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Das leuchtende "Nein" über Innsbruck

von Friedl Fessler

Der Mythos verwandelt Geschichte in Natur;
er zielt darauf ab, als ein System von Fakten aufgenommen zu werden,
während er doch nur ein System von Werten darstellt
.
Roland Barthes

Liegen Geschehnisse lange zurück, weichen die klaren Erinnerungen. Verfließt die Zeit, sinken sie gerne ab in die unteren Bereiche des Bewusstseins, Geschehenes verwischt, wird unscharf und das Unbewusste spielt uns seine Streiche. Persönliches fließt immer mehr ein, wird doch schon jedes unausgesprochene Erinnern an Vergangenes eine Art neue Erzählung. Um so mehr entsteht bei jedem neuen Sprechen oder Schreiben einer Erinnerung eine neue Geschichte, in der die tatsächlichen Läufe des Geschehenen langsam und kontinuierlich verlassen werden.

So sollen über den tatsächlichen Verlauf der Geschichte Zeithistoriker berichten. Ich will erzählen wie es war, damals vor vielen Jahren und erinnere mich auch an eine Familiengeschichte…

Ich war Kommunist. Mein Bruder auch. Marxist-Leninisten, organisiert. Es war das Jahr 1973 und es galt auch in Tirol die sozialistische Revolution bis zum Jahr 1984 durchzuführen. Wir waren die Avantgarde.

Und irgendwann im Jahre 1975 beschloss die Leitung der Ortsgruppe Innsbruck des Kommunistischen Bundes Österreichs, mich als einfaches Mitglied, selbständiger Unternehmer kleinbürgerlicher Herkunft, somit nicht proletarisch und dadurch politisch wankelmütig und anleitungsbedürftig, ohne unmittelbare Verbindung zu den proletarischen Massen, mich – der ich im Herzen ein Romantiker war – in eine gerade aufkeimende Bürgerinitiative gegen Atomgefahren zu schicken. Die war bürgerlich.

Und in die gab es Entscheidendes hineinzutragen. („Bürgerliche AKWs sind gefährlich, von revolutionären Volksmassen gebaute und kontrollierte sind sicher und somit nicht gefährlich.“ Wie sehr ich damals diese Aussage als Schwachsinn erkannt habe, aber die Erkenntnisse daraus aus Gründen falscher Solitarität verdrängt habe, ist mir erst Jahre später bewusst worden.)

Ich war in der Initiative. Da saßen nun wöchentlich wie beim Stammtisch: Bündlerinnen zum Schutze des Lebens, Profilierungssüchtige verschiedener Couleurs, Trotzkisten, Studierende, arbeitssame opferbereite Frauen, Postbeamte, militante Nichtraucher, Akademiker. Ich hatte ein bescheidenes Organisationstalent, eine verbindliche Art, war integrativ und nicht nachtragend, (der Leitung des KB war meine verbindliche Art manchmal suspekt und wurde als revisionistisch ausgelegt) und irgendwann war ich plötzlich Vorsitzender der Bürgerinitiative gegen Atomkraftwerke Innsbruck.

Es gab etwas zu tun. Wöchentliche Versammlungen vorbereiten. Den Druck der Flugblätter organisieren. Informationsständer schreiben. Die Initiative wurde erstaunlich schnell größer, vor allem durch einen starken Zustrom aus dem studentischen Bereich. In meiner Erinnerung taucht hier auch zum ersten Mal meine zukünftige Schwägerin auf: Eine junge Studentin, immer von zwei, drei Freundinnen begleitet (während der Busfahrt nach Zwentendorf hat sich mein Bruder in sie verliebt).

Stammtische wurden bald zu klein, wir brauchten eigene größere Räume. Oft mussten wir die Lokale wechseln. Den Wirten wurden wir immer rasch suspekt. Zu laut, zu wenig Umsatz. Was wollen die? Oft hat auch die Staatspolizei nachgeholfen: „Des sein kommunistische Kaotn. Spinner, und des bei ins. Dem Kreisky tat mer aba schu gean oans auswischn.”

Tatsache war: Die seit Jahrzehnten in Tirol alleinherrschende ÖVP war natürlich für AKWs, nur nicht zu Kreiskys Zeiten. Ein ÖVP-Landesrat auf einer unserer Veranstaltungen sagte zu mir: „Sie werden schon sehen, in acht Jahren haben wir mindestens ein AKW in Österreich“. (War das 1977?)

So war auch mein häufiger Gang zur Bundespolizeidirektion, um Veranstaltungen, Informationsstände und Demonstrationen anzumelden, oft begleitet von belehrenden und hämischen Bemerkungen. Warum machen Sie das? Sie in Ihrer Position?

Ich war damals lustlos Kaufmann. Mit meinem Bruder hatte ich das Geschäft unserer Eltern übernommen, die kurz zuvor in Pension gegangen waren. Unser Geschäftsbüro wurde mehr und mehr zum praktischen Zentrum der Initiative: Lager für Flugblätter, Transparente, Plakatständer, Telefonzentrale, Treffpunk t... und mein Bruder musste buchhalten und Ordnung halten, zum Wohle des Betriebs und der Initiative.

Irgendwann (ich glaube, es war Anfang 1976) und irgendwie konnten wir auch unsere Mutter überzeugen, dass hier was zu tun sei. Sie war Mitte Fünfzig, hatte alle Zeit und ihr gesellschaftliches und politisches Engagement hatte über 30 Jahre geschlummert. War sie doch in jungen Jahren Bannmädelführerin von Innsbruck und jetzt konnte ihr Agitationswille wieder mit voller Kraft ausbrechen. Opportunistisch sich in ihr Dirndl schmeißend, weißhaarig, immer braungebrannt, stand sie am Informationsstand, verteilte Flugblätter, argumentierte und stritt mit alten Bekannten, die zufällig oder auch extra vorbeikamen, die sich vom Vergangenen nie und nimmer trennen konnten und für die jedes öffentliche Auftreten suspekt war. Außer bei der Fronleichnamsprozession und der Andreas-Hofer-Feier der ÖVP.

Mutter wurde rasch eine wichtige Figur in der Initiative. Den jungen feministisch-orientierten Frauen war sie eine Leitfigur, jungen Studenten eine Mami, den Bürgerlichen eine Respektsperson und mir, wenn ich mich doch ab und zu weit links hinauslehnte, oft eine Unterstützung – eben eine Mutter.

Alle Unterlagen, die mir jetzt helfen könnten, eine Chronologie der Ereignisse aufzubauen, habe ich 1983 bei der Übersiedelung nach Wien vernichtet. So erinnere ich mich noch: erfolgreiches Stören der Informationskampagne der Bundesregierung im Kongresshaus (Kreisky sah nicht gut aus!), 1.000 Besucher bei einer Veranstaltung im Stadtsaal mit Robert Jungk (war ich überfordert, vor so vielen Menschen zu moderieren!), Informationsveranstaltungen in Kufstein, Landeck, Wattens, Reutte, Lienz, viele Informationsstände draußen in den Dörfern, Kulturveranstaltungen…

Dann kam die Forderung nach einer Volksabstimmung auf. Hat der KB die Forderung erfunden und sie der Regierung aufgezwungen? Oder nur für deren konsequente Verbreitung gesorgt? Ich weiß es nicht mehr. Trotzdem sehe ich heute die Haltung des KB zur Volksabstimmung über Zwentendorf als eine der wenigen richtigen politischen Positionen, die er damals hatte.

Viele Busse und Pkws voll fuhren die Tiroler nach Zwentendorf zur großen Demonstration. (Waren meine beiden Kinder mit oder nur mein Sohn?) Es war das Ereignis, das neuen Schwung nach Tirol brachte. Die Initiative wuchs weiter. Eigene Arbeitsgruppen entstanden auf verschiedenen Universitätsinstituten, in manchen Städten und Orten Tirols wurden eigene Initiativen gegründet. Es gab ein Ziel: die Volksabstimmung.

In dieser Zeit machte unsere Mutter die Arbeit für die Initiative zu ihrem Beruf. Leicht bestimmend, wie sie war, baute sie immer mehr und mehr unseren Vater in ihre Arbeit mit ein. Er war der Praktische im Hintergrund, konzipierte Informationsausstellungen, baute und malte Plakatständer, Transparente, organisierte, war der Chauffeur für Mutter, erledigte Auf- und Abbauten. Der Clan war im Kampfe vereint.

Eine Woche vor der Volksabstimmung lieferte unser Vater sein Meisterstück ab. Er bediente sich einer alten Tradition: dem Bergfeuer. Mit Hilfe zweier Aktivisten steckte er mit Fackeln ein riesiges Nein auf der Nordkette aus, das sich über einige hundert Meter erstreckte und die bei beginnender Nacht entzündet wurden. Diese Alpenländische Tradition, die Sommersonnenwende mit Feuer oben am Berg zu feiern, hatte und hat im Großraum Innsbruck eine besondere Bedeutung.

Erstens bieten die umliegenden Berge, vor allem die über Innsbruck aufragende Nordkette, eine ideale Kulisse. Zweitens ist Innsbruck eine Stadt der Sportiven und der Bergsteiger, die sich gerne in allen möglichen Vereinen organisieren. So wird das jährliche Abbrennen der Sonnwendfeuer auf allen Spitzen und Graten immer zu einer Leistungsschau der Berg- und Klettervereine und auch ein Überbieten der eine Woche vorher stattfindenden katholischen Herz-Jesu-Feuer. Und drittens ist die steile Weidefläche über der Höttinger Alm die ideale und größte illegale Plakatwand für politische Manifestationen, die ich kenne. Schon die illegalen Nazis brannten dort ihre Hakenkreuze ab, die Südtirol-Bumser ihr „Freiheit für Südtirol“, die Katholiken ihre Kreuze und Herz-Jesu-Symbole.

Heute weiß ich, dieses Nein des Vaters war ein perfektes Bild, Landart, zeitlich und kulturell in den richtigen Kontext gestellt, brannte sich damals eine halbe Nacht lang in viele Innsbrucker Herzen. Ein Nein, das es im heutigen Österreich nicht mehr zu geben scheint, wird doch jedes kleine Nein sofort mit einem dreifach affirmativen, scheinbar beglückenden, riesigen „Sag Ja zu…“ erstickt, erschlagen.

Das damalige Nein zu Zwentendorf kann für heute wieder einen neuen Wert darstellen, auch wenn dieser aus einer Zeit kommt, die inzwischen schon ein Mythos geworden ist.

Buchcover: Atomkraftwerk Zwentendorf mit leicht geneigtem Schlot
Informationen zum Artikel:

Das leuchtende "Nein" über Innsbruck

Verfasst von Friedl Fessler

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Tirol, Innsbruck/Umland
  • Zeit: 1970er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag ist ein Ausschnitt aus dem Erinnerungsbuch von:

Heimo Halbrainer, Elke Murlasits, Sigrid Schönfelder (Hg.): „Kein Kernkraftwerk in Zwentendorf“ – 30 Jahre danach, Weitra 2008; S. 256 ff.

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