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Vom Ministrant zum Hausknecht

von Leopold Berndl

Im Jahre 1877 kam ich zum ersten Mal zur heiligen Beichte. Im selben Jahre, im Februar, hab ich zum Ministrieren angefangen und ministrierte bis zum 12. März 1881. Mesner war dazumal der Handschuhmacher Anton Ozlon, der auch bei der Kirche begraben ist. Ich war mit Leib und Seele dabei. Ich war ein Streber, das Latein hatte mir’s angetan. Ich war täglich der erste droben bei der Kirche. Das hat dem Mesner gepasst, denn wenn er mich klopfen hörte, so kam er schon herabgeschlurft über die Stiege und reichte mir das Flaschl heraus und das Geld dazu, da musste ich ihm beim Kaufmann Constantin Kobsin einen Branntwein holen. Damals öffneten alle Geschäftsleute schon um 5 Uhr früh, auch im Winter. Dieses Flaschl hatte einen langen schmalen Kragen, den trank ich immer aus, dann reichte ich ihm’s von weitem hinein, damit er nichts riecht von meinem Mund.

Mesner verbeugt sich vor Pfarrer (Zeichnung)

Dann musste ich in der Kirche und Sakristei helfen alles herrichten, und wenn der Pfarrer zur Messe kam, da stellte sich der Mesner bei der Türe auf und grüßte: „Guten Morgen, Hochwürden, wünsch guten Morgen!“ Dabei beugte er sich, dass der Kopf bis unter die Knie kam. Ich konnte schon damals mit elf Jahren nicht fassen, wieso sich ein Mensch vor dem andern bücken muss! Heute weiß ich es: er hat sich nur darum so tief gebückt, dass der Pfarrer den Branntwein nicht schmecken soll.

Weil ich ein eifriger Ministrant war, so hab ich beim Mesner und auch bei die geistlichen Herren viel gegolten und wurde deshalb aufgefordert, die anderen zu belehren, wie man bei der Handlung alles richtig macht und wie man die Ministrantur richtig ausspricht, denn so mancher Bub sagte einen richtigen Unsinn daher. Auch wurde ich von verschiedenen Müttern eingeladen, ihren Buben im Haus die Ministrantur und das Ministrieren zu lehren. Das war so eine Art Hauslehrer. Da wurde ich dann in der Regel bewirtet, meistens mit Kasbrot oder Butterbrot.

Jungen läuten die Kirchenglocken (Zeichnung)

Das Mittagläuten um elfe und um zwölfe, das dem Mesner zugehörte, übergab er mir auch und zahlte mir dafür sechs Kreuzer für die Woche, das war täglich ein Kreuzer. Dieses Geschäft habe ich einige Jahre betrieben zur vollsten Zufriedenheit dieses versoffenen Mesners. Heute staune ich selbst darüber, dass ich so dumm war. Wir mussten das ganze Läuten besorgen und habe ich deshalb den Turm unzählige Male abgeklettert. Für das ganze Ministrieren und Läuten bekamen wir zu Georgi, 12. März, im ersten Jahr 50 Kreuzer, im zweiten Jahr einen Gulden, im dritten Jahr einen Gulden 50 Kreuzer, im vierten und fünften Jahr zwei Gulden, das war das Maximum, höher ging’s nimmer.

Im Jahre 1881, kurz vor Schulaustritt, hatte ich meine letzte Auszahlung und sollte zwei Gulden bekommen; meine Mutter hatte schon Plan gemacht, ich sollte einen neuen Spenser bekommen (doch mit des Schicksals finsteren Mächten), ich bin nämlich kurz zuvor zu einem Begräbnis nicht erschienen, so sagte der Herr Provisor Franz Maglock: „Der Berndl war nachlässig, er bekommt nur einen Gulden.“ Wenn er mich bei den Ohren genommen hätte, das hätte ich ruhig ertragen, aber einen Gulden vom Lidlohn abzuziehen, einen ganzen Gulden, die Hälfte vom Jahreslohn, und jetzt keinen neuen Spenser! Dieser Herr Provisor war sechs Jahre mein Katechet und hat mich gelehrt: Wer den verdienten Lidlohn vorenthält oder entzieht, begeht eine Todsünde, er kommt in die Hölle. Obwohl ich später, als er Pfarrer in Poysdorf war, öfter mit ihm ein Gespräch hatte und in meinem Gehirn dabei der Gulden spukte, bekommen hab ich ihn doch nimmer. Vielleicht hat er’s gebeichtet.

Das sind meine wichtigsten Erlebnisse aus meiner Ministrantenzeit, die mir noch lebendig im Gedächtnis sind.

(...)

