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Regeninsel I - So fing es an

von Traude Veran

Wien, Anfang Dezember

"Madeira?", schlug ich vor.

Die Ärztin schaute verblüfft. Warm und feucht, hatte sie gesagt, dabei aber vermutlich an eine Wohnung mit Luftbefeuchter und höher gedrehtem Thermostat gedacht. Madeira war natürlich die bessere Lösung.

Ich bin keine erfahrene Reisende. Zuletzt war ich vor fast 30 Jahren am Meer. Aber nun hat es mich überfallen, von einer Minute auf die andere. Drei Tage später ist Madeira gebucht.

Was ich allerdings nicht bedacht habe: In diesem Winter treibt El Niño seine Possen. Und die sind oft grob.

Anwesen mit einstöckigen Gebäuden, roten Ziegeldächern und Boot am nahen Strand

Samstag, 17. Januar

Warm ist es in Wien, acht Plusgrade. Rechtzeitig aufgewacht, Taxi überpünktlich. Mein Gepäck ist nicht schwer, ich werde mehr zurückbringen können, als ich hintrage. Eine kleine Aufregung kribbelt in meiner Brust: Werde ich mich der Suggestion der Mitbringselverkäufer entziehen können? Werde ich dem einen, intimen, ganz persönlichen Erinnerungsstück begegnen?

Im Duty-free-Shop am Flughafen bieten sie alles an, was ich nicht brauche, und das in bester Qualität. Es ist gesichtslos internationale Ware, an ihr könnte ich nicht erkennen, in welcher Stadt ich mich befinde. Dieses Steuerfreiparadies hat etwas von einer Falle an sich: Bist du einmal drin, kannst du nicht mehr zurück; du findest hier, was dein Herz begehrt, vom WC bis zum Brillantring, nur eines nicht: hinaus.

Der Bus fährt und fährt übers Rollfeld, bald müssen wir in Bratislava sein. Schließlich eine bunt bemalte Sardinenbüchse: spanische Fluglinie, die komplette Crew blond.

Wir heben ab. Im Morgenlicht die Dörfer hinter Schwechat. Ob die Bewohner, wenn sie heute, am Wochenende, ausschlafen wollen, uns Drüberbrausende auch so idyllisch finden?

Bald nach dem Start wird ein Mittagessen serviert, das sie Frühstück nennen. Es schmeckt mir, ich bin ja schon vier Stunden auf.

Unter uns hübsch gerippte Wolkenteppiche. Wenn das alles nach Wien kommt, wird es dort recht feucht werden. Im ersten Sichtloch eine große Wasserfläche mit Eisfeldern, gefolgt von schneeloser Mittelgebirgslandschaft. Was kann das sein? Die Stewardess ist überfragt, ich einige mich mit meiner Sitznachbarin auf Bodensee. Was mag es wirklich gewesen sein?

Die Wolkendecke unter uns wird immer fadenscheiniger. Höhere Berge, über der Baumgrenze Schnee. Die Gebirge wirken klein, wir sehen sie gleich einem Gesicht voller Runzeln, die Maße ihrer Grund-, nicht ihrer Oberfläche. In der Draufsicht kann ich Höhen kaum abschätzen, mir bleibt nur der Denkumweg über die Baumgrenze. Manchmal errate ich Gipfel weit weg im Dunst, ihre Wolkenkappen überragen sie.

Ein erstaunlich großer Teil Europas, das ich für einen dicht besiedelten Kontinent gehalten habe, ist Ackerland; mir wird klar, wieso die Bauern in der EU ein so gewichtiges Wort mitzureden haben. Ortschaften, zuerst ins Umland ausufernd und je weiter südwärts wir kommen, desto enger umgrenzt, nehmen nur wenig Raum ein. Ich unterscheide verschiedene Arten, wie sich Städte entwickeln: ringförmig, aus mehreren Zentren zusammenwachsend, fächerförmig von einem Punkt ausgehend (Bahnhof? Fabrik?), entlang eines Wasserlaufs.

Dass wir jetzt über Frankreich sind, erkenne ich an den Atomkraftwerken. Sie - und eine Kathedrale sind das Einzige, das sich von hier oben deutlich ausnehmen lässt. Philosophische Betrachtungen dazu erspare ich mir.

