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Sonntagsausflug

von Edith Mrázek-Sommer

Ein Gruppenfoto: Vorne zwei Kinder, dahinter stehen fünf Erwachsene, drei Frauen und zwei Männer, alle im Stil der Dreißigerjahre gekleidet.

Es muss Anfang der Dreißigerjahre gewesen sein. Das Bild zeigt zwei Familien beim Sonntagsausflug. In meiner Erinnerung taucht der Ort Perchtoldsdorf auf, es kann sich aber auch um einen anderen Ort handeln. Man traf sich mit Freunden an einer der Endhaltestellen der Straßenbahn oder beim Süd- oder Westbahnhof, je nachdem, ob man in der näheren oder weiteren Umgebung Wiens wandern wollte. Es ergab sich von selbst, dass eine Familie mit Kindern – oder, wie in meinem Fall, mit nur einem Kind – wieder Kontakt mit einer Familie mit einem oder mehreren Kindern hatte. Nachher ging man Nachtmahl essen zu einem „Heurigen“, wo die Erwachsenen Wein tranken und die Kinder ein „Kracherl“ bekamen, ein Frucht-Soda, das in einer Glasflasche erzeugt wurde, die als Verschluss eine Glaskugel besaß, die man hineindrücken musste, um zu seinem Getränk zu kommen. (Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht! Es ist so eine Sache mit den Erinnerungen, man weiß nie, ob es stimmt, dass man das selbst noch „weiß“, oder ob das Gehirn diese Bilder nach den Erzählungen der Eltern gespeichert hat …) Auf diesem Bild stehe ich vom Betrachter aus links vor meiner Mutter, schräg hinter ihr steht mein Vater. Eine der beiden Damen im Vordergrund dürfte die Mutter, der Herr im Hintergrund der Vater des kleinen Buben rechts vorne, meines „Spielgefährten“, gewesen sein. Vielleicht war der Gatte der zweiten Dame der Fotograf, ich weiß es nicht mehr.

Mein Vater arbeitete damals im Österreichischen Bundesverlag, er stammte „aus kleinen Verhältnissen“ und hatte sich aus eigener Kraft „hinaufgearbeitet“, hatte nach der Lehrermatura als Kriegsfreiwilliger den Ersten Weltkrieg mitgemacht, war nach seiner verspäteten Rückkehr aus sibirischer Kriegsgefangenschaft in den Zwanzigerjahren als Rechnungsbeamter in den Verlag eingetreten, hatte in Leipzig eine Buchhändlerausbildung gemacht und hatte es bis zum „Werbeleiter“ gebracht. Im Jahre 1889 geboren – also im selben Jahr wie Adolf Hitler – trug er (wie jener) den damals üblichen kurz gestutzten Bart, wurde aber zornig, wenn ihm jemand sagte, er schaue „dem Hitler“ ähnlich.

Die Familie mit dem kleinen Buben hieß Frenkel. Sie waren Juden. Das wurde mir aber erst später bewusst. Meine Erinnerung hat nur einen Besuch bei Frenkels gespeichert, wahrscheinlich sind wir öfters mit ihnen zusammengetroffen, aber dieses eine Mal hat anscheinend einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Ich habe mit dem kleinen Buben gespielt, wahrscheinlich mit seiner Eisenbahn, auch „Briefe schreiben“ haben wir gespielt, obwohl wir noch gar nicht schreiben konnten, wir sagten nur laut, was wir „schrieben“. Und dann hatte ich offenbar die Idee, „Taufe“ zu spielen. Ich sagte dem kleinen Buben, er sei der Pfarrer und er müsse meine Puppe taufen. Da er nicht wusste wie, erklärte ich ihm, er müsse sagen: „Ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Und jetzt weiß ich nicht mehr, ob gleich einer der Erwachsenen sich eingemischt hat oder ob ich es später jemandem erzählte und gar keine Zustimmung, sondern vielleicht eher eine Zurechtweisung erhielt, dass mir die Tatsache, dass sie Juden sind und es bei ihnen keine Taufe gibt, so nachhaltig im Gedächtnis geblieben ist.

Wir Kinder hatten keine Probleme mit den Religionen, wir waren Kinder und spielten. Und mein Vater und meine Mutter hatten offenbar auch keine Probleme – damals. Einige Jahre später wurde mein Vater aus dem Bundesverlag verjagt – auf der Tür seines Büros prangte unter dem Namen eine Aufschrift: „Gefallen an der Vaterländischen Front“. Er war – wie alle Beamten – Mitglied der damaligen „Einheitspartei“ unter Schuschnigg, der sogenannten „VF“. Was aus der Familie Frenkel geworden ist, weiß ich leider nicht.

Informationen zum Artikel:

Sonntagsausflug

Verfasst von Edith Mrázek-Sommer

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1930er Jahre

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