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Worauf freut sich der Wiener? II

von Eva Wohlmuth

Mit zwölf Jahren flog ich mit dem Vater nach Varna an den Goldstrand, die Reisebuchung hatte meine Mutter erledigt – warum sie damals daheim blieb, weiß ich nicht.

Nach der Ankunft ging’s sofort an den Strand, an dem entlang sehr viele Menschen knietief in einer Reihe im Wasser standen, und den anbrandenden Wellen entgegensahen – ein merkwürdiges Bild. Mein Vater, lebenslang eine Niete in praktischem Denken, ermunterte mich sofort, mich in dieses unruhige Meer zu stürzen, und so tauchte ich todesmutig durch die erste kippende Woge, schwamm ein paar Züge, und wurde von der nächsten Welle mit solcher Wucht erfasst, dass ich ein paarmal unter Wasser um mich selbst wirbelte, dann aber luftschnappend in den seichteren Bereich geworfen wurde. Die Bedeutung der schwarzen und andersfarbigen aufgezogenen Fahnen hat sich uns erst danach erschlossen.

Da erinnerte ich mich dann auch an die Eröffnung des Laaerbergbades, als die Badegäste dicht gedrängt um das glitzernde, menschenfreie Sportbecken standen und mich der unvernünftige Vater zum Sprung drängte. Ich bin damals, ungeduscht und aufgeheizt, wahrscheinlich nur knapp einem Herzinfarkt entgangen, als ich in einem verzweifelten Zug an die Leiter schwamm, und nach Luft ringend herauskletterte: Das Wasser war eiskalt – aber ich denke, damit war ich die allererste Schwimmerin in dem neuen Bad.

Nach dem Wellenabenteuer am Strand begann mein Vater mit einheimischen Burschen ein Fußballspiel im Sand, und anderntags lag er mit Fieber und Brandblasen im Bett auf dem Bauch. Ich besorgte eine Art Lotion in der Apotheke, die ich dem stöhnenden Vater auftrug. Tagelang war er beeinträchtigt und saß kleinlaut sich häutend unterm Schirm, während ich stundenlang tauchte und schwamm.

Als es ihm besser ging, warf er Bälle weit zu mir ins Wasser, die ich nach Torwartmanier abzufangen versuchte. Eines Tages forderten mich ein paar Russen auf, an ihrem Wasserballspiel teilzunehmen. Einen Busen hatte ich schon, und mit dem Zopf in der Badekappe wirkte ich wohl auch älter. Sofort schwamm ich begeistert mit den andern, und dann schlitzte ich einen Burschen neben dem Auge auf, als ich ihm den großen Ball von hinten aus den gehobenen Armen stieß. Der Arme saß den Rest seines Urlaubs mit einem dicken Verband am Strand, und ich bedaure das bis heute.

Wir ernährten uns vorwiegend von Obst und länglichen, großen, mit Pudding gefüllten Krapfen, die von jungen Männern aus Bauchläden angeboten wurden, die Gurken schälte ich mit der Nagelfeile ab – mein Vater hatte natürlich kein Taschenmesser mitgenommen.

Im winzigen Zimmer schlief ich neben dem Bett des Vaters auf der Luftmatratze unter dem Fenster, und erinnere mich noch an einen feinen Sprühnebel im Gesicht, als es einmal in der Nacht regnete. Das puritanische Leben machte mir gar nichts aus, und bald sollte uns auch Luxus beschert sein.

Wir wurden zur Reisevertretung gebeten, wo uns eine Dame an die dreitägige Istanbulreise erinnerte. Wir waren sehr verblüfft, niemand hatte diese Fahrt gebucht, aber im Gutscheinheft gab es einen Abschnitt. Mein Vater lehnte lang ab, diese Fahrt anzutreten, stritt fast mit der armen Frau, die immer wieder beteuerte, dass alles seine Richtigkeit hätte, meinte, dass es eventuell eine Überraschung meiner Mutter sein könnte – über die Geldgebarung meines Vaters wusste sie nichts – er schon ... Endlich willigte mein Vater ein zu fahren, er deponierte aber entschieden, dass er nachträglich nichts bezahlen würde.

