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Die Geschichte der Ernestine

von Mabel Ramon

Was ich Ihnen in der Folge hier erzählen werde, geschah in Wien, Österreich, wo ich seit 1976 lebe.

Vor einigen Jahren kaufte ich bei einem Trödler eine Küchenbank, deren Sitz man aufklappen kann und unter dem sich eine Art Truhe befindet, in der man etwas aufbewahren kann. So ein Möbelstück war im damaligen Nachkriegs-Europa weit verbreitet, weil die Wohnungen sehr klein waren und der zusätzliche Stauraum unter dem Sitz sehr praktisch war.

Als ich die Truhe öffnete, fand ich zu meiner Überraschung darin eine Schachtel voller Fotografien junger Soldaten in deutscher Uniform und Hunderte Briefe in Umschlägen mit Briefmarken mit dem Kopf Hitlers, Stempel mit der Aussage „Vorsicht ist der beste Schutz des Vaterlandes“ und der Aufschrift „Frontpost“.

Außerdem fand ich verschiedene mit der Hand gezeichnete Modellentwürfe, ein Schneidermeister-Diplom auf den Namen Ernestine Kodim, zwei alte Werbeprospekte mit dem Namen, das Logo einer Schneiderwerkstatt und verschiedene Karten der Umgebung Wiens mit der Überschrift „Ostmark“ (wie Österreich während der deutschen Besatzung bezeichnet wurde).

Weil ich den Dingen gerne auf den Grund gehe, begann ich die Briefe zu lesen und ihnen die entsprechenden Fotos zu zuordnen. Und entdeckte dabei Folgendes:

-Ernestine hieß als Ledige Kodim, die ältesten Dokumente, die ich vorfand, waren auf diesen Namen ausgestellt.

-Ernestine war das erste Mal mit Heinz Hofbauer verheiratet, danach hatte sie einen Verlobten namens Gustav und schließlich heiratete sie erneut einen gewissen Roman Hacker.

-Ernestine studierte Modedesign, offenbar verfügte sie über ein beachtliches Zeichentalent und viel Kreativität. Die Zeichnungen hängen heute gerahmt in meinem Wohnzimmer.

Der Großteil der Fotos zeigte Soldaten, die miteinander lachten, erschöpft auf dem Boden lagen, Bier tranken oder tanzten; auf einigen sind sie ohne Hemd und schmutzig zu sehen, auf anderen mit sauberer Uniform und im Gleichschritt; man sieht, wie sie sich aus einem Zugfenster verabschieden und wie sie neben der einheimischen Zivilbevölkerung in exotischen Gewändern posieren (Jugoslawen? Russen?)

Dass Ernestine und Heinz verheiratet waren, weiß ich deshalb, weil die ältesten Briefe von der Front auf den Namen Ernestine Hofbauer adressiert waren. Außerdem gibt es das Foto eines feschen blonden Soldaten mit einer jungen Frau mit dunklem Haar und einem Blumenstrauß in der Hand vor einem Gebäude mit der Aufschrift „Standesamt“. Heinz muss kurz danach gefallen sein, was sich aus einem weiteren Foto mit einem einfachen Kreuz auf dem ein Soldatenhelm hängt und dem handgeschrieben Namen Heinz Hofbauer, schließen lässt. Auch gibt es nach dem Oktober 1944 keine Briefe mehr, die mit „Dein Dich liebender Heinz“ unterschrieben sind. Der arme Kerl! Er starb in der Blüte seiner Jugend - nur ein Jahr bevor der Krieg zu Ende ging! (Deutschland kapitulierte im Mai 1945).

Auf den meisten Fotos sieht man Heinz, blond, hübsch, in Uniform, aber dann ändern sich die Bilder, es gibt mehr Gebäude zu sehen (ich kann sie nicht zuordnen, vermute aber, dass der Schauplatz Skandinavien ist) und die abgebildete Person ist diesmal ein ebenfalls attraktiver Soldat mit dunklem Haar (Ernestine hatte offensichtlich einen guten Geschmack). Auf den Briefen von der Front unterschreibt nun ein gewisser Gustav, von dem ich annehme, dass er der dunkelhaarige Soldat ist.

Die Briefe kommen aus Dänemark (der Name der Stadt ist nicht erwähnt, vermutlich durften die Soldaten keinen Hinweis darauf geben, wo sie waren, es kann aber auch sein, dass sie es gar nicht wussten.) Vermutlich ist auch Gustav im Krieg gefallen, denn Ernestines neuer Ehemann hieß Roman.

In den Nachkriegsjahren beendete Ernestine ihr Studium und eröffnete eine Schneiderei im XV. Bezirk (ich besitze sowohl die Werbeprospekte sowie ihre Buchhaltungsunterlagen). Das Geschäft lief unter ihrem Mädchennamen, sodass man annehmen kann, dass sie Witwe war und ihren ledigen Namen führte.

Ihre zweite Ehe schloss sie im November 1962 mit Roman Hacker. Von der Hochzeit gibt es keine Fotos, wohl aber einige Glückwunschkarten verschiedener Freunde. Es scheint, dass sie 18 Jahre um Heinz trauerte und sich erst lange nach Ende des Krieges wieder verheiratete.

