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Die Grünbacher Bevölkerung erlebt den Einmarsch der Roten Armee

von Rudolf Nardelli

Hier soll nun im weiteren über die letzten Tage dieses grauenhaftesten Krieges aller Zeiten im Kleinen reflektiert werden. Wie etwa die Bevölkerung eines kleinen, aber strategisch durch seinen Kohlenbergbau bedeutsamen Ortes im damaligen Niederdonau das zweideutige Ende der letzten Kriegstage erlebt hatte. War bereits der Beginn des letzten Kriegsjahres 1945 von sorgenvollen Ahnungen und Ängsten geprägt, so steigerten sich diese seit Beginn der Karwoche, also seit dem 26. März, ins beinahe Unerträgliche. Die Bombardierungen durch die Flugzeuge der Alliierten nahmen an Intensität zu, Flüchtlingsmassen aus den von den Russen eroberten Gebieten schleppten sich auf der Straße dahin, viele suchten im Westen Schutz vor dem Feind zu finden und auch etliche total verängstigte Grünbacher, Alte, Frauen und Kinder, folgten den Aufrufen zur Flucht vor dem Ungewissen, dem Feind der Vernichtung. Gräuel und Tod bringen würde. Doch die meisten der Einwohner blieben lieber daheim. Wo sollten sie auch mit ein wenig Hab und Gut Zuflucht finden?

Seit dem späteren Nachmittag am Ostersonntag, dem 1. April, suchten etwa 100 Personen Zuflucht in einem aufgelassenen Bergwerksstollen (ehemaliges Pulverlager) in der Nähe der Bergwerksanlage, in der infolge des zu erwarteten Kriegsendes seit Tagen nicht mehr gearbeitet wurde. In diesem Betrieb arbeiteten auch über hundert Kriegsgefangene, Franzosen, Engländer, Serben, aber hauptsächlich hinter Stacheldraht verwahrte Russen, die nun, ihrer Bewacher entledigt, gleichsam zivil dahinvegetierten und sich selbst organisiert hatten.

Das von ständiger Angst geprägte mehrtägige Dasein im Luftschutzstollen gestaltete sich ruhig. Es gab ein Kommen und Gehen. Denn wenn keine unmittelbare Gefahr durch Artilleriegedröhne drohte, bewegte man sich auch etwas im Freien. Für etwaige Krankheitsfälle war durch Sanitäter gesorgt. Natürlich herrschte angespannte Erwartung des noch Bevorstehenden. Man wurde auch mit mündlichen Nachrichten versorgt. Etwa, dass sich im so genannten Spitzgraben, einer Straßenfurche zwischen Höflein und Grünbach, Kämpfe abspielten, die dazu dienten, die vorrückenden Russen (eigentlich Ukrainer), wenigstens für kurze Zeit am weiteren Vordringen zu hindern. Zu den Kämpfern auf deutscher Seite gehörten auch etliche Männer des Volkssturms, die aus Alters- bzw. Gesundheitsgründen nicht zum Militärdienst eingezogen worden waren. Es war also ein letztes sinnloses Aufgebot, das man hier einer gewaltigen Übermacht gegenübergestellt hatte. Sehr bald hatte sich der Volkssturm infolge Führungslosigkeit im allgemeinen Chaos aufgelöst und die meisten Männer kehrten zum Glück zurück nach Hause.

Im Luftschutzstollen verlief der Tagesablauf einigermaßen geordnet. Plötzlich eine schreckliche Meldung eines Sanitäters. Eine allen sehr bekannte Frau hatte sich aus Angst vor der herannahenden Armada mit ihrem Revolver eine Kugel in die Schläfe gejagt. Sie röchelte noch eine Zeit lang dahin, bis sie der Tod erlöste. Das bedeutete einen Schock für die Bunkerinsassen. Bald danach rief eine Stimme: „Die Russen sind da, alle ins Freie hinaus!“ Erstaunlicherweise geschah nichts. Die fremden Soldaten verhielten sich ruhig, fast sogar freundlich. Die ärgsten Ängste schienen überwunden. Man begrüßte sich auf Deutsch und Russisch.

Alle begaben sich mit ihren Decken und dem kärglichen Proviant in ihre fast zur Gänze unversehrten Wohnungen zurück.

