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Unsere Wohnung - 1945–1965

von Elisabeth Krug

Das Eckhaus Gürtel-Josefstädterstraße im 8. Wiener Gemeindebezirk war eine Bombenruine, als meine Mutter aus dem Waldviertel zurückkehrte. Die letzten Kriegsmonate hatte sie mit mir und meinem Bruder – wir waren zweieinhalb und fünf Jahre alt – im Hinterzimmer eines Bauernhauses verbracht.

 

bombenbeschädigtes Haus am Wiener Gürtel

bombenbeschädigtes Haus am Wiener Gürtel

Der Anblick der ausgebombten Wohnung ist meine erste scharfe Erinnerung. Ich sehe uns zwei Kleinkinder dick vermummt in viel zu großen Kleidungsstücken und die Eltern beim Mörtel mischen. Ein Holztrog stand zwischen Schutt und Scherben auf dem Boden des Speisezimmers. Von der Trennwand zum Kabinett waren nur mehr ein paar Mauerreste übrig. Mein Vater schichtete Ziegel auf, die er aus zerstörten Häusern der Umgebung zusammengetragen hatte, meine Mutter verschmierte die Fugen.

Heute erscheint es mir wie ein Wunder, dass meine Eltern aus diesem Trümmerhaufen ein geborgenes Zuhause schaffen konnten, in dem die Familie während der folgenden zwei Jahrzehnte lebte.

Die Wohnung meiner Kindheit sehe ich in vielen Details vor mir. Über mehrere Treppenabsätze mit kunstvoll verziertem Eisengeländer gelangten wir in den ersten Stock. Von ursprünglich drei Wohnungen waren nur mehr zwei vorhanden. Die mittlere Wohnungstür war durch ein Provisorium aus dicker Pappe ersetzt. Jeder konnte es öffnen und in den Bombenkrater bis in den zerstörten Keller hinunterblicken. Das war uns Kindern streng verboten, aber wir hielten uns nicht daran. Immer wieder schlichen wir heimlich durch die Pappendeckeltür, balancierten auf einem schmalen Mauersims zu einem halbwegs erhaltenen Raum und versteckten dort manche Geheimnisse.

Zu unserer Wohnung führte der Gang um die Ecke. Dunkelbraun glänzte die Eingangstür und oberhalb des Briefschlitzes blinkte ein Messingschild mit dem eingravierten Familiennamen GASSINGER. Wer in die Wohnung eintrat, befand sich auf „sauberem“ Boden. Dafür sorgte meine Mutter mit unermüdlichem Putzeifer; auch verstand sie es, mit einfachsten Mitteln eine helle, fröhliche Atmosphäre zu verbreiten. Sogar das Klo gegenüber der Eingangstür wirkte gemütlich. Stapel von alten Zeitungen lagen auf dem Boden und es roch nach Vater – das heißt nach billigen Zigaretten. Rauchen durfte er nur auf dem Klo und er verband es stets mit ausgiebigem Zeitunglesen.

Das Vorzimmer glich einem schmalen Tunnel. Hohe, altmodische Kästen, die entlang einer Wand aneinandergereiht waren, verstärkten diesen Eindruck. An der gegenüberliegenden Seite hatte nur eine einfache Holzbank Platz. Tausendmal betrachtete ich die oberhalb dieser Bank angebrachten Bilder. Sie waren allesamt Arbeiten meiner Mutter, die sie als Schülerin der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt angefertigt hatte. Im Vorzimmertunnel gab es an beiden Enden eine Lichtquelle. Vorne konnten wir durch ein Fenster in einen außerordentlich düsteren Hof blicken, der von Ratten bevölkert war. Gegenüber schimmerte durch eine Glastür Licht aus dem Speisezimmer.

Der Vorzimmerschlauch bog links ab, von dort ging es in die Küche und in das Badezimmer. Durch den Speiseraum gelangten wir links in das Schlafzimmer der Eltern, rechts in ein Kabinett, in dem gerade zwei Betten für uns Kinder, eine Spielzeugkommode und ein altes Pianino Platz fanden. Oft pfiff der Wind um die ungeschützten Außenmauern und unter dem provisorischen Dach gurrte eine wahre Horde Tauben.