So also reisten wir auf einem kleinen Schiff nach Istanbul, ich musste vier Grießpuddings nach dem Vor- und Hauptgang essen, weil Vater und eine Mitreisende mir ihre überließen, und mir dann auch noch der Koch strahlend eine Extraportion brachte, und erst wich, als ich damit fertig war. Ob die anschließende Übelkeit davon kam, oder Seekrankheit war, ließ sich nicht eindeutig klären.

Nach der schaukelnden Nacht ging ich am frühen Morgen an Deck: Wir fuhren gerade durch den Bosporus, und die Sonne gleißte auf goldenen Dächern – ein märchenhafter Anblick!

In der Stadt war es voll und laut – unablässiges Autohupen, anscheinend fuhr jeder, wie er wollte! Wir standen lang am Straßenrand, und wurden mehrfach von Männern angesprochen, die den Unterarm voller Uhren hatten, oder weiße Nylonhemden hervorzogen und anboten. In der Hagia Sophia mussten wir große Filzpantoffel über die Schuhe ziehen. Das Gebäude und der Innenraum gefielen mir sehr, aber die runden Tafeln mit der arabischen Schrift störten mich ziemlich.

An den Topkapi-Palast habe ich kaum eine Erinnerung, auch nicht an andere Sehenswürdigkeiten. Dafür sehe ich mich deutlich auf einer Brücke auf dem Weg in den asiatischen Teil der Stadt, vermutlich war es die Galatabrücke. Ich hatte eine große Tasche dabei und einen ausnahmsweise kaufwilligen Vater und träumte von Preziosen aus dem Bazar. Leider verfolgte uns ein leise murmelnder Mann, der vielleicht betteln oder etwas verkaufen wollte, und er war so zudringlich und angsterregend für mich, dass ich den Vater anflehte umzudrehen, was dann auch geschah.

Mit einem weiteren Gutschein waren wir danach bei Varna auch noch im Felsentheater und sahen und hörten eine Inszenierung von „Carmen“. Die Naturkulisse war beeindruckend, und die ganze Zeit stand ein riesiger, roter Mond am Himmel, ein unvergessliches Bild.

Es gab später nochmals eine Reise nach Varna mit Mutter, Vater und einem Onkel – da war ich etwa sechzehn, hatte ein eigenes Zimmer und schlich abends an die Rezeption, um Zigaretten zu kaufen ...

Mann und Mädchen rangeln um einen Ball
Vater und Tochter (um 1960)

In Österreich waren wir immer wieder auf Urlaub, auch schon, als ich noch jünger war: im Waldviertel bei Verwandten oder Bekannten, im Salzburgischen, in der Steiermark, und mehrmals in Piesting. Im Gasthaus beim freundlichen Wirt gab es Hausmannskost – etwa Spinat mit Ei oder Eiernockerln mit Salat und dergleichen, und als Nachspeise eine Scheibe Ananas mit einem Löffel Schlagobers, was für mich exotisch und sensationell war.

Als ich da einmal fiebrig krank allein in einem kleinen, düsteren Zimmer lag, las ich meterhohe Stöße Comichefte, die ich dort aufgefunden hatte: „Fix und Foxi“, „Donald Duck“ und „Micky Maus“ – eine Lektüre, die mir ansonsten verboten war – damit war mein Bedarf lebenslang gedeckt.

In einem Urlaub im Salzburger Land saß ich mit Decke fast zwei Wochen im Liegestuhl auf dem überdachten Holzbalkon des alten Bauernhauses, während es unablässig regnete, und las mehrere Bücher aus dem dortigen Bücherschrank – die meisten waren in alter Schrift gedruckt.

Vater trieb uns steile Wege auf diverse Berge – natürlich in Sandalen, ohne Sonnenschutz und ohne Proviant und Getränk. Ein Glück, wenn wir krebsrot und schwindlig oben eine Raststation vorfanden!

