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Ein Erlebnis in der U-Bahn

von Ingrid Pölcz

Vielleicht als Beschäftigungstherapie oder auch aus anderen Gründen – ich entschloss mich nach dem Tod meines Mannes, den Führerschein zu machen. Das Glück und den Stolz, den ich damals empfunden habe, als ich die Prüfung im ersten Anlauf schaffte, kann ich kaum beschreiben.

Und so ging es ans Autofahren. Doch es war nicht das Gleiche. Ich war plötzlich total allein, konnte niemanden um Rat fragen, mit keinem reden oder die Freude über das Erreichte teilen. War es das, was ich wollte? – Nein! So entschloss ich mich, das Auto vorerst stehen zu lassen.

An einem Maientag setzte ich mich kurzerhand in die U-Bahn und fuhr drauflos. Nach einigen Stationen setzte sich eine Mutter mit zwei kleinen Mädchen genau mir gegenüber hin. Die Mädchen sahen mich von der Seite her an, das spürte ich. Erkannten sie meine seelische Not? Ich hob meinen Kopf und sah auch zu ihnen hinüber.

Da lächelten mich die beiden an. Und genau dieses Lächeln war es. Es ließ eine Wärme in mir aufsteigen, wie ich sie kaum kannte. Ich lächelte zurück. Was dann geschah, förderte meinen Entschluss, mich von dem Auto wieder zu trennen. Sie nahmen plötzlich meine Hände und drückten sie ganz fest. Sie ließen überhaupt nicht mehr los und schüttelten sie, als wollten sie damit sagen: „He, wach auf, sieh uns doch an, wir sind doch auch fröhlich!“

Wir lachten und scherzten, ohne Worte, nur mit Gesten. Erst als ich Anstalten machte auszusteigen, ließen sie meine Hände los. Sie lächelten und winkten mir nach, bis der Zug in der Dunkelheit verschwand.

Ich ging, in Gedanken an diese Kinder, erfüllt von einem unbeschreiblichen Glücksgefühl, meiner Wege. Dieses Erlebnis bestimmte in gewisser Weise dann auch meinen weiteren Lebensweg.

Eines muss ich dazu noch sagen: Es waren Ausländer. Ich kann nicht sagen, welcher Nation, aber das war in diesem Moment auch völlig unwichtig.

Geschrieben im Dezember 1997

Informationen zum Artikel:

Ein Erlebnis in der U-Bahn

Verfasst von Ingrid Pölcz

Auf MSG publiziert im Oktober 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1990er Jahre

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