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Rauch

von Susanne Sayici

Ich wuchs in der Vorstadt auf, genauer gesagt direkt vor dem Lainzer Tiergarten. Einfamilienhäuser mit Gärten prägen heute wie damals die Gegend. Eine Gegend, in der es im Frühjahr und Sommer, wenn alles blüht, wunderschön duftet. Doch das war alltäglich und uninteressant. Wir bemerkten es nicht. Interessant wurde es, wenn Äste und Unkraut verbrannt wurden, was damals noch von den Siedlern gemacht wurde, ohne vorher die Feuerwehr zu verständigen. Wenn das feuchte Holz knisterte und der Rauch bis in die angrenzenden Gärten zog, schnupperten wir. Feuer und Rauch faszinierte uns.

Auch Zigaretten übten auf uns eine starke Faszination aus, denn sie waren allgegenwärtig. Der Großvater war Kettenraucher, und wenn er nichts zu tun hatte, zündete er sich eine Zigarette an der anderen an. Die Mutter rauchte, der Vater und der Onkel ebenfalls. Wenn alle zusammen im Wohnzimmer der Großeltern beisammensaßen, war der Raum total vernebelt. Man konnte kaum atmen, es war einfach eklig. Trotzdem waren wir von der Tätigkeit der Erwachsenen – stinkenden Rauch in die Luft zu blasen – fasziniert.

Bild einer erweiterten Familie vor Garten
Die Autorin (vorne Mitte) mit ihrer erweiterten Familie im Garten des Siedlungshauses (um 1958)

In den Gärten konnte man Verbotenes tun, das machte sie attraktiv. Man konnte dort etwa heimlich rauchen.

Zigarettenautomaten gab es damals noch nicht, ebenso wenig wie ein Gesundheitsbewusstsein. Wir Kinder rauchten fleißig mit und hatten wahrscheinlich mehr Nikotin im Blut wie die Erwachsenen. Filter waren erst im Kommen. Man rauchte die filterlosen "3er", die es heute zum Glück nicht mehr gibt. Die waren billig, aber für uns trotzdem zu teuer. Geld hatten wir keines. Wir waren Volksschulkinder. In diesem Alter bekam man damals selten Taschengeld. Höchstens einen Schilling in der Woche von der Großtante – und davon kaufte ich mir eine Schokolade. Man konnte auch nicht zum Wirten gehen, der damals die Glimmstängel verkaufte, denn der kannte sowohl uns als auch unsere Eltern.

Mein bester Freund wusste Rat. Auch seine Mutter rauchte, sein Großvater ebenso. Neben den Zigaretten, die man nicht nehmen konnte, ohne dass es auffiel, gab es Zigarettenpapier. Es lag in einem Schrank einfach so herum. Da merkte keiner, wenn etwas davon fehlte. Da wir keinen Tabak hatten, stopften wir es kurzerhand mit russischem Tee. Das war kein Unterschied zum Tabak, es war reichlich vorhanden und es qualmte wunderschön, noch viel schöner als herkömmliche Zigaretten.

Seine Schwester verriet uns, was wir damals nicht wussten, aber seine Mutter fand unsere Rauchversuche eher komisch als gefährlich und schwieg. Auch die Nachbarin wusste Bescheid, denn die Stachelbeerbüsche waren nicht dicht genug, um uns und den Qualm zu verbergen. Sie beobachtete uns zur Sicherheit, um eingreifen zu können, falls wir etwas anzünden sollten, aber auch sie schwieg. Das Rauchvergnügen blieb daher ungetrübt.

Wir ertrugen den Gestank, den wir verbreiteten, kamen uns sehr erwachsen vor, ließen das Rauchen aber schon bald wieder bleiben, weil wir nicht hinter das Geheimnis kamen, was am Rauchen so schön ist, dass die Erwachsenen es immer wieder praktizieren.

Informationen zum Artikel:

Rauch

Verfasst von Susanne Sayici

Auf MSG publiziert im Mai 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 13. Bezirk, Friedensstadt
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

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