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Eine Siebenbürger Kindheit zur Zeit des Zweiten Weltkriegs

von Kurt Ziegler

Eintritt in die Schule

Buchcover "Streiflichter"

„Die ersten Erinnerungen meiner Kindheit beginnen mit einer Ritze im Tor von unserem Hof. Ich bin immer gekniet bei der Ritze und hab hinausgeschaut. Das Tor war zugesperrt, es war ja Krieg. Und ich hab die Leut' an den Füßen gekannt.“

Kurts Kinderjahre fielen in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Der Junge wurde Augenzeuge eines Krieges und erlebte dessen Auswirkungen auf seine Familie. Er erlebte den Wandel und Umbruch im Leben der Siebenbürger Sachsen und war all dem Unglück zum Trotz ein Kind, das neugierig die Welt um sich entdeckte und dabei auch die alltäglichen Erfahrungen eines Heranwachsenden machte.

1943 trat Kurt in die Volksschule auf der Konradwiese ein. Zu diesem Zeitpunkt war in Siebenbürgen noch die Religions- und Schulautonomie in Kraft und die Schulen der Siebenbürger Sachsen wurden von der evangelischen Kirche geleitet. Die Kinder wurden in ihrer Muttersprache unterrichtet und genossen in der Regel eine gute Bildung und Erziehung. Ab dem Jahr 1943 wurden die Siebenbürger Sachsen jedoch verstärkt in die Politik des Dritten Reichs eingebunden und somit hielt auch das Gedankengut der Nationalsozialisten Einzug in die Schulen. Dies führte zu Änderungen im Unterricht, die unter den Kindern zuweilen für Verwirrung sorgten. Kurt sprach von der „Verdrehung der Welt“, die er in der Schule erlebte. Er erinnerte sich noch gut an die erste Schulzeit, als zu Beginn der Woche die Morgenandacht gefeiert wurde. Die Schüler sangen den Choral und der Schulleiter richtete ermutigende Worte an seine Schützlinge.

„Und auf einmal war das anders. Der Schulleiter Roth ist plötzlich in der Uniform dagestanden und wir haben 'Grau wie die Erde ist unser Kleid, junge Soldaten in sturmschwerer Zeit' gesungen.“ Den einstigen Worten des Zuspruchs folgten nun schwere politische Ansprachen und statt des üblichen „Grüß Gott“ wurden die Kinder zum Hitlergruß angehalten. Lesen und schreiben lernten Kurt und seine Mitschüler nicht in großen, hellen Klassenzimmern, sondern in provisorisch eingerichteten Räumen ohne Tageslicht.

„Bis 1944 haben wir den Unterricht im Keller gehabt, weil oben das Lazarett war. Da haben sie die Russen am Rücken vorbeigeschleppt, die haben gestöhnt und das Blut ist getropft“, erzählt Kurt. Das sind Bilder, die er nie vergisst.

„Eintopfsonntag“ – Familienleben unterm Krieg

Die Mehrheit der Siebenbürger Sachsen fühlte sich als „Volksdeutsche“ den Nationalsozialisten nahe und vertrat deren Gesinnung und Ideologie. Ein Großteil der wehrfähigen Siebenbürger Sachsen diente bei deutschen Frontverbänden und Kurts Vater Rudolf war bei der deutschen Luftwaffenmission tätig. Der Krieg war das Tagesgespräch am Tisch der Familie Ziegler und bei den Diskussionen gingen die Meinungen der Familienmitglieder oft auseinander. Kurt erinnert sich, dass die Stimmung meist von einer großen Unzufriedenheit geprägt war. Während der Vater „national beeinflusst“ und die Großmutter „national eingestellt“ war, hatte der Großvater mit den „großdeutschen Sachen“ keine Freude, so Kurt. Streit gab es deswegen keinen. Jeder konnte seine Meinung vertreten, diese wurde zwar nicht immer geteilt, aber doch akzeptiert. Viel wichtiger war, dass die Familie trotz des Kriegs gut versorgt war und zu keinem Zeitpunkt Hunger leiden musste. Michael Ziegler wusste, wie er die Verpflegung sichern konnte. Er bot seine Arbeit als Schuster und Stiefelmacher im Tausch gegen Lebensmittel an: „Die Leute sind gekommen und haben ein Stück Fleisch bringen müssen und dann sind die Doppler gemacht oder genäht worden.“