Die in der Nähe errichteten Stellungen der kleinen Artillerie und MG-Schützen waren von den deutschen Soldaten schon zeitgerecht verlassen worden. Sie versuchten auch zu flüchten. Uniformteile lagen herum. In gestohlener Zivilkleidung suchten sie dem Tod oder der Gefangenschaft zu entgehen. Noch hörte man vereinzelte Schüsse.

Rückkehr in unser Wohnhaus in der Steigersiedlung

Unsere Mutter, meine kleinere Schwester und ich fanden das Gartentor offen vor. Die Verandatür war aufgebrochen, doch im Inneren des Hauses schien kaum etwas zu fehlen. Ich glaube, wir sprachen ein kurzes Dankgebet, dass wir, schrecklich müde von den nervlichen Strapazen und hungrig aber heil wieder daheim sein durften.

Mama hatte auch einigen Frauen, die ohne ihre Männer waren, Unterschlupf gewährt. Denn die größte Angst war ja die, vergewaltigt zu werden, wovon sich die wenigsten eine Vorstellung machen konnten. Und unsere unglaublich couragierte, von vertrauensvollem Glauben getragene und großes Mitleid fühlende Mutter vermochte alle zu beschützen, die in ihrer Nähe waren. Es kamen Soldaten bei der Küchentür herein, fragten, wo der Mann sei. Unser Vater hatte als Sanitäter zahlreiche Menschen zu betreuen, war also nicht bei uns. Und wer diese Frau sei. Mama hatte sie als Alte und etwas Blöde hergerichtet und eingeschult. Eine Szene fast wie im Theater. Die Fähigkeit sich den Umständen anzupassen war notwendig, um Übergriffen und Misshandlungen zu entkommen.

Endlich kam auch Vater wieder nach Hause, was uns ein sicheres Gefühl vermittelte, denn es gab zahlreiche Visitationen der Soldaten, bis wir draufkamen, dass die militärische Rangordnung in der Disziplin eine große Rolle spielte. Die nächsten Tage gestalteten sich so, dass ein Kommissar, der immer seine Pistole vor sich auf den Tisch gelegt hatte, wissen wollte, wo sich ehemalige Nazis des Ortes aufhalten könnten. Er konnte keine zufriedenstellende Antwort erhalten. Und da er uns immer wieder besuchte, kam mein Vater zuletzt auf die Idee, ihn durch Musizieren bei Laune zu halten. Meine Schwester spielte Geige und ich beherrschte einige Klavierstücke. Also spielten wir fast täglich zu seiner Unterhaltung, der schon mit den Worten das Zimmer betrat: „Bitte spielen! Spielen, bitte!“ Das taten wir mit hingebungsvoller Freude und lernten bei dieser Gelegenheit unser Musikprogramm immer besser zu beherrschen. Ich musste am Klavier auch die russische Hymne spielen, die ich mir in kürzester Zeit eingelernt hatte. Und natürlich durften auch einige sentimentale russische Volksweisen nicht fehlen. Und der Kommissar, der immer seine Wodkaflasche bei sich hatte, war über alle Maßen zufrieden und immer freundlich.

Vater sitzend mit Cello und zwei Kindern mit Musikinstrumenten, Mutter im Hintergrund

Mir wurde damals besonders bewusst, wie vorteilhaft es war, ein Instrument einigermaßen gut zu spielen. Denn Musik vermag immer eine grübelnde Stimmung aufzuhellen oder ganz zu verscheuchen. In Verbindung mit dem Schluck aus der Wodkaflasche entstand eine fast familiäre Atmosphäre, und wir genossen den Schutz vor Übergriffen durch vagabundierende Soldaten, die sofort salutierten und verschwanden, wenn sie unseren „Besucher“ erblickten.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Die Grünbacher Bevölkerung erlebt den Einmarsch der Roten Armee

Verfasst von Rudolf Nardelli

Auf MSG publiziert im Juli 2011

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Industrieviertel, Grünbach
  • Zeit: 1945

Anmerkungen

Der Beitrag stammt aus dem Erinnerungsbuch "Grünbacher G'schichten. Ostern 1945", Wien 2011, S. 76-79, und ist einer von knapp 30 Zeitzeugenberichten, die Karl Kalisch in der Region um Grünbach am Schneeberg gesammelt und - mit zahlreichen Abbildungen versehen - in Buchform zusammengestellt hat.

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