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Schiff ahoi!

von Edith Mrázek-Sommer

Man sieht viele Menschen, Erwachsene und Kinder, eng sitzend auf dem Achterdeck eines Schiffes. Im Hintergrund der Fluss, links das Ufer.
Vergnügungsrundfahrt mit dem Dampfer "HEBE" (1934)

Das Foto in Postkartengröße stellt eine Menge Personen, meist Frauen und Kinder, auf dem Achterdeck eines Schiffes dar, das auf einem Fluss – offenbar der Donau – schwimmt. Auf der Rückseite des Fotos befindet sich ein Stempel mit der Aufschrift: „Vergnügungsrundfahrten mit Dampfer HEBE der Ersten Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft, Wien III., Hintere Zollamtsstraße 1. Tel. U-17-3-78”. Mit Bleistift wurde – offenbar von mir – dazugeschrieben: „1934”. Am unteren Rand ein weiterer Stempel: „Foto: A. FEUERZEUG, WIEN XX., TEL. A-47-6-15”.

Auf dem Feld am Ufer sieht man Menschen, offenbar Bauern bei der Ernte, es scheint Herbst gewesen zu sein. In der letzten Reihe der „Vergnügungsreisenden”, die dicht gedrängt offenbar auf Bänken sitzen, sieht man – stehend zwischen zwei größeren Buben – zwei lachende Mädchen mit breitkrempigen Papierhüten, das rechte davon bin ich, neben mir meine Freundin Inge. Auch einige andere Kinder – nicht alle! – haben Papierhüte auf, die allerdings kleiner sind als unsere und auf einem Schild deutlich sichtbar die Aufschrift „ABADIE” tragen. Es handelt sich offenbar um die Werbung eines Sponsors, nämlich der Herstellerfirma des damals zum „Wuzeln” von Zigaretten – aus neuem Tabak oder aus den aus „Tschicks” gewonnen Tabakresten – verwendeten Zigarettenpapiers. Man schrieb das Jahr 1934. Arbeitslosigkeit, Unruhen, Beschuss der Gemeindebauten – meine Altersgenossen sowie eine Handvoll Historiker wissen Bescheid. Ob die Jugend in den Schulen davon erfährt und auf welche Weise, entzieht sich meiner Kenntnis.

Da das Volk „Brot und Spiele” braucht, um ruhiggestellt zu werden, hat man vielleicht diese Mini-Kreuzfahrten veranstaltet. (Ein paar Jahre später gab es unter der Naziherrschaft Kreuzfahrten größeren Stils, die die Organisation „Kraft durch Freude – KDF” veranstaltete.) Ich kann mich nicht erinnern, ob man auch eine Jause bekam. Ich weiß auch nicht, ob diese Fahrten gratis waren oder ob sie etwas kosteten. Sonderbarerweise finde ich unter dem Publikum nicht meine Mutter – oder saß sie nur auf der anderen Seite des Schiffes, die nicht auf dem Foto sichtbar ist?

Außer uns beiden Mädchen haben alle Kinder gleichgültige oder gelangweilte Gesichter. Hatten wirklich nur wir beide Vergnügen an dieser Fahrt auf der Donau, auf dem Wasser, das ich mein ganzes Leben nicht aufhören werde zu lieben? Ahnte ich schon damals, dass dieser Fahrt auf dem Wasser noch viele Fahrten folgen würden? Zunächst mit einer anderen Freundin, deren Vater der ehemaligen Österreichisch-ungarischen Marine angehört hatte und der uns auf der Alten Donau mit allen Wassersportarten vertraut machte, vom Schwimmen, Springen, Tauchen bis zum Rudern, Paddeln und sogar Segeln. Auch noch, als ich selbst, Mutter eines Sohnes, mit diesem dieselben Abenteuer durchlebte, so lange bis er sich aus dem Wasser in die Lüfte erhob und das Segelfliegen zu seinem Lieblingssport machte.

Meine Freundin Inge – das lachende Mädchen von der Schiffs-Vergnügungsreise – kam zehn Jahre später auf tragische Weise ums Leben. 1938 verkündete Hitler auf dem Heldenplatz mit großem Stolz, dass er nun „seine Heimat ins Deutsche Reich heimgeholt habe” und begann im drauffolgenden Jahr den Zweiten Weltkrieg. Auch Wien wurde bombardiert. 1944 schlug eine Bombe in das Haus im Fasanviertel ein, in dem Inge im Keller saß. Auch mein Wohnhaus wurde getroffen, während ich mit meiner Mutter im Bunker im Arenbergpark Zuflucht gesucht hatte. Als wir zurückkamen, wollte man uns nicht zu unserer Wohnung lassen, weil außer den bereits explodierten Bomben auch sogenannte Zeitzünderbomben gefallen waren, deren Explosion man jederzeit erwarten musste. Trotzdem gelang es mir, auf Umwegen bis zu unserer Wohnung durchzudringen. Mit Hilfe von zwei befreundeten Mädchen und ihrer Mutter schaffte ich ein paar Matratzen und Polster in deren Wohnung, die noch ganz war, und ich konnte mit meiner Mutter dort im Vorzimmer übernachten. In der Nacht gingen die Zeitzünder los.

Am nächsten Morgen erzählte man, dass in dem Haus gegenüber aus dem Keller Klopfzeichen zu hören waren. Dann habe es einen großen Krach gegeben und dann hörte man nichts mehr. Da erst fiel mir ein, dass in jenem Haus meine ehemalige Freundin Inge gewohnt hatte. Wir hatten einander in den letzten Jahren aus den Augen verloren.

Informationen zum Artikel:

Schiff ahoi!

Verfasst von Edith Mrázek-Sommer

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Lebensgeschichtliche Fotorevue

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, auf der Donau
  • Zeit: 1934

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