Das Speisezimmer war so etwas wie unser prunkvoller Raum, bestückt mit schweren Mahagonimöbeln, die meine Eltern zu einem erschwinglichen Preis aus dem Nachlass eines Barons erworben hatten. Der von meinem Vater gezimmerte Bretterboden passte nicht zur stilvollen Einrichtung, aber er war größtenteils unter einem Teppich mit Blumenmuster verborgen. Ein schwerer quadratischer Tisch stand in der Mitte. Er war an beiden Seiten ausziehbar, dann stimmten seine Maße ungefähr mit denen eines Tischtennistisches überein. Im Laufe meiner Kindheit trugen wir hier unzählige Ping-Pong-Duelle aus. Diese Sportart verhalf uns zu einer treuen Freundesschar und ich habe noch den hellen Klang im Ohr, wenn der kleine weiße Ball zwischen den Gehängen des Kristalllusters herumsprang.

Leider war der Prunkraum kaum beheizbar. Jedes Jahr vor Weihnachten versuchte meine Mutter tagelang, dem mittels einer Wandverkleidung als Eckkamin getarnten Kohleofen Wärme zu entlocken. Das gelang immer erst, nachdem er dicke Rauchschwaden ausgespuckt hatte, weshalb es bei der Bescherung am Heiligen Abend wie in einer Selchkammer roch.

Ein kleiner Eisenofen in der Wohnküche funktionierte zum Glück tadellos. Ihm gegenüber stand eine mannshohe Holzkiste. Darin wurde alles erdenkliche Brennmaterial gesammelt. Sonntagsausflüge dienten uns vor allem dazu, im Wienerwald  Äste zu sammeln und bündelweise heimzuschleppen.  Wasser zum Geschirrspülen musste meine Mutter auf dem Gasherd erhitzen – immerhin, wir hatten eine Wasserleitung in der Küche. Die gusseiserne Bassena wäre nach heutigen Begriffen ein Schmuckstück. An den Duft von Gewürzen, der aus dem Küchenkasten drang, kann ich mich noch gut erinnern. Den Mittelpunkt unseres Familienlebens bildete ein alter Holztisch mit zwei Sesseln für Vater und Mutter und einer Eckbank. Dort lagen wir Kinder, in Wolldecken gewickelt, den Kopf auf bunte Kissen gebettet, wenn wir krank waren, dort machten wir unsere Aufgaben, dort stritten wir um den Platz, wenn mein Bruder basteln und ich zeichnen wollte. Auf dem breiten Fenstersims dahinter stand ein Radio, zuerst ein schwarzer Volksempfänger, später ein eleganteres Modell. Neben der Eckbank hing eine geschnitzte Kuckucksuhr an der Wand. Die stündlichen Rufe des kleinen Vogels haben mich zählen gelehrt.

Jeden Samstag Nachmittag heizte meine Mutter den hohen, zylinderförmigen Ofen im Badezimmer.  Bis zum Abend entwickelte sich in dem schmalen, fensterlosen Raum eine saunaartige Hitze. Wir Kinder saßen fast bis zum Jugendalter zu zweit in der weiß emaillierten Wanne, der wir nach ausgiebigem Badespaß wie rot gesottene Krebse entstiegen.

Das Badezimmer diente auch als Waschküche.  Ausgekocht wurden die Wäschestücke in großen Töpfen auf dem Gasherd, anschließend mit der Waschrumpel bearbeitet und in der Badewanne mit kaltem Wasser geschwemmt. Das Auswinden der Leintücher und Tuchentbezüge war Schwerarbeit.

Obwohl es so schwierig  war wenigstens einzelne Räume unserer Wohnung zu beheizen, durften mein Bruder und ich eine warme Kindheit erleben. Das verdanken wir – im wahrsten Sinn des Wortes – dem bombensicheren Zusammenhalten der Eltern.

 

1965 wurde das Haus niedergerissen und an seiner Stelle ein Genossenschaftshaus mit Eigentumswohnungen errichtet.

Wohnhaus am Wiener Gürtel

Informationen zum Artikel:

Unsere Wohnung - 1945–1965

Verfasst von Elisabeth Krug

Auf MSG publiziert im August 2012

In: Erinnerungsbücher, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 8. Bezirk, Gürtel, Josefstädterstraße
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre, 1960er Jahre

Anmerkungen

Dieser Textbeitrag wurde Elisabeth Krugs Erinnerungsbuch "War das schon das Wirtschaftswunder? Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit" entnommen. Das Buch ist 2012 im Verlag Edition Weinviertel erschienen.

© Edition Weinviertel

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