Anreisen mit alten dampfbetriebenen Eisenbahnen, dabei über schwankende, filigran begitterte, windige Übergänge Waggons wechseln, den Kopf aus dem Holzschiebefenster stecken und Rußflankerln ins Auge bekommen, Schwammerln suchen, putzen, schneiden, auf Zeitungspapier unterm Bett trocknen ... Zyklamen, Veilchen, Arnika, Narzissen, Vergissmeinnicht und Wiesenblumensträuße pflücken, Karthäuser Nelken bewundern und stehen lassen ... Immer wieder an Waldrändern mit Zapfen, Bockerln, Föhrennadeln, Moos, Steinen und Ästen Szenarien bauen ... Heftige Gewitter erleben – so auch im Piestinger Waldbad, wo ich beim Blitz immer wieder vom Brett ins Wasser sprang, und mich sicher fühlte, weil doch Wasser Feuer löscht – und das unter den Augen meines Vaters, bis wir dann endlich heimliefen.

Baden in Seen und Bacherln ... Ein Pfingsturlaub, wo wir uns zum Schlafen ankleideten, ich sogar mit Mütze und Fäustlingen, weil es so kalt und klamm war. Winterurlaube in der Tschechoslowakei oder im Gewerkschaftsheim in Kirchberg, wo nur ich das Schifahren versuchte, sich der Vater aber mit dem Schibob über die Hänge stürzte ... Freundschaften mit mitgereisten oder einheimischen Kindern. Öfter fuhren Freunde der Eltern mit bei diesen Reisen, sie machten auch vor Ort Bekanntschaften, mit denen es nachher noch das eine oder andere Treffen gab.

Meistens schlief ich mit den Eltern gemeinsam im Zimmer, mit Waschbecken ausgestattet, was mehr war als daheim, wo wir Wasser auf dem Herd erwärmten und uns im „Lavua“ wuschen. Die Klos waren immer draußen auf dem Gang. Erst in Tirol hatte ich mit etwa fünfzehn Jahren ein eigenes Zimmer, sogar mit Bad, und aus der Wanne konnte ich durchs Dachfenster in den Himmel oder auf eine Schneeschicht blicken.

Nicht zu vergessen sind die Reisen in die DDR zur Familie der Schwester mütterlicherseits: einmal 1961, als dann mein erwachsener Cousin mit uns für ein paar Wochen nach Wien fuhr, und mir im Amalienbad den Kopfsprung beizubringen versuchte, auf einem Klappbett in der Küche schlief und von der Nachricht über den Mauerbau überrascht wurde ...

Beklommen sah ich die Bilder im Fernsehen: Soldaten mit Stacheldrahtrollen, später das Vermauern der Fenster. Der Cousin wurde von einem Onkel hastig nach Salzburg kutschiert, wo er seine Verlobte traf, die zu der Zeit ebenfalls „im Westen“, bei ihrer Mutter in München war, und ihn zum Dableiben überreden wollte. Die beiden kehrten dann aber doch nach Erfurt zurück, weil der Cousin nur an eine vorübergehende Maßnahme glaubte ...

Daher folgten zwei weitere Besuchsreisen, als ich sechzehn und neunzehn war, wir aßen Karfiol in allen Varianten, ich lebte zeitweise beim Cousin und seiner Frau im wunderbaren Garten, lief durch die Stadt auf der erfolglosen Suche nach Essiggurkerln, und mokierte mich sehr über die an allen Häusern und quer über die Straßen gespannten Transparente mit regimetreuen Parolen.

Vorher war ich mit den Eltern noch am Klopeinersee gewesen, und nach diesem Sommer begann mein Arbeitsleben – da waren die Familienurlaube vorüber.

Informationen zum Artikel:

Worauf freut sich der Wiener? II

Verfasst von Eva Wohlmuth

Auf MSG publiziert im Oktober 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Bulgarien, Varna / Türkei, Istanbul
  • Zeit: 1960er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag wurde angeregt durch das Thema des lebensgeschichtlichen Gesprächskreises "Wegfahren. Urlaub am Meer und anderswo" im Wien Museum im Herbst 2013 und wird hier in zwei Teilen wiedergegeben.

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