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Der erste Urlaub ohne Eltern

von Helga Vystavel

Im Mai 1963 entschließen sich zwei Schulfreundinnen – Elfi und Helga – zum ersten Mal ohne ihre Eltern eine Reise in die große weite Welt zu machen. Schließlich waren beide schon großjährig. Das wurde man damals erst mit einundzwanzig Jahren. Weil beide schon berufstätig waren, sollte die Reise auch ein bißchen luxuriös sein. In einem Reisekatalog entdeckten sie als Angebot eine Kreuzfahrt in der Adria, die mit einem einwöchigen Badeurlaub auf einer Insel kombiniert war. Die Fahrt ging nach Jugoslawien. Zwar nicht so weit in die Welt hinaus, aber doch sehr interessant und abwechslungsreich. Jugoslawien war damals unter Tito mit seinen vielen Provinzen ein einheitlicher kommunistischer Staat.

Nachdem die Eltern sie mit vielen Reisewünschen am Südbahnhof verabschiedet hatten, ging es mit dem Nachtzug nach Venedig. Es war eine kleine Reisegruppe von zehn Personen, die von einer Reiseleiterin aber nur bis zur Einschiffung betreut wurde. Elfi und Helga waren die Jüngsten. Alle anderen waren einiges älter. Am frühen Morgen kam der Zug in Venedig, Santa Lucia, an. Um die Koffer mußte man sich nicht kümmern. Die wurden direkt zum Schiff gebracht. Elfi und Helga waren ganz überrascht, als sie aus dem Bahnhofsgebäude heraustraten. Der „Canale Grande“ lag vor ihnen und auf ihm flutete der Verkehr im wahrsten Sinn des Wortes. Kleine Frachtkähne, Wassertaxis, Vaporettos und dazwischen die romantischen Gondeln. Elfi und Helga freuten sich, gleich so mitten im Zentrum von Venedig angekommen zu sein. Sie hatten nun einen ganzen Tag Zeit, um durch die romantische Lagunenstadt zu bummeln. Es gab ja so viel zu sehen und zu bestaunen. Der Ausspruch: „Venedig sehen und sterben!“ wurde für die beiden an diesem Tag zur Erkenntnis.

Am Abend war dann Einschiffung, und in einer kuscheligen Kabine schaukelten sie der dalmatinischen Küste in Jugoslawien entgegen. Angelegt wurde in Rijeka, in Split sowie in Makarska. Das Ziel war Dubrovnik und von dort der Badeurlaub auf die Insel Lopud.

Die Fahrt entlang der dalmatinischen Küste genossen die beiden jungen Damen an Deck vom Liegestuhl aus. Es war herrlich zu sehen, wie die Landschaft langsam vorüberzog. Die Sonne schien und eine angenehme Brise wehte um die Nase. Die kleine österreichische Reisegruppe bestand aus lieben, sympathischen Menschen, und es gab da keine Probleme. Im Gegenteil, zum Beispiel waren die Tischnachbarn ein liebenswürdiges Ehepaar, das an Elfi und Helga gute Reiseratschläge weitergab. Der beste Ratschlag war: „Wer gut schmiert, der fährt gut!“ Also schmierten Elfi und Helga ihrem feschen und freundlichen Steward und der verwöhnte mit kulinarischen Genüssen. Da gab es die herrliche Marascinocreme. Wenn es diese zum Dessert gab, wurde immer ungefragt ein Nachschlag serviert. Nie mehr im Leben haben Elfi und Helga so eine köstliche Creme gespeist. In Dubrovnik war die schöne Schifffahrt zu Ende. Die kleine Reisegruppe ging an Land und wartete im Hafen Gruž (sprich Grusch) auf das Postschiff, das zu den vorgelagerten Inseln fuhr.

junge Frau lehnt in einem Hafen an einer Anlegebefestigung, dahinter ein qualmendes Dampfschiff
Elfi im Hafen Gruž, im Hintergrund das Postschiff
mehrere Frauen mit Gepäck vor einem Eingang sitzend, davor ein stehender Mann, den Frauen zugewandt, sein Rücken gebeugt
In Gruž warten Einheimische auf das Postschiff zu den Inseln

Das Postschiff beförderte nicht nur die Post, sondern auch alle Bedarfsartikel, welche die Bewohner der Inseln benötigten. Es war ein richtig altes Dampfschiff, das eine stinkende rußige Wolke aus seinem Rauchfang in den Himmel stieß. Damit schipperten Elfi und Helga der Insel Lopud zu.