Ich habe Ernestine nie kennen gelernt, aber durch das Lesen ihrer Briefe und das Betrachten der Fotos wurde sie meine Freundin und in meinem Herz ist für immer ein kleiner Platz für sie reserviert. Etwas, was ihre Nachkommen offenbar nicht taten, sondern sich emotionslos vom Vermächtnis ihrer Vorfahrin trennten und die Bank an einen Trödler verkauften. Oder vielleicht hatte Ernestine keine Kinder und ihre Verwandten hatten kein Interesse, sich an sie zu erinnern.

Der Gedanke stimmte mich traurig, dass wohl die meisten Menschen durch dieses Leben gehen ohne Spuren zu hinterlassen. Solange wir leben, kommen wir uns wichtig vor, aber an Ernestines Geschichte sieht man, dass weder sie noch Heinz, Gustav oder Roman in jemandes Erinnerung weiterleben. Und ich nur durch reinen Zufall auf sie gestoßen bin.

Im Jahr 2006 wurde bei mir ein Hirntumor festgestellt, der glücklicherweise gutartig war und komplett entfernt werden konnte. Heute bin ich geheilt, und ich hatte das Glück diese Tragödie zu überleben. Damals, als mir die Diagnose gestellt wurde, konnte ich in der Nacht nicht schlafen, weil ich mich in der Nähe des Todes wähnte. Mein ganzes Leben ging mir wie ein Film durch den Kopf, ich dachte an meine Geschwister, meine Eltern, meine Freunde und andere liebe Menschen – und danach dachte ich an Ernestine. Ich redete mit ihr in meinem Delirium, wie man zu einem Geist spricht und fragte sie, wie es sich anfühlte zu sterben, ohne dass jemand sich deiner erinnerte. Ich stellte mir vor, wie meine Verwandten meine Fotos, Dokumente, Briefe, die ich für gewöhnlich aufbewahre – in die Küchenbank stecken würden, wo einmal die Erinnerungen an Ernestine aufgehoben waren und dachte, vielleicht würde ich das Glück haben, dass irgendjemand die Bank bei einem Altwarenhändler kauft und die Erinnerungen an meine Existenz noch eine kleine Weile bewahrt werden würden.

Und um diese Geschichte mit einem Happyend abzuschließen, kommt hier der Epilog:

Im November 2007 ging ich auf die Buchmesse in Wien und fand dort durch Zufall ein Buch über die Teilnahme Österreichs am Zweiten Weltkrieg. Ich dachte, schon wieder ein Buch über den Holocaust und den Krieg, und wollte bereits hinausgehen, aber dann entdeckte ich, dass dieses Buch etwas anders war...

Es stellte sich heraus, dass der Autor, ein Geschichtsprofessor namens Ewald Crha, frustriert gewesen war, über die Schwierigkeit den Nachkommen der Verursacher die Periode des Zweiten Weltkriegs zu erklären. Deshalb beschloss er, ein Buch mit Fotos und persönlichen Briefen von Zeitzeugen dieser Epoche herauszugeben, also den Großeltern und Urgroßeltern seiner Schüler. Um den Kinder zu zeigen, dass es Leute wie du und ich, ganz gewöhnliche Leute waren, die einen Irren wie Hitler verehrten und ihm folgten, ließ er die üblichen Abbildungen der Nazibonzen wie Göbbels, Himmler, Bormann, etc. beiseite, und inkludierte stattdessen Fotos von ganz gewöhnlichen Burschen und Mädchen. Man sieht tanzende Jugendliche in Uniform, beim Gitarrespielen, bei der Hochzeit, junge Frauen mit Babies in den Armen, Abschiedsszenen auf dem Bahnhof, Frauen beim Kochen etc.

Als die Buchpräsentation zu Ende war, sprach ich mit dem Autor und bot ihm das Material, das ich von Ernestine hatte, an, weil es ihm bestimmt nützlicher war, als mir, die es schlussendlich in einem Karton aufhob, wo es nur Staub ansetzte. Der junge Mann war über mein Angebot erfreut, erzählte mir, dass er an einem neuen Buch schrieb und dass man in seiner Heimatstadt ein Museum eingerichtet hatte, in dem die Bilder, die er in seinem Buch verwendet hatte, ausgestellt waren.

Eine Woche später, kam Ewald Crha auf einen Kaffee zu mir und nahm das Material mit, das nun im Museum gezeigt wird, damit sich junge Österreicher über diese Zeit informieren und vielleicht ihre Lehren daraus ziehen können. Auf diese Weise werden meine Freunde Ernestine, Heinz, Gustav und Roman der Nachwelt erhalten und ihr Leben hat einen Sinn bekommen. Möge Gott sie aufnehmen und mögen sie in Frieden ruhen!

Informationen zum Artikel:

Die Geschichte der Ernestine

Verfasst von Mabel Ramon, unterstützt durch Helga Anderle (Übersetzung)

Auf MSG publiziert im Oktober 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre, 1960er Jahre, 2000er Jahre

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