Die Großmutter ging auf den Markt einkaufen. Kurt erinnert sich, dass sie einmal – es war Herbst – „vier Viertel Kartoffeln“ gekauft hat und erzählt, dass diese in einem Hohlmaß zu „Vierteln“, auf Rumänisch „Ferdela“, verkauft wurden. Ein Viertel waren 20 Liter, der Bedarf an Kartoffeln also gedeckt. Gewiss gab es hin und wieder Versorgungsengpässe, die die Großmutter aber damit überbrückte, dass sie Körnermais in Salzwasser kochte und der Familie zu essen gab.

„Heute noch hab ich eine Aversion gegen Körnermais“, sagt Kurt, der damit eine schlechte Zeit verbindet. Wurde aus dem „Kukuruz“ jedoch Maismehl gemacht und daraus Polenta zubereitet, ließ es sich der Junge so richtig schmecken. Auch heute noch nimmt Kurt Ziegler aus Tradition mindestens einmal die Woche Polenta mit kalter Milch zu sich.

„Der Vater hat das Andachtsfrühstück“, sagen seine Töchter dann dazu.

Eine Sache, die Kurts Großvater während des Krieges „narrisch“ machte, war der so genannte „Eintopfsonntag“. An diesem Tag kamen die Leute vom „Winterhilfswerk“, um Spenden zu sammeln. Gemeint war damit der Unterschiedsbetrag vom Eintopf zu einem vollständigen Menü. Der Großvater regte sich immer auf, wenn schon wieder ein „Zweitopfsonntag“ war.

„Meine Großmutter ist dann durchs Zimmer nach vorne gegangen und hat beim Fenster die Ergänzung zum Zweitopfsonntag hinaus gegeben.“

Der Großvater glaubte nie an einen Sieg der Nazis. „'Wartet nur, die Russen kommen', hat er immer gesagt, und wie es dann so weit war, haben die Nachbarn gesagt: 'Herr Ziegler, Sie haben immer gesagt, die Russen kommen. Jetzt sind sie da.'“

Der Umbruch 1944

Der Wechsel Rumäniens an die Seite der Alliierten hatte für die Siebenbürger Sachsen im Land verheerende Auswirkungen und weitreichende Folgen. Der „Umbruch“, wie Kurt Ziegler die Geschehnisse des 23. August 1944 nennt, sollte mit einem Schlag die Existenz der gesamten Volksgruppe infrage stellen. Die Rote Armee marschierte in Rumänien ein, mit dem Ziel, die verbliebenen Truppen der deutschen Wehrmacht vollständig aus dem Gebiet zurückzudrängen. Kurt erinnert sich in diesem Zusammenhang an ein Schlüsselerlebnis, das ihn als Kind zunächst verwirrte: „1944 sind die Russen gekommen. Tag und Nacht sind sie da durchgefahren. Ich weiß noch, ich bin der Lehrerin Lorenz begegnet. Das war in der Kappgasse, wir waren ja in einer der Nebenstraßen – der Wachsmanngasse – zuhause, und ich reiß die Hand hoch zum 'Heil Hitler' und sie sagt zu mir: 'Kurti, wir sagen wieder Grüß Gott.'“

Trennung der Familie

Kurts Vater trafen die direkten Konsequenzen der politischen Veränderungen als erstes. Rudolf Ziegler musste als Mitglied der deutschen Luftwaffenmission das Land unverzüglich verlassen. Von Băneasa aus führte ihn der Weg über die Karpaten von Ungarn nach Österreich. Gelegenheit, sich von seiner Familie zu verabschieden, hatte er keine.

