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Sommerfrische im Schloss

von Edith Mrázek-Sommer

Ein Pferd, auf dem drei Kinder sitzen, daneben ein Mann in Knickerbockerhosen, Krawatte und Sakko; vor dem Schloss Ottensheim in Oberösterreich.

Auf dem Foto sieht man drei Kinder auf dem Rücken eines Pferdes, ein  Mann in sogenannten “Knickerbockerhosen” steht daneben und passt auf, dass das Pferd sich ruhig verhält. Der Mann ist der Pächter des Schlosses Ottensheim in Oberösterreich, nicht weit von Linz an der Donau. Das kleine Mädchen, das ganz konzentriert die Zügel in der Hand hält, bin ich, die beiden Buben hinter mir heißen Rüdiger und Fredi; ersterer ist der Sohn des Schlosspächters, der andere sein Freund, der sich so wie ich mit seinen Eltern „auf Sommerfrische” in dem zur Gästepension umgebauten Schloss befindet. Ich muss etwa vier Jahre alt gewesen sein; das Bild stammt also etwa aus dem Jahre 1931.

Da mein Vater als Werbeleiter des Österreichischen Bundesverlages oft in der Linzer Buchhandlung Haslinger zu tun hatte (vielleicht gab es stärkere Beziehungen gerade zu dieser Buchhandlung), machten wir in diesen Jahren öfter „Sommerfrische” in Oberösterreich. Der Pächter beschäftigte sich tagsüber viel mit uns Kindern, ich war zwar noch etwas zu klein für die Buben, trotzdem scheinen sie mich akzeptiert zu haben.

Eine Schotterinsel in der Donau, man sieht im Hintergrund die Bäume des Ufers. Zwei Kinder mit Umhängen und Federschmuck am Kopf, ein improvisiertes Wigwam aus Zweigen und einem weißen Tuch.

Ich durfte sogar einmal mit ihnen und Rüdigers Vater im Boot zu einer kleinen Insel auf der Donau mitfahren, auf der sie Indianer spielten und eine Art Zelt aufgebaut hatten, ein „Wigwam”, in dem ich die Squaw spielen musste. Anscheinend machte ich das doch einigermaßen zur Zufriedenheit der Indianer, sodass mich einer nach dem andern immer wieder fragte, ob ich ihn heiraten wollte. Da ich damals noch immer nicht das „r” aussprechen konnte, antwortete ich brav: „Ja, ich heiate dich Üdiger”, und dann genau so: „Ja, ich heiate dich, Fedi.” Hat man mir das erzählt? Wahrscheinlich, genau so wie die sich wiederholenden Aufforderungen  der Sommergäste: „Sag doch: ‚Warum schreist du so?’” Worauf ich gutgläubig immer wieder den Satz – natürlich ohne „r” – nachsprach.

Nicht so lustig war es abends, denn da veranstaltete der Hausherr für die erwachsenen Gäste allerlei Unterhaltungen, an denen meine Eltern natürlich teilnahmen und mich ganz allein im Zimmer in meinem Bett zurückließen, sodass ich einmal aufwachte, weinend im Schloss herumirrte und „Mama, Mama!” schrie (deshalb wahrscheinlich der Satz „Warum schreist du so?”).

Um mich zu trösten, erzählte mir meine Mutter, was für eine Unterhaltung an diesem Abend stattgefunden habe – nämlich „Tischerlrücken“! Alle mussten sich um einen runden Tisch setzen, einander die Hände geben und  Fragen an einen Geist stellen, der angeblich anwesend sei, und der Geist würde mit dem Tischerl mehrmals auf den Boden klopfen. Die Zahl der „Klopfer” entspreche jeweils entweder ja (einmal) oder nein (zweimal). Aber das Tischchen habe zunächst nicht geklopft, weil meine Mutter durch ihren Zweifel den Geist beleidigt habe, sie musste hinausgehen; erst mein Vater hat es dann klopfen gehört. Es gab sicher noch andere sogenannte „Gesellschaftsspiele”, wo man etwas erraten oder ein Pfand geben musste. Ich habe das später in anderen Sommerfrischen selbst erlebt, als ich abends schon aufbleiben durfte. Warum sich die Erwachsenen so kindisch benahmen? – Sie hatten ja kein Fernsehen, die Armen!

Ich habe Rüdiger viel später wieder gesehen, es war bereits Krieg und er kam in Uniform mit seinem Vater und – war es nun Ernst oder noch Spaß? – erinnerte mich an mein damaliges Versprechen, ich würde ihn „heiaten”. Ich war damals noch ein Schulmädchen und hatte noch nichts für Männer und schon gar nichts für Rüdiger übrig – er hatte zu große Hände und gefiel mir auch so nicht. Außerdem kamen von Zeit zu Zeit zwei Neffen meiner Mutter zu Besuch, die in Wien auf Studienurlaub waren, um Technik zu studieren. Sie halfen mir bei meinen Mathematikaufgaben. Mit dem einen habe ich mich dann verlobt, ihn aber nicht geheiratet, weil er Priester werden wollte!

Informationen zum Artikel:

Sommerfrische im Schloss

Verfasst von Edith Mrázek-Sommer

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Mühlviertel, Ottensheim
  • Zeit: 1931

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