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Anna Humula, geb. Rappel

von Evamaria Glatz

Anna, das erste Kind von Anton und Anna Rappel, geb. Spüller, ist vier Jahre nach der Hochzeit der Eltern am 16. 7. 1896 geboren. Sie, die meine Großmutter wurde, hat mir erzählt, ihr Vater sei bei ihrer Geburt enttäuscht gewesen, weil er sich einen Sohn gewünscht hatte. Dieser Wunsch entsprang wohl nicht nur der patriarchalen Vorstellung vom männlichen Nachfolger, sondern hatte auch ganz pragmatische Gründe: Für die Eheschließung hatte, wie schon erwähnt, eine hohe Kaution erlegt werden müssen. Dies war durchaus sinnvoll, da es für Offiziersfamilien keine Witwen- und Waisenpensionen gab. Es dürfte also in Anton Rappels Denken eine große Rolle gespielt haben, ob die Mitglieder seiner Familie sich unabhängig von seiner Person selbst erhalten konnten, und das war damals eigentlich nur von männlichen Nachkommen zu erwarten.

Zum Zeitpunkt von Annas Geburt arbeitete Anton Rappel in der Pulverfabrik Blumau, wo seine Tochter  auch geboren wurde. Die Familie zog in den nächsten Jahren nach Wiener Neustadt, wo 1902 Annas jüngere Schwester Luise zur Welt kam. Meine Großmutter  hat erzählt, dass ihr Vater nach der Geburt der zweiten Tochter, Luise,  aus Enttäuschung wochenlang mit seiner Frau nicht gesprochen hätte.

1905 übersiedelte die Familie nach Wien, da der Vater befördert und versetzt worden war. Anna Rappel besuchte nach Volks- und Bürgerschule - wie sechs Jahre später auch ihre jüngere Schwester - die katholische Lehrerinnenbildungsanstalt der Ursulininnen. Abgesehen von dem eben erst von der Wiener Frauenrechtlerin Marianne Hainisch gegründeten ersten Mädchengymnasium, das 1903 das Öffentlichkeitsrecht erhalten hatte, war das die beste Ausbildungsmöglichkeit, die in Wien zur Verfügung stand.

Ich habe mich gefragt, was Anton Rappel, der nur  schwer akzeptieren konnte, zwei Töchter und keine Söhne zu haben, bewogen hat, beiden die de facto beste Ausbildung zuteil werden zu lassen, die Mädchen zu dieser Zeit zugänglich war. Ich habe mehrfach erwähnt gefunden, dass er ein fürsorglicher Vater gewesen sei und ich denke, er wollte sie so gut wie möglich fürs Leben ausstatten, das wäre ein Grund. Ein zweiter Grund: er war sich darüber klar, dass sie sehr klug waren, das wurde dadurch bestätigt, dass beide die Ausbildung mit den besten Zeugnissen absolviert haben. Ein dritter möglicher Grund: 1910, als seine ältere Tochter Anna die Pflichtschule absolviert hatte, war ihr Vater in der Heeresverwaltung in leitender Position tätig. Da hat sich für einen Mann seines Einblicks wohl schon abgezeichnet, dass die Monarchie auf einen Krieg zusteuerte. Angesichts des zu befürchtenden künftigen Mangels an heiratsfähigen Männern wollte er ihr vielleicht die Möglichkeit sichern, sich eben doch selbst zu erhalten.

Porträtbild der Anna Humula

Anna legte 1915 an der Lehrerinnenbildungsanstalt die Reifeprüfung ab. Sie hat mir folgende Begebenheit erzählt: sie - die zeitlebens sehr religiös war - wollte unmittelbar nach der Matura in ein Kloster eintreten und hatte sich auch bereits fix angemeldet. Als sie ihrem Vater diesen Entschluss mitteilte, habe dieser seine Dienstpistole auf den Tisch gelegt, aufs Telefon gedeutet und gesagt: "Entweder, du rufst jetzt sofort an und sagst ab, oder ich erschieße mich." Diese dramatische Geschichte war für mich ein Highlight wiederholter Erzählungen und ist zu einer Art Familienmythos geworden.  

Die Tochter hat sich gefügt. Zu ihrem Wunsch, ins Kloster zu gehen, mochte die Tatsache beigetragen haben, dass zu diesem Zeitpunkt für beim Staat angestellte Frauen noch der Zölibat galt, auch wenn diese gesetzliche Bestimmung damals schon heftig kritisiert wurde, unter anderem unter dem Aspekt, dass im Interesse des Staates „der furchtbaren Menschenvernichtung rasch eine Wiedererneuerung der Volkszahl folgen müsse“. Sie hätte jedenfalls 1915 ohnedies nicht heiraten dürfen, wenn sie ihren erlernten Beruf ausüben wollte.