„Er musste an uns vorbei, er konnte uns gar nicht mehr aufsuchen, er ist auch nie mehr herunter“, fasst Kurt mit wenigen, aber umso deutlicheren Worten das Schicksal seines Vaters zusammen. Ein Schicksal, das kein Einzelfall war, sondern viele Siebenbürger Sachsen traf. Familien wurden zerrissen, Männer von ihren Frauen, Väter von ihren Kindern getrennt. Für viele Jahre, oft auch für immer.

In Oberösterreich angekommen, hat sich Rudolf Zieglers Einheit dann aufgelöst. Er sollte noch zum „Volkssturm“ eingezogen werden, doch daraus wurde letztendlich nichts mehr. Der Krieg war verloren. Kurt erfuhr später, dass sein Vater immer wieder versuchte, in die alte Heimat zurückzukehren, doch seine Bemühungen waren vergeblich. Zahlreiche missglückte Versuche hatte Rudolf Ziegler bereits hinter sich, als er sich seinem Ziel noch einmal ganz nahe sah. Im oberösterreichischen Ebensee gab es den Aufruf, die dort anwesenden Rumänen dürfen wieder in ihre Heimat zurückkehren. Rudolf Ziegler und zahlreiche weitere Siebenbürger Sachsen wurden verständigt, packten sogleich ihre Koffer und fuhren in großer Erwartung nach Ebensee. Vor Ort war ein rumänischer Kommissar anwesend, der die „Heimkehrer“ kontrollierte.

„Herrgott, die sind gar keine Rumänen“ soll er geschrien haben, als er die Angehörigen der deutschen Volksgruppe ausfindig machte. Beim Aufruf zur Heimkehr hatte die Lagerleitung keinen Unterschied zwischen Rumänen und Volksdeutschen gemacht, die Ausreise war letztlich jedoch den „ethnischen“ Rumänen vorbehalten. Der Vater erzählte dem Sohn viele Jahre später, als es in Österreich doch noch zu einem Wiedersehen kam, dass die Leute damals nach Steinen griffen, um den Kommissar zu bewerfen. Sie hätten ihn gesteinigt, wären nicht die Amerikaner gekommen, um ihn wegzuführen. Die letzte Hoffnung auf Rückkehr wurde den Männern an diesem Tag genommen. 1954 wurde Rudolf Ziegler österreichischer Staatsbürger und verbrachte den Rest seines Lebens in Linz.

Verschleppungen

Es war im Jahr 1944, kurz nach dem Umbruch, als Teile der rumänischen Bevölkerung in die Häuser der Siebenbürger Sachsen zwangseinquartiert wurden. Kurt erinnert sich, dass er damals in die zweite Klasse der deutschen Volksschule ging und zuvor kaum Kontakt zu den Kindern der anderen Volksgruppe hatte. Als seine Familie dann plötzlich in die hinteren Räume des Hauses weichen musste und im vorderen Teil fortan eine rumänische Familie mit Kindern lebte, bemerkte auch Kurt – trotz seines kindlichen Alters –, dass die Zeiten sich änderten: „Sie waren da, fertig. Und die und ich, wir haben uns verständigen wollen, und da hab ich erst Rumänisch gelernt.“

In ihrer kindlichen Unvoreingenommenheit suchten die Jungen den Kontakt zueinander, während die Alten, ob des Unrechts, das ihnen geschah, oft mit dem Schicksal haderten. Doch die Zwangseinquartierung rumänischer Mitbürger, mit denen sie bis dahin friedlich Seite an Seite gelebt hatten, war erst der Anfang einer schlimmen Tragödie.

