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Meine Studienzeit

von Ella Gams

Eine Skulptur von einem Pferd, davor ein Mann (der Rossbändiger)

Der junge Mann, der damals für die vier Rossbändiger-Gruppen vor dem Parlament Modell stand, tat dies auch noch sechzig Jahre später – wohl war er etwas älter geworden. Er arbeitete als Akt-Modell an der Hochschule für angewandte Kunst. Wir hatten ihn gerne als Studienobjekt, weil er lange Zeit unbeweglich stehen konnte. Er hieß Seewald.

Meine Studienzeit an der Wiener Kunstgewerbeschule (spätere Hochschule für angewandte Kunst) war von 1940 bis 1945. Wir waren eine fröhliche und eifrige Gemeinschaft, die glücklich war, so schöne Kunstrichtungen studieren zu dürfen. Die praktischen und theoretischen Fächer wurden gerne besucht (von neun Uhr vormittags bis sieben Uhr abends).

Freilich wurde hie und da auch mal „geschwänzt“, wenn in der Oper ganz große Sänger und Sängerinnen auftraten, die man einfach hören musste (natürlich nur auf Stehplatz, aber das störte uns nicht). Auch das Burgtheater bot herrliche Stücke mit prachtvollen Bühnenbildern und berühmten Schauspielern und ohne die so unappetitlichen „Nebenerscheinungen“, die heute leider die Regel sind!

In der Mittagspause war das nahe Dianabad eine herrliche Abwechslung (bis vier Mal in der Woche!) Wir konnten sogar den jungen Hans Hass beim Ausprobieren seiner Unterwasserkamera beobachten – denn Tauchen war auch für uns kein Problem.

Als es dann in Wien mehr Luftangriffe gab und oft keine Straßenbahn fuhr, hieß es eben zu Fuß gehen. Für mich waren es gut zwei Stunden bis nach Hause. Wir waren aber sicherer als heute! Schlimm war es, als wir hörten, dass unsere Oper getroffen worden war und brannte. Da standen wir weinend davor und sahen unglücklich auf die Stätte, die uns so viel Freude bereitet hatte!

Im März 1945, an dem Tag, an dem wir unsere Diplomarbeiten abgeben wollten, kam der für uns größte Angriff. Nach dem Fliegeralarm saßen wir alle mit unseren Arbeiten im engen Keller. Da hörten wir das Heulen und den krachenden Einschlag. Das Licht ging aus, es bebten die alten Mauern, Schutt rieselte von der Decke auf uns. Aber sofort ertönte die laute und ruhige Stimme unseres Direktors Obsieger: „Bitte bewahren Sie Ruhe, wir werden gleich für Licht sorgen!“ Und wirklich, bald brannten ein paar Kerzen (oder waren es Taschenlampen?)

Nach der Entwarnung erkannten wir, dass eine große Bombe in den Seitentrakt bis in den Keller eingeschlagen hatte. Die Bildhauerei war kaputt, aber dort war kein Mensch gewesen. In den Klassen waren alle Fenster und auch etliches Mobiliar zersplittert. Alles voll Schutt, Scherben und Splitter. Doch kein Mensch verletzt – welch ein Glück!

Trotz der Notzeit waren wir eine fest verschworene Gemeinschaft und die Freundschaften aus dieser Zeit bestehen bis heute! Es durfte und hat die Freundschaft nie gestört. Ich weiß nicht, ob es so feste, große Gemeinschaften heute noch gibt? Wegen dieser wunderbaren Gemeinschaft gehören diese Studienjahre zur schönsten Zeit meines Lebens!

Informationen zum Artikel:

Meine Studienzeit

Verfasst von Ella Gams

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 1. Bezirk, Parlament; Universität für angewandte Kunst
  • Zeit: 1940 bis 1945

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