Das wollte sie aber offenkundig. Nach der Reifeprüfung, die sie übrigens nicht zu einem Hochschulstudium berechtigte, durfte sie erst 1917 nach zweijähriger Verwendung im Schuldienst die Lehrbefähigungsprüfung für Volksschulen ablegen.

Danach hat sie neben der Arbeit in der Volksschule den einjährigen „Bürgerschul-Lehrcurs“ mit einer Unterrichtszeit von 10 Wochenstunden besucht und 1920 die Lehrbefähigung für Bürgerschulen in der „sprachlich- historischen Fachgruppe“ mit den Fächern Deutsche Sprache, Geographie und Geschichte erworben, dazu kam noch das Fach „weibliche Handarbeiten“. Nachdem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Lehrerinnen enormen Anfeindungen ausgesetzt gewesen waren, war zu diesem Zeitpunkt bereits ein hoher Prozentsatz der Lehrkräfte für Pflichtschulen weiblich, und die Frauen waren den Männern in Besoldung und Dienstrecht annähernd gleichgestellt. Die Tatsache, dass viele Lehrer im Weltkrieg eingerückt waren und starben, hat dazu beigetragen, dass Frauen zunächst als Ersatz geduldet wurden, sich bewährten und so ihre neu gewonnenen Positionen sicherten; das mag auch für meine Großmutter gegolten haben.

Wahrscheinlich  unterrichtete sie ab 1923 als Bürgerschullehrerin an der Bürgerschule Rötzergasse im 17. Wiener Bezirk, wo sie für die längste Zeit ihres Berufslebens blieb. Ich habe im Wiener Stadt- und Landesarchiv nach ihrem Personalakt geforscht; der freundliche Archivar konnte mir nur mehr bestätigen, wann Anna in der Rötzergasse zu arbeiten begonnen hat, ihr Personalakt ist nicht mehr vorhanden.

Nach dem Ende der Monarchie war der Zölibat für beim Staat angestellte Frauen abgeschafft worden. Anna Rappel heiratete 1921 ihren um 8 Jahre älteren Cousin Karl Humula- seine Mutter und ihr Vater waren Geschwister...

Hochzeitsbild

Annas Ehemann, als Berufsoffizier im Weltkrieg hoch dekoriert, hatte nach der Niederlage und dem Zusammenbruch der Monarchie Arbeit, Position und Anerkennung verloren. Durch ein Rechtsstudium hatte er sich neue Perspektiven geschaffen und war nun Verwaltungsdirektor am Wiener Landesgericht.

Im April 1923 kam Maria, das erste Kind, zur Welt; Anna hat sehr bald wieder gearbeitet: im Herbst desselben Jahres war sie Klassenvorstand der 2. Klasse in der Bürgerschule Rötzergasse. In der Wohnung der jungen Familie in der Fuhrmannsgasse im 8. Wiener Bezirk lebte wahrscheinlich von Anfang an ein Hausmädchen, das den größten Teil des Haushalts und der Kinderbetreuung besorgte. Im Mai 1925 wurde Herbert, im November 1929 die jüngste Tochter Elisabeth geboren...

Anna war ursprünglich eher unpolitisch, sympathisierte auch nicht mit dem Austrofaschismus. Am ehesten dürften sie und ihr Mann politisch der Monarchie nachgetrauert haben, in der ihre Eltern es zu Ansehen und Wohlstand gebracht hatte. Beide wurden mit dem Erstarken Hitlers in Deutschland immer ausdrücklicher antinationalsozialistisch.  Beim "Anschluss"im März 1938, als halb Wien Hitler zujubelte, saß die Familie Humula - wie mir von Mutter und Großmutter erzählt wurde - weinend zuhause.

Über das Verhalten ihrer Eltern bei der darauffolgenden "Volksabstimmung"  berichtete meine Mutter:

... Dann kam diese ominöse 99%Wahl und meine Mutter... und mein Vater sind gegangen und haben beide darauf bestanden, dass sie in die Wahlzelle gehen durften. Sie haben sich natürlich alle möglichen Dinge anhören müssen von diesem Wahlleiter, ist doch nicht notwendig und ist eh alles selbstverständlich, also jedenfalls haben sie darauf bestanden und sie waren in der Zelle und haben sicher nein gestimmt, klar...

 

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Anna Humula, geb. Rappel

Verfasst von Evamaria Glatz

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Industrieviertel / Wien
  • Zeit: 1896 bis 1938

Anmerkungen

Der Textbeitrag gibt ein Kapitel des Erinnerungsbuchs von Evamaria Glatz: was für leute. familien.geschichten, Gösing am Wagram: Edition Weinviertel 2009, wieder.

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