Kurt, der sich als Erwachsener intensiv mit den Geschehnissen von früher auseinandersetzte, hat im Laufe der Jahre viele Daten und Fakten zusammengetragen. Der 13. Jänner 1945 treibt ihm bis heute die Tränen ins Gesicht. Dieses Datum hat sich bei ihm als „Tag der Verschleppung“ ins Gedächtnis gebrannt. Angehörige der Rumäniendeutschen wurden zu Zwangsarbeiten in die Sowjetunion verschleppt und mussten dort vorwiegend in Bergwerken und in der Schwerindustrie harte Arbeit verrichten. Siebzig- bis achtzigtausend Angehörige der deutschen Volksgruppen wurden in der Zeit von Jänner 1945 bis Dezember 1949 in Zügen Richtung Ukraine und Kaukasus abtransportiert.

Kurt wird nie den Tag vergessen, als die Nachbarin am Tisch der Familie zusammenbrach. Frau Taub war eine Nachfahrin der sogenannten „Landler“. „Landler“ waren Protestanten, die erst im 18. Jahrhundert unter Maria Theresia nach Siebenbürgen – das einzige Gebiet der damaligen Habsburgermonarchie, in der der Protestantismus geduldet war –, deportiert und ausgesiedelt wurden. Die „Landler“ wussten, was es heißt, unerwünscht zu sein. Maria Theresia soll die Volksgruppe damals sinngemäß mit den Worten „Wir siedeln sie dorthin, wo sie nix mehr verderben können“ nach Siebenbürgen, in die Nähe von Hermannstadt geschickt haben. Nun, zwei Jahrhunderte später, wurde die Tochter von Frau Taub nach Russland verschleppt.

„Die Frau Taub ist zu uns gekommen und ihr Kopf – bei uns tragen ja alle Leute Kopftuch ist auf den Tisch gefallen und sie sagt: 'Dies hat alles der Adi verursacht', der Adolf Hitler.“

Es war das erste Mal, dass Kurt von einer alten Frau einen solchen Vorwurf gegen den „Führer“ hörte. Frau Taubs Tochter hatte den Spitznamen „Puppe“. „Die Puppe habens mir mitgenommen“, sagte die Mutter mit gebrochener Stimme und konnte nicht glauben, dass das wirklich passiert war. Frau Taub dachte, dass ihre Tochter aufgrund ihres Alters hier bleiben durfte, doch dem war nicht so. Die Anordnung zur Deportation sah vor, alle Männer im Alter von 16 bis 45 Jahren und alle Frauen zwischen 18 und 30 Jahren als Arbeitskräfte zu sogenannten „Reparationsleistungen“ – als Antwort auf die europaweite Verschleppung von rund sechs Millionen Zwangsarbeitern und zivilen Arbeitskräften in das nationalsozialistische Deutschland – einzusetzen. Von dieser Regelung ausgenommen waren lediglich Mütter mit Kindern unter einem Jahr. Die Verschleppung war mit Namenslisten organisiert. Konnten nicht alle Personen, die auf dieser Liste standen, aufgespürt werden – weil sie etwa nicht anwesend waren oder sich versteckt hielten –, dann wurden ohne Zögern Jüngere oder Ältere mitgenommen.

„Es ist alles durchkämmt worden, nur die Kinder sind in den Betten liegen geblieben“, erzählt Kurt mit tränenerstickter Stimme.

„Da tut sich was“

Gerüchte um eine mögliche Verschleppung der Menschen hatten schon länger die Runde gemacht, für manche war es ein offenes Geheimnis, das etwas passieren würde. Angst und Sorge lagen in der Luft. Auch wenn es unter den Siebenbürger Sachsen verpönt war, gab es etliche Familien, die sich „romanisieren“ ließen, um der Verschleppung zu entgehen. Sie führten fortan rumänische Namen.

Kurt erinnert sich an einen Mann, der eines Tages zu seiner Familie kam.