Als dann mein Bruder geheiratet hatte und ich allein zu Hause bei der Mutter war, da ging’s mir gut, es waren meine schönsten Zeiten! Ich hatte aber ein riesiges Verlangen, einmal in die Fremde zu kommen, war aber keine Möglichkeit wegen der Arbeit zu Hause. Ich habe mir aber die Erlaubnis dazu selbst genommen.  Ein Freund von mir, Georg Erger, wurde dieses Jahr assentiert und musste am 1. Oktober einrücken. Er war in Altmannsdorf in der Breitenfurterstraße in einem Gasthaus bedienstet. Zu diesem fuhr ich an einem Sonntag hinein, nahm seinen Posten auf, fuhr wieder nach Hause und in vierzehn Tagen darauf, am 8.  September 1889, trat ich meinen Dienst als Hausknecht an.

Was ich in diesem Gasthaus gesehen, gehört und erlebt habe, war schon etwas. Ich war wie aus den Wolken gefallen. An Sonntagen da hatten wir in der Regel Tanzunterhaltung, wobei ein Schrammelquartett aufspielte. Als Gäste hatten wir die Perlmutterdrechsler und burgenländische Arbeiter, so genannte Heanzen.  Man stelle sich vor einen Menschen, der sein ganzes Leben nichts gekannt hat, als die ganze Woche fleißig arbeiten, am Sonntag in Predigt und Hochamt gehen und darnach ausrasten wieder für die nächste Woche und jetzt plötzlich unter Leuten ohne Moral, den meisten Wochenverdienst an einem Tag durchgebracht, den Rest am Montag.

Die Burgenländer waren ein lustiges Volk, aber sie waren sparsamer wie die Perlmutterdrechsler.  Ganz kurz gesagt, es war ein einziges großes Gesindel mit wenigen Ausnahmen. Aber lustig war’s doch! Getanzt wurde, dass der Staub aufging. Stiefelabsätze wurden verloren und die Flöh haben sie auch die meisten abgebeutelt. Das Tanzsalettl war mein Schlafraum, da wanderten sie mir alle zu. Ende September hatte ich so viele Flöh, dass es mich heute noch wundert, dass sie mich nicht aufgefressen haben. Wenn es die Kellnerei zuließ, so tanzte ich mit die Burgenländer Mädel. Besonders eine, die Hafner Mariedl von Steinamanger, die ein recht hübsches, nettes Mädel war, lud mich zu einem Tanz öfters ein, sagte immer, ich soll sie einmal besuchen. Ich habe sie nicht besucht, ich habe mich nicht getraut. Es war besser so.

Der Wirt hieß Fritz Müller, ein ehemaliger Feldwebel beim Linzer Hausregiment Nr. 14, ein ausgesprochener Narr und Säufer.  Einen Tag soff er Wein, den anderen Tag Bier, den dritten Branntwein und den vierten Wasser. Das hielt er regelmäßig und genau ein. Die Frau war krank, hatte einen offenen Fuß und starb, noch während ich dort war. Die zwei Kinder waren auch nicht viel wert. Das Geschäft ging langsam nieder. Eine Köchin war auch im Hause, die Leni, eine Lotterieschwester, der hat alle Nacht geträumt, und am Morgen dann hat sie den Traum ausgelegt.  Die hat ihren ganzen Lohn versetzt, gewonnen hat sie nichts; diese Leni war eine krachdürre ältere Person mit etlichen tiefen Längsfalten im Gesicht; sie wäre auch feil gewesen, aber wir kauften nichts.

Nach dem Tode der Frau Müller war diese Leni die Erkorene des Herrn Fritz Müller. Als aber die Sache brenzlich wurde, da hätte er sie dann anderen offeriert. Es sind das Geschichten, die nicht als Witz betrachtet werden sollen, sondern als eine Mahnung an junge Leute, die, wenn sie in die Fremde gehen, bedenken sollen, in welcher Gefahr sie in einem solchen Herrendienst schweben. Sonst ging es mir gut, ich habe mir während dieser Monate, die ich dort war, einen neuen Anzug gekauft und etwas Wäsche und fünfzig Gulden erspart. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Weinhauerei doch etwas Wertvolleres ist als so ein Geschäft mit Schrammeln, verlorene Stiefelabsätze und abgebeutelte Flöh. Im März kam ich dann nach Hause, ganz glücklich, wieder im eigenen Heim zu sein. Auch die Mutter hatte eine Freude.

Buchumschlag Berndl Poldl
Informationen zum Artikel:

Vom Ministrant zum Hausknecht

Verfasst von Leopold Berndl

Auf MSG publiziert im April 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Weinviertel, Poysdorf
  • Zeit: 1877 bis 1890

Anmerkungen

Textauszug aus dem Buch "...es wird ein Wein sein" von Berndl Poldl, S. 36-43.

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