Der Flugkapitän gibt die erste Lagemeldung durch: Barcelona, ein gegliedertes, helles Lebewesen am Wasser. Wir überqueren Spanien, auch dort nur die höchsten Gipfel im Schnee.

Atlantik. Er hält sich bedeckt. Zeigt minutenlang seine Küstenlinie, zieht dann wieder die Daunen drüber. Bald schon steigen die Wolken - nein, wir sinken. Unter uns ein unregelmäßig weiß getupfter Schleier über dem Wasser. Schon wieder eine Täuschung: Es sind Schaumkronen. Und da ist die Insel, Madeira. Verdammt kurze Landebahn, endet auf Stelzen im Meer.

Natalia vom Reisebüro und der Bus warten auf uns. Alle Koffer sind eingelangt. Und ein Hund, ein Riesenschnauzer. Er muss eine Großpackung Valium bekommen haben. Als sein Herrl den Käfig vom Band hebt, sagt er nur schüchtern "Wiiieeh". Mein Zielort heißt Caniço de Baixo, zu deutsch: Unterrohr. Er liegt am Meer, das Dorf Caniço, also Rohr, weiter oben am Hang. Mein erster Eindruck: Caniço gehört den Madeirensern, Caniço de Baixo den Zugereisten. Er wird sich später bestätigen, hier unten leben neben den Hotels und Appartementhäusern viele Deutsche in eigenen Villen, auch ganzjährig.

Ich habe ein Appartement, "Studio" heißt das hier, mit Frühstück gebucht. Es liegt in einem Nebengebäude der weitläufigen, modernen Hotelanlage, ist luftig, zweckmäßig, mit großer Terrasse. Von der äußerster Ecke kann ich, wenn ich mich übers Geländer beuge, sogar den gebuchten Meerblick genießen. Ich jammere an der Rezeption herum und man sichert mir für Donnerstag ein Zimmer auf der Seeseite zu.

Schreibtisch ist da, wenn auch der Fernseher draufsteht. Da werde ich um das halbherzig geplante Tagebuch wohl nicht herumkommen. Der Einstieg in die Badewanne erweist sich als eher schwierig, zum Ausgleich gibt es ein Bidet. Eine praktische Küchenecke, nur die Teelöffel hat jemand mitgehen lassen.

Inzwischen ist es zwei Uhr. Um meinen verspannten Rücken zu lockern, marschiere ich in scharfem Tempo aufwärts. Alle Wege führen hier aufwärts, sehr aufwärts! Also weiche ich nach links ab, dort sieht es nicht gar so steil aus, und nehme nach einer Weile eine Abkürzung. Da steht ein nagelneues Haus, Türen und Fenster aufgerissen; über einen dicken Schlauch wird Wasser zum Fenster herausgepumpt und plätschert auf den Gehsteig; über Zäunen und Geländern hängen allerhand Teppiche, auf der Terrasse werden Möbel zum Trocknen gewendet. Ein Alptraum, die Bewohner haben mein Mitgefühl.

Pflanzen

Was auf meinem Wiener Fensterbrett in Zentimetern wächst, gibt es hier in Metern: Gummibäume, Zimmerlinden; Palmen, viele mit Fruchtständen; Kakteen; Aloen; Agaven, besonders die Schwanenhalsagave mit ihrem meterlangen, armdicken Blütenstand, gebeugt vom eigenen Gewicht. Sie blüht sich langsam bis zur Spitze vor; nahe der Blattrosette reifen bereits Samen, während am Ende noch die Knospen sitzen. In einem bestimmten Stadium ist der Schwan perfekt: Der schmälere, leicht geschwungene Knospenteil bildet den Schnabel, die Blütenzone den Kopf, das Abgeblühte den Hals.

Der Drachenbaum, Dracaena draco, ein vielhalsiges Ungeheuer mit Büscheln spitzer Blätter auf mächtigem Stamm. Er hat scheinbar so gar nichts zu tun mit unseren zarten Dracaenen. Aber jetzt weiß ich, warum die so heißen! Ein anderer Urzeitbaum trägt Äste, die sich nicht verjüngen, und keine Zweige. Mit walzenförmigen Armen greift er kahl in den Himmel.

Im Winter blühen die Roten, sagt einer, der jedes Jahr herkommt. Bougainvilleen in Purpur und die orangefarbenen Schlündchen der Feuerbignonie dominieren die Hecken, neben-, auf- und durcheinander in unerhörter, schriller Farbzweiheit. Schmetterlingsgroße Hibiskusblüten, aber vereinzelt und irgendwie lustlos; ist wohl nicht die richtige Jahreszeit. Die Weihnachtssterne spielen leuchtend rote Blüten auf langen, kahlen Raupenstengeln, aber ich weiß es besser: Das sind Scheinblüten, rotgefärbte Blätter, die Befeuerung des Insektenlandeplatzes.

Rizinus, der Wunderbaum, der ein Busch ist, macht sich breit und protzt mit allen Stadien der Reife zugleich, von den lieblichen Blüten bis zu den stachligen Fruchtkugeln. Auch im Laub der Orangenbäume sowohl Blüten als Früchte.

Aus Astgabeln wachsen Pflanzen, keine Schmarotzer: Kaum hat sich ein bisschen Humus verfangen, sprießt es daraus hervor. Manche Leute setzen Geranien in die Fugen über abgeschnittenen Palmwedeln.

Die Opuntien, Kakteen, die sich auch in Wien schamlos vermehren, lassen ihre Ohrwascheln fallen; die kollern ein bisschen, trocknen ein und plötzlich wächst mitten aus dem holzigen Strunk ein neuer Kaktus. Sie sind unempfindlich gegen Salz, lehnen sich in die Abgründe übers Meer hinaus. Viele von ihnen tragen Feigen.

Zedern, Kiefern, mächtige Bäume; die Araukarien, bei uns unpassenderweise als Zimmertannen bekannt, überragen alles mit ihren bizarren Formen, starr, viel zu regelmäßig, wie aus Krepppapier und Draht gewickelt. Was einer einzigen großen Nadel gleicht, ist ein Zweig, an dem die Nadeln anliegen, und die Zweigbüschel ragen wie Bartwische von den Ästen auf. Eine andere Araukarienart heißt Affenschreck und sieht genauso aus: verwegenes Astgetümmel mit mächtigen dunklen Schöpfen am Ende.

Die Laubbäume drängen sich nicht auf. Manche sind kahl, so die Platanen und die meisten Obstbäume. Sie zeigen sehr diskret Winter an, wie auch der Wein, der an einigen Stellen noch ein paar alte Blätter festhält, an anderen treibt er schon neu aus.

Gemüsebeete auf den Hangterrassen. Abgeerntete Felder werden sofort nachbesetzt: Zwiebeln in allen Wachstumsphasen, Ostern bis Allerheiligen nebeneinander. Überall Kohl - aber nicht auf den Speisekarten der Touristenlokale.

Rasen; das ist nicht so eine zart besaitete Fädchengesellschaft wie bei uns, sondern stabiles Gras, harte, breite kleine Schäfte; die einzelnen Büschel liefern sich einen Verdrängungswettkampf, wachsen übereinander, so dass unter dem Grün ein gelber Filzteppich liegt. Ganz kurz kann man so etwas gar nicht schneiden.

In Caniço Lebensmittel gekauft, über die Serpentinenstraße zurück. Die ist ganz neu, hat keinen Gehsteig, dafür schräg abfallende Ränder. Es ist trotz bedeckten Himmels elend heiß, der Weg nimmt kein Ende. Da muss es doch noch eine andere Möglichkeit geben?

Landeinwärts hängt es, wattig und in abgestuften Dunkelgrautönen, fast bis zur Kirche von Caniço herunter. Seewärts ist es auch nicht freundlicher, irgendwo in der Runde des Meereshorizonts regnet es immer; von fern schaue ich zu und begreife, was das heißt: lokale Schauer.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Regeninsel I - So fing es an

Verfasst von Traude Veran

Auf MSG publiziert im Jänner 2011

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Österreich / Portugal, Madeira
  • Zeit: .Dezember 1997 bis .Jänner 1998

Anmerkungen

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Erinnerungsbuch von Traude Veran: Regeninsel. Winter in Madeira, Wien 2000, S. 6 ff.

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