malerische Ansicht einer Meeresbucht bzw. Halbinsel
Die Insel Lopud

Die Insel ist ein Berg, der von der Nord- und der Südbucht eingeschnürt wird. Ein Pfad über einen kleinen Sattel verband damals diese beiden Buchten. In der Nordbucht reihten sich die Häuser der Inselbewohner wie die Perlen auf einer Kette auf. Es begann mit dem alten aufgelassenen Kloster. Es folgten ein paar Familienhäuser, der Kaufladen, die Bar - der Treffpunkt der männlichen Bewohner -, ein kleiner Adelssitz mit einer hübschen, verträumten botanischen Gartenanlage, die Ortskirche und anschließend das „Hotel Grand“. Dieses Hotel war etwas ganz Besonderes. Ein Bau mit einer sehr modernen Architektur. Es war das erste Hotel des Mittelmeerraumes, das aus Beton errichtet wurde nach dem Muster der Anordnung von Schiffsunterkünften: kleine Zimmer (Kabinen), lange Balkone (Schiffsdeck) und ein wunderbarer Park (Meer). Der Architekt war Nikola Dubrovic. Das Hotel war vor dem Zweiten Weltkrieg dafür gebaut worden, betuchte Touristen auf die Insel zu locken und sie in einem modernen Ambiente unter südlicher Sonne zu verwöhnen. Leider hat Tito mit seinem kommunistischen System diese Pläne zunichte gemacht. Der Erbauer und Besitzer, Ante Ramljak, wurde enteignet, Tito steckte ihn in ein Ruderleiberl und eine Fischerhose und setzte ihn zum Broterwerb in ein Tenderboot, das zwischen Lopud und Dubrovnik hin und her fuhr. Ein paar Häuser weiter gab es den zweiten Betonprachtbau von demselben Architekten. Das war die „Villa Vesna“ des Hotelbesitzers. Kühn in den Inselfels hineingebaut, mit großen Fenstern, so daß die Landschaft über eine große Terrasse in das Hausinnere eindringen konnte. Dort durfte der ehemalige Hotelbesitzer wohnen bleiben. Die Linie der Bucht endete mit einer Klippe, auf der ein romantischer Pavillon stand. Von dort konnte man die herrlichen Sonnenuntergänge über der Adria beobachten. Es war aber auch ein bevorzugter Platz für Verliebte.

Die Südbucht war nur Natur. Zur linken Hand eine Felsenklippe, zur rechten Hand ein Pinienwald, der sich den Berg hinaufzog. Vor sich die offene blaue Adria. Einmal glatt wie ein Spiegel, dann wieder mit festen Wellen, die an den warmen Sandstrand schlugen. Zu dieser Bucht kam man über einen Pfad, der vom Ort zu einem kleinen Bergsattel anstieg und dann durch einen Pinienwald zur Südbucht hinunterführte. In der Hitze des Tages war es nicht sehr angenehm, diese Hürde zu nehmen, aber es gab zwei wundervolle Belohnungen. Oben am Pass wurde man von einem herrlichen Kräuter- und Pinienduft empfangen und nach diesem Geruchserlebnis wartete schon ein erfrischendes Bad im Meer. Auf dem Rückweg dann wieder zuerst der herrliche Duft, aber dann wartete schon das Mittags- bzw. das Abendessen.

Elfi und Helga waren im „Hotel Pracat“ untergebracht. Es wurde ihnen ein Zimmer im Erdgeschoß zugewiesen. Als sie dieses betraten, waren sie furchtbar enttäuscht. Es war eine enge, dumpfe Kammer mit einem Ausblick auf eine mit Weinlaub bewachsene Mauer. Elfi war ganz aus dem Häuschen, als sie beim Blick aus dem Fenster noch feststellte, daß man da ungehindert in den Raum einsteigen konnte. Am Ende würden junge Burschen die Gelegenheit nutzen, uns zu belästigen. Wild entschlossen eilte Elfi zur Rezeption und verlangte ein anderes Zimmer. Helga bewunderte sie für diese Entschlossenheit. Sie bekamen tatsächlich eine andere Unterkunft. Hinter dem Hotel gab es noch eine Dependance. Ein kleines Haus mitten im schönen Garten vom Hotel. Im ersten Stock bezogen sie ein hübsches, helles Zimmer mit Blick auf die Insel. Toilette und Dusche waren separat im gleichen Stockwerk. Das war die richtige Unterkunft für schöne Urlaubstage. Sie waren die Einzigen die das Haus bewohnten.

Wenn man so nahe bei Dubrovnik einen Urlaub verbringt, dann ist ein Tagesausflug in diese geschichtsträchtige Stadt Pflicht. Elfi und Helga schipperten mit dem Tenderboot, gesteuert vom „Hotelbesitzer“, eine Stunde lang nach Dubrovnik. