weiß nicht, wann sie verschwunden ist.

Kinder in einer Fronleichnamsprozession. In der Mitte ein Mädchen in einem rosa Kleid und unter einem rosaroten Baldachin
Die Rosenkönigin bei der Fronleichnamsprozession in Grinzing 1932 (Aquarell)

Die Fronleichnams-Prozession in Grinzing war immer ein großes Ereignis in den zwanziger und dreißiger Jahren. Eine große Kinderschar nahm stets daran teil. Schön war es, wenn man einen geschmückten Polster tragen durfte, das „Bandl-Ziehen“ war nicht so begehrt.

Ein unerfüllter Sehnsuchtstraum war es für mich, einmal „Rosenkönigin“ sein zu dürfen! Diese, ein ganz in rosa gekleidetes Mädchen mit einem Kranz aus Rosen, ging unter einem kleinen rosa Baldachin, den vier Mädchen trugen und streute Rosenblätter. Weil aber dieses „Königin-Sein“ mit einer großen Geldspende verbunden war, blieb dies den reichen Familien vorbehalten. Aber wir anderen waren trotzdem nicht neidig und erfreuten uns an dem schönen Anblick.

Der ganze Ort war mit grünen Birkenzweigen geschmückt, in vielen Fenstern standen Heiligenbilder und brennende Kerzen. Die Weinbauer hatten eine eigene Gruppe. Sie kamen in ihrer Tracht mit den blauen Schürzen, trugen Geräte und Fäßchen, manchmal auch künstliche Weintrauben (es war ja Mai oder Juni). Dass die Musikkapelle nicht fehlte, ist klar. Aber auch die Schützen waren da, und nach jedem Halt bei einem Altar knallten ihre Schüsse. Wer sich rechtzeitig die Ohren zuhielt, tat gut daran!

Krankenschwester mit Häubchen schieben einen Christbaum mit brennenden Kerzen vor sich her. Davor gehen zwei Mädchen, die als Engel verkleidet sind. Im Hintergrund eine Patientin im Bett.
Weihnachten im Rudolfinerhaus, 1930 (Aquarell)

Im Rudolfinerhaus war es zumindest bis in die dreißiger Jahre Brauch, am Weihnachtsabend die Patientinnen der Geburtsabteilung zu erfreuen. Singende Rudolfiner-Schwestern gingen hinter einem Lichterbäumchen, das auf einem Wägelchen geführt wurde, durch den Gang. Zwei kleine Mädchen, die liebevoll in der Wäscherei des Spitals als „Engerln“ verkleidet worden waren, brachten den jungen Müttern eine Tasse Bäckerei und ein Billett mit guten Wünschen.

In meiner Volksschulzeit war auch ich eines dieser „Engerln“. Es war jedes Jahr ein wunderschönes Erlebnis! An einem geschützten Platz saß oder kniete eine als Maria verkleidete Rudolfiner-Schwester bei einer Krippe, in der ein „lebendiges Christkinderl“ lag.

Ein für mich besonderes Erlebnis, an das ich mich allerdings nicht erinnern kann, war, dass ich selbst als vier Tage altes Kind in einem solchen Kripperl lag! Weil meine Mutter im Ersten Weltkrieg Rudolfiner-Schwester war, hatte ich diese Ehre! Leider gibt es kein Foto davon, dafür aber eine kleine Geschichte: Meinem Bruder, der gerade zu Besuch dort sein durfte, sagte eine Rudolfiner-Schwester: „Schau, das ist das liebe Christkindlein!“ Darauf mein Bruder, selbst noch sehr klein: „Nein, das ist nicht das liebe Christkindlein, das ist meine Schwester!“

Ein Autobus, im Hintergrund Häuser
Schulausflug 1933, Döblinger Hauptstraße (Aquarell)

Mit diesem Autobus starteten wir am 1.6.1933 zu einem Schulausflug nach Mariazell. Doch bei irgendeinem (wohl holprigen) Bahnübergang gab es einen „Knacks“ und ein paar Meter weiter blieb der Bus stecken. Per Telefon (Handy gab es ja noch nicht) wurde „von irgendwo“ ein Ersatz-Bus angefordert. Bis dahin war genügend Zeit, den Bus zu fotografieren.

Baustelle mit Arbeitspferden
Bau der Wiener Höhenstraße 1934 (Aquarell)

Es war bei Baubeginn (nahe dem Platz des Spatenstichs) der Wiener Höhenstraße, als mein Vater dieses Foto knipste, das mir als Vorlage für dieses Bild diente. Heute kann sich wohl niemand mehr vorstellen, dass auf so eine Art eine Straße gebaut wird! Aber so war es  wirklich! Ich habe versucht, die Stimmung des kleinen Fotos wiederzugeben.

Der Spatenstich zur Höhenstraße erfolgte am 18.5.1933 durch den damaligen Bundeskanzler Dr. Dollfuß. Starker Regen erschwerte dieses Ereignis, so dass fast niemand anwesend war! Der Kanzler tat in Begleitung von ca. sechs Herren seinen wichtigen (und „nassen“) Spatenstich. Es wurde eine sehr kurze Feier. Die einzigen Zuschauer waren zwei Kinder, die den Regen nicht scheuten: Mein Bruder und ich! Ich sehe dieses „regendunkle“ Bild noch deutlich vor mir.

Informationen zum Artikel:

"Ich bin ein Grinzinger Kind!"

Verfasst von Ella Gams

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 19. Bezirk, Grinzing; Döbling
  • Zeit: 1910er Jahre, 1920er Jahre, 1930er Jahre, 1940er Jahre

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