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Karmelitermarkt und USIA-Läden

von Helmut Drechsler

Was mag der Beweggrund für jemanden sein, jede Woche zwei schwere Einkaufstaschen etwa zwei Kilometer weit von einem Bauernmarkt heimzutragen, und das regelmäßig? Man tut das, um ein nettes Sümmchen Geld zu sparen. Irgendwo sind möglicherweise die Dinge des täglichen Bedarfes weitaus billiger zu bekommen, und wenn man dazu noch zu Fuß geht, kein Verkehrsmittel benützt, kann man sich noch zusätzlich Geld ersparen. Bewertungsmäßig spielt die reine Wegzeit dabei wahrscheinlich keine besondere Rolle, darf sie nicht spielen; schließlich fahren heute die Leute auch oft stundenlang durch Staus in die Großmärkte am Stadtrand, um dort scheinbar besonders günstig einzukaufen. Genau genommen sind beide Fälle – sowohl der mit den Einkaufstaschen als auch jener mit den peripheren Großmärkten – einander ähnlich. Nur spielt die Geschichte von den schweren Einkaufstaschen in den fünfziger Jahren, einer Zeit, in der Supermärkte eher unbekannt waren. Es sieht demnach so aus, als mussten wir – meine Familie nämlich – damals sehr sparsam leben, und deshalb machten wir uns diese Umstände. Also: „wir“ zu sagen, ist vielleicht nicht ganz richtig; die schwer tragende Rolle dabei spielte nur meine Frau Mutter.

Zwei Frauen mittleren Alters in Alltagskleidung auf einer Brücke, eine hält eine Tasche in der Hand
Die Mutter des Autors mit einer Freundin (1950er Jahre)

Unser Einkaufsparadies war der unserer Wohnung nächst gelegene Karmelitermarkt in der Leopoldstadt – im zweiten Wiener Gemeindebezirk also. Gerade die Lage des Karmelitermarktes im zweiten Bezirk war mit ein Grund, weshalb dieser Bezirk attraktiv für einen günstigen Einkauf war. Die russischen Besatzer eröffneten in ihrem Einflussbereich (und dazu gehörte auch der zweite Bezirk) Geschäftslokale, die man mit etwas gutem Willen doch schon als Vorläufer der heutigen Supermärkte bezeichnen könnte: Die USIA-Läden. Was sie charakterisierte, war ein ödes Ambiente, primitivste Einrichtung und eine Warenqualität, basierend auf kommunistischem Standard. Da im Eigentum einer Besatzungsmacht befindlich, waren die USIA-Läden von so ziemlich allen Abgaben befreit, und es gab die Waren daher vergleichsweise preisgünstig. Für etliche Österreicher war es allerdings eine Frage der Gesinnung, ob sie mit diesen besonders ungeliebten Besatzern auch noch Geschäfte machen sollten. Das, was damals allerdings für meine Familie beim Einkauf in erster Linie zählte, war nicht die Moral sondern der Preis – und der konnte sich tatsächlich sehen lassen.

Freitags war konsequent der wöchentliche und verkehrte Pilgergang angesagt: leichtfüßig hin, schwer beladen retour! Über die Augartenbrücke, am ausgebrannten Bezirksgericht vorbei. Gleich gegenüber dieser Ruine lag so ein USIA-Laden, gewöhnlich gedrängt voll mit Menschen. Bei vielen Waren handelte es sich um einmalige Gelegenheiten, die eine Woche später sicher nicht mehr angeboten wurden.

Aber zunächst ging es zum Karmelitermarkt. So rein zum An- und Zuschauen gibt natürlich der Markt selber um einiges mehr als die USIA-Läden her: wahre Berge von Obst, Gemüse und Kleintextilien. Und dazwischen die seltsamsten Typen an Käufern und Verkäufern. Natürlich war da alles deutlich billiger als im entsprechenden Fachgeschäft. Die Zeiten des Schwarzmarktes waren ja doch schon längst vorbei. Und das Besondere am Markt war: Gemüse und Obst wurde, je näher es auf elf Uhr – dem Marktschluss – ging, nochmals billiger. Nicht selten wurde die Ware dann regelrecht verschleudert. Die Standler hatten keine Lust, ihr unverkauft gebliebenes Obst und Gemüse wieder nach Hause zu fahren. Andererseits war die Ware zu diesem Zeitpunkt natürlich schon sehr ausgesucht.

Blick von oben auf eine Ensemble von festen und mobilen Marktständen auf dem Karmelitermarkt in Wien 2
Der Karmelitermarkt in den 1990er Jahren (Foto: Gebietsbetreuung Karmeliterviertel)

Viertel vor elf Uhr bis zum Sirenenton des Marktschlusses – das war die Zeit meiner Mutter! Und meine Mutter, die konnte wahrlich professionell aussuchen. Die Standler kommentierten das auch zu Recht empört: „Heans, gnä Frau, woins den Salod kaufn, oda woins eam nur z’druckn?!“ Bestimmte Standler kannte meine Mutter schon. Und einige kannten sie schon und rüsteten sich verbal zum Gegenangriff, sobald sie sich – immer in letzter Minute im Kampf gegen die Marktuhr in der Platzmitte – anschickte, ihre Prüfprozeduren zu beginnen. Denn die Magistratsbeamten vom Marktamt waren unerbittlich: Wer nach elf Uhr noch etwas verkaufte, und wäre es nur ein einziger Paprika gewesen, der zahlte eine saftige Strafe.

Ich begann diese Marktgänge zu hassen; es gab für mich dort absolut nichts zu tun, die Waren interessierten mich überhaupt nicht – Hunger hatte ich kaum – und die Mutter nervte und nervte mit ihrem Getue. Der Marktgang pflegte mit dem noch öderen Einkaufsgedränge in einem der USIA-Supermärkte zu enden. Letztlich war dann meine Mutter, die sichtlich ihren Spaß beim Einkauf noch gehabt hatte, aber doch nicht zufrieden. Sie hatte immer noch das Gefühl, zuviel Geld dabei ausgegeben zu haben.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Karmelitermarkt und USIA-Läden

Verfasst von Helmut Drechsler

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 2. Bezirk, Karmelitermarkt / Wien, 9. Bezirk
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag ist ein Ausschnitt aus umfangreicheren Kindheits- und Jugenderinnerungen des Autors, die im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? - Bürger/innen schreiben Geschichte" für Bildungs- und Forschungszwecke überlassen und in den Bestand der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" aufgenommen wurden. Der Text wurde bei der Schlussveranstaltung des Projekts am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus öffentlich präsentiert.

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