„Es war ein gewisser Rothbächer, der war Riemner und hat ein Lederwarengeschäft geführt. Er war ein Mann, der scheinbar überall seine Nase drin hatte, und er hat das mitbekommen. Er hat zu uns gesagt: 'Wir werden …', er hat 'wir' gesagt, er hat sich selbst nicht ausgenommen, 'Wir werden verschleppt', und dann ist es ja so weit gewesen, am 13. Jänner.“

Magda Ziegler, Kurts Tante, war in großer Gefahr. Sie war jung, ledig und ohne Kinder, passte also genau in das Altersschema der verschleppten Frauen. Doch die Familie versuchte sie mit allen Mitteln zu schützen.

„Wir haben in dem Jahr viel Holz gehabt, Holz zum Heizen, und der Großvater hat im Holz ein Versteck miteingeschlichtet, und wie es so weit war, hat sich meine Tante dort versteckt.“

Nachdem die feindlichen Soldaten durchgezogen waren, kam Magda wieder aus ihrem Versteck hervor. Viele der Nachbarn waren erbost, dass sie als Einzige noch da war. Doch Magda setzte sich durch und ging wieder ihrer Arbeit in der „Spedition Viktor Trigarzky“ am Bahnhof nach. Ihr Chef dankte es ihr. Er brauchte Magda für die Überprüfung der Güter und zur Kontrolle gegen Diebstahl. Und so lief Magda jeden Morgen zum Bahnhof, selbst bei Fliegeralarm. Eines Tages stand da ein Zug voller Männer, die lediglich ihre Unterhosen am Leib trugen. Es handelte sich um gefangene Wehrmachtssoldaten, die für den Abtransport in eines der Arbeitslager bestimmt waren. Mehrere Tage befand sich der Zug in der Station und bewegte sich weder vor noch zurück. Magda war schon immer eine selbstbewusste, unternehmungslustige junge Frau und zeigte auch in dieser Situation keine Scheu. Sie trat an die Männer heran, sprach mit ihnen und versorgte sie mit Kleidung. Einen der Männer nahm sie kurzerhand mit nach Hause. Wilhelm Gattinger war ein Österreicher aus dem Salzkammergut. Eine ganze Weile lebte er versteckt im Hause Ziegler, ohne dass jemand Wind von der Sache bekam. Die Situation war für alle Beteiligten gefährlich, doch die Familie ging das Risiko ein. Zwischen Magda und Wilhelm entflammte eine Liebesbeziehung, aus der ein Sohn, Baldur, hervorging, der seinen Vater nie kennen lernen sollte. Die Rumänen, die im Hause Ziegler einquartiert waren, entdeckten den „Fremdling“ schließlich doch und zeigten die Familie an. Gattinger wurde von der Polizei abgeholt und niemand hat ihn je wiedergesehen. Der Großvater wurde bestraft und zu sechs Monaten Haft verurteilt. „Das war eigentlich sogar noch ein mildes Urteil“, meint Kurt, „doch für uns war es trotzdem schlimm, weil er war ja der, der in die Arbeit ging.“

Herr Ziegler arbeitete vor seiner Verhaftung bereits als Bauarbeiter in einer Fabrik. Die Arbeit verlor er mit seiner Verurteilung. Kurt besuchte den Großvater jeden Tag im Gefängnis, um ihm mit dem Notwendigsten zu versorgen: „Ich hab ihm immer das Essen bringen müssen, weil der wär' sonst verhungert.“

Die Enteignung

Fast zeitgleich mit dem Beginn der Verschleppungen im Jänner 1945 setzte auch die Enteignung der Siebenbürger Sachsen ein. Vom 3. bis 5. März wurde den Angehörigen der deutschen Volksgruppe per Dekret in und um Hermannstadt jeglicher Besitz an Grund und Boden genommen. Plötzlich standen Rumänen in den Häusern und Höfen der Leute und trugen ein Schreiben bei sich, das sie zu den neuen Besitzern vom Hab und Gut der alten Eigentümer machte. Kurt war ein kleiner Junge, als all das passierte. Er und die anderen Kinder erlebten Dinge, die für sie aufgrund ihres Alters eigentlich nicht geeignet waren. Vor ihren Augen geschah ein Unrecht, das sie nicht verstehen konnten.

