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Ertrunken

von Edith Mrázek-Sommer

Eine Zille, die auf in Ufernähe auf einem Fluss treibt, sitzend darin ein kleines Mädchen, über dem Bootsrand sieht man ganz knapp den Kopf ihres im Boot liegenden Vaters.
Ca. 1935

Auf dem zweiten Foto sieht man die Zille im Wasser treiben, mein Vater hat sich offenbar hingelegt, man sieht nur seinen Kopf, ich denke aber gar nicht daran zu rudern, sondern strecke meinen Arm nach hinten, wahrscheinlich, um eine Gelse abzuwehren.

Meine Erinnerung sagt mir, dass wir damals öfters dorthin zum Fischen fuhren, wenn mein Vater wieder in Linz in der Buchhandlung zu tun hatte. Wenn die Männer fischten, mussten wir Kinder Würmer als Köder suchen. Als ich genug Würmer gesucht hatte, waren meine Hände schmutzig und ich musste sie waschen. Und da geschah es, dass ich auf der schlammigen Uferböschung ausrutschte und ins Wasser fiel. Es muss alles sehr schnell gegangen sein, ich muss kopfüber ins seichte Wasser gerutscht sein und habe sofort Wasser geschluckt. Beim Betrachten der Fotos wurde mir später immer wieder erzählt, dass ein Kind schreiend zu den Eltern gelaufen kam: „Die Ditha ist ertrunken!”, worauf man mich herauszog, auf den Kopf stellte, und ich das ganze Wasser herausbrach und wieder zu mir kam.

Anscheinend war das der Grund, dass meine Mutter anschließend, als wir wieder in Wien waren, mit mir immer wieder ins Stadionbad pilgerte und mir – obwohl sie Nichtschwimmerin war – das Schwimmen beibrachte, indem sie mich aufforderte, den Atem anzuhalten, mich im seichten Schwimmbassin mit den Füssen vom Bassinrand abzustoßen, das Gesicht unter Wasser zu lassen und mich so lange treiben zu lassen, bis mir die Luft ausging, um dann wieder aufzutauchen. Ich setzte meinen Ehrgeiz daran, es möglichst lange unter Wasser auszuhalten. Die Schwimmbewegungen lernte ich später von meinem Vater, und so wurde ich eine gute Schwimmerin, liebte das Wasser und alle Wassersportarten und habe mir in meinem Alter meinen Traum vom Wohnen am Wasser (auf der Promenade des Anglais in Nizza) erfüllen können. Nur manchmal bei bestimmten Gelegenheiten – zum Beispiel beim Hinuntertauchen im Neufeldersee, der angeblich aus einem aufgelassenen Bergwerk entstanden ist –, bekam ich plötzlich eine tödliche Angst, nicht mehr auftauchen zu können und fing an, wild um mich zu schlagen. Aber das „Hinuntertauchen“ vermeide ich seither, Schnorcheln ist auch schön.

Informationen zum Artikel:

Ertrunken

Verfasst von Edith Mrázek-Sommer

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Mühlviertel, am Fluss Rodl
  • Zeit: 1935

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