„Ich war doch noch so klein“, sagt Kurt, der nicht genau weiß, wie die Behörden die Enteignung damals organisiert haben, „aber in Kriegszeiten“, merkt er sogleich an, „ist man frühreif, weil man die Not mitbekommt. Ich weiß nur, dass die einfach gekommen sind und sich hineingesetzt haben in die Höfe und die Häuser. Und sie waren die neuen Besitzer.“

Auf offener Straße kam es plötzlich zu Tumulten und Prügeleien zwischen Bauern und Rumänen. Die Frauen, die wie immer aus den Dörfern der Umgebung in die Stadt kamen, um ihre Milch zu verkaufen, wurden – oft mit Gewalt – beraubt und verloren auf diese Weise ihr gesamtes Entgelt. Bald schon kamen sie gar nicht mehr und viele Lebensmittel waren plötzlich nicht mehr zu bekommen. Um dennoch Milch zu bekommen, musste Kurt von nun an jeden Tag frühmorgens den weiten Weg von der Konradwiese nach Neppendorf zu Fuß gehen.

Für die Erwachsenen war die Enteignung eine Tragödie. Von einem Tag auf den anderen verloren sie ihren Besitz, den sie sich über Jahre mühevoll erarbeitet oder von den Eltern geerbt haben. Menschen, die seit jeher friedlich an ein und demselben Ort lebten, sind nun vollkommen entrechtet und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich mit den Kindern in den hinteren Teil der Häuser und Höfe zurückzuziehen und den neuen rumänischen Eigentümern die oft neu renovierten Zimmer an der Straßenseite zu überlassen. Kurt erzählt, dass vor allem die „Landler“ nicht so einfach klein beigeben wollten und bereit waren, um ihren Besitz zu kämpfen. Doch es hat ihnen nichts geholfen und manche wurden sogar umgebracht.

Die Angst innerhalb der Bevölkerung war groß. Wie sollte es nun weitergehen? Wovon sollten die Menschen in Zukunft leben? Rente gab es für die selbstständigen Bauern keine, doch ihre Lebensgrundlage – die Äcker und Felder – gehörte nun den Fremden. Und tatsächlich waren es vorwiegend „Kolonisten aus Altrumänien“ und kaum Rumänen aus der Nachbarschaft, die kamen, um die Landwirtschaft der Siebenbürger Sachsen zu übernehmen. Doch Erfahrung in der Bewirtschaftung der Felder und Äcker brachten sie kaum mit. Die meisten konnten mit ihrem neuen Besitz nicht umgehen und daher entschlossen sich viele nach kurzer Zeit, die alten Besitzer wieder die Hälfte der Böden bearbeiten zu lassen.

„Im Herbst hat man es dann gesehen. In den Kartoffelfeldern war nur jede zweite Reihe geerntet und die noch verbliebenen waren meist von einem Rumänen, der zu faul war oder nicht übernasert hat, dass die eigentlich auch zu ernten sind“, erzählt Kurt etwas resigniert.

Wechsel ans Lyzeum

Der Krieg begleitete Kurt durch seine Kinderjahre. Früh lernte der Junge, was es bedeutet, Leid zu erfahren und das Schicksal mit Fassung zu tragen. Oft war der Alltag schwer und die Zukunft ungewiss, doch der Besuch der Schule blieb eine feste Konstante im Leben der Kinder. Die Siebenbürger Sachsen hatten ihre eigenen Schulen, die von der evangelischen Kirche geführt wurden und den Unterricht in der deutschen Muttersprache abhielten. Nach vier Jahren an der Volksschule auf der Konradwiese stand der Wechsel ans Lyzeum bevor. In Hermannstadt gab es zu jener Zeit zwei Gymnasien, das Lyzeum Brukenthal und das evangelische Gymnasium Hundsrücken. Wer an welche Schule gehen sollte, erfuhren die Kinder in der Volksschule. Während Kurt für die Brukenthal-Schule vorgesehen war, sollten seine Schulfreunde geschlossen auf „den Hundsrücken“ wechseln.

„Wir sind in der Aula gestanden, und auf einmal wird vorgelesen, wer zum 'Hundsrücken' und wer in die Brukenthal-Schule geht, und da stellt sich heraus, ich bin der Einzige, der da hinsoll“, erinnert sich Kurt genau. Dass die Brukenthal-Schule die gesellschaftlich „bessere“ Schule war, wusste er damals nicht, und es hätte ihn wohl auch kaum interessiert. Kurt wollte nicht alleine sein, sondern im Kreis seiner Freunde bleiben. Fest entschlossen steuerte er auf die Entscheidungsträger zu und sprach, ohne es zu wissen, den Direktor des evangelischen Gymnasiums Hundsrücken an. Direktor Julius Hann von Hannenheim imponierte der Einsatz des Jungen, und er versprach ihm, den Wechsel zu organisieren. Noch heute erinnert sich Kurt an die Zeichenstunden, die die Schüler mit ihren Zeichentabletts im Freien verbrachten oder an den Musikunterricht mit Professor Irtel: „Der hat sich einmal bemüßigt gefühlt, uns den Erlkönig vorzuspielen. Diese Melodie ist schon eine schwere Sache, und einige haben auch zu lachen angefangen, weil der hat sich so hineingesteigert und hat gesungen, wie wenn er vor 500 Leuten steht.“

Auch Kurt konnte sich das Lachen nicht verkneifen und geriet dabei in das Blickfeld des enthusiastischen Lehrers. „Ziegler, steh auf, was ist“, rügte der Lehrer seinen Schüler, „und ich hab nicht gewusst, was ich sagen soll“, erzählt Kurt. Er war ein aufgeweckter Junge, der hin und wieder Schabernack trieb und gerne mit seinen Freunden zusammensteckte. Dass auch Lehrer Fehler machten und die Konsequenzen dafür tragen mussten, erheiterte die Kinder in jenen Tagen. Richtig gefreut haben sie sich, als Pfarrer Mieß sich bei einem Mitschüler entschuldigen musste. Damals gab es noch Religionsunterricht und der Pfarrer fragte, wo denn der Walter Wagner bleibe. „Noch nicht da“, antworteten die Kinder lapidar, was den Pfarrer zornig machte.

„Und als er gekommen ist, hat er ihm eine gedruckt. Na, wir Kinder haben uns gefreut, als wir gehört haben, dass er sich bei dem Buam und seinen Eltern entschuldigen musste!“

Was Pfarrer Mieß nicht wusste und die Kinder ihm verheimlichten: Walter Wagner war Zeuge Jehovas, im Volksmund „Bekehrter“ genannt, und musste nicht am evangelischen Religionsunterricht teilnehmen.

Als Kurt zur Schule ging, mussten die Familien monatlich – es herrschte bereits Inflation – 32.000 Lei Schulgeld an die evangelische Kirche bezahlen. Um sich den Schulbesuch zu finanzieren, verkaufte Kurt Kürbiskerne. Die Kerne besorgte er sich kiloweise bei Frau Kemeni, einer deutschsprachigen Jüdin aus der Engelleitnergasse, unweit von Kurts Zuhause. Vor Unterrichtsbeginn stand er dann immer oben an der Brücke vor der Schule und verkaufte die Kürbiskerne an seine Mitschüler. Das sollte Kurt einmal beinahe zum Verhängnis werden:

„Die Russen haben diese Unart nach Siebenbürgen gebracht. Wenn sie gegangen sind, haben sie ständig Kürbiskerne im Mund gehabt und die Schäler weggeschmissen und wir Kinder haben diese Unart ja schnell übernommen.“ Als Professor Ludwig Wagner eines Morgens in die Klasse kam, waren seine ersten Worte: „Ziegler, aufstehen! Du hast die ganze Schule verdreckt.“ „Was ist jetzt? Gleich in der Früh schon aufstehen, denk ich mir und hab mich dann schnell ausgeredet. 'Von dem Geld zahl ich das Schulgeld', sag ich, und damit hat er sich dann zufrieden gegeben.“

Mit Frau Kemeni machte Kurt gerne „Geschäfte“. Er verkaufte nicht nur ihre Kürbiskerne, sondern machte ihr zu Sabbat gegen Geld auch Feuer, da dies den Juden verboten war. Frau Kemeni hatte jedoch keine Silberleuchter, sondern steckte die Kerzen auf sieben Rundhölzer. Kurt erinnert sich, dass er eines Morgens zusammen mit einem Freund am Haus der Frau vorbeikam und bemerkte, dass die Kerzen samt den Rundhölzern niedergebrannt waren. Die Jungen lachten damals wie die „Narren“, was Kurt beinahe bis heute ein schlechtes Gewissen beschert.

Kommunistische Schulreform

Kurt ging gerne zur Schule, der Wechsel an das evangelische Gymnasium sollte jedoch ein Ausflug von kurzer Dauer sein. Er besuchte gerade die „Prima“, die erste Klasse Gymnasium, als im August 1948 alle Schulen in Siebenbürgen im Zuge der kommunistischen Schulreform verstaatlicht und strikt von der Kirche getrennt wurden. Für Kurt und seine Klassenkameraden bedeutete dies, dass sie zurück in die Mittelschule mussten. Der deutschen Minderheit war es fortan nicht mehr erlaubt, eigene Gymnasien zu unterhalten. An der Mittelschule, die zuvor eine rein deutsche Schule gewesen war, wurde eine deutsche Abteilung eingerichtet – die landwirtschaftlich-technische Schulgruppe – und der Unterricht im Turnus abgehalten. Vormittags gingen die Rumänen zur Schule und nachmittags die Siebenbürger Sachsen, in der Woche darauf wurde gewechselt. Mit den Schülern kehrten auch einige der Lehrer des Gymnasiums an die Schule zurück und unterrichteten dort weiter, um ihr täglich Brot zu verdienen. Kurts Klasse war die vorletzte, die ausschließlich von Kindern mit deutscher Muttersprache besucht wurde, zwei Jahre später wurden die deutschsprachigen Klassenverbände dann aufgelöst. Der Religionsunterricht war verboten und die deutschen Lehrbücher verschwanden bald aus den Klassenzimmern. Für Kurt und seine Klassenkollegen wurde es zur Pflicht, den gelernten Stoff auf Rumänisch zu beherrschen. Der Junge lernte schnell und sprach bald fließend Rumänisch, seine rumänische Klassenlehrerin ermunterte ihn später sogar, ans rumänische Lyzeum zu gehen, doch das wollte Kurt nicht. An Virginia Antonescu, die Lehrerin, erinnert er sich aber dennoch gut: „Die war von besserer Herkunft, und wenn sie gekommen ist, habe ich immer ihre Kleidung beurteilt. Einmal, da hat sie das gemerkt, ist vor mir stehen geblieben und hat gefragt, ob sie mir heute gefalle, und dann hab ich sie halt nochmal angeschaut und natürlich 'Ja' gesagt. Die anderen haben gekichert und gegrinst, wie Kinder halt sind.“

Informationen zum Artikel:

Eine Siebenbürger Kindheit zur Zeit des Zweiten Weltkriegs

Verfasst von Kurt Ziegler, unterstützt durch Katja A. Fleischmann

Auf MSG publiziert im April 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Rumänien, Siebenbürgen, Hermannstadt/Sibiu
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag ist Teil eines privaten Lebenserinnerungsbuchs mit dem Titel "Streiflichter. Ein Rückblick auf bewegte Zeiten" und wurde in Zusammenarbeit mit Mag. Katja A. Fleischmann von Persönliche Worte e.U. (www.persoenliche-worte.at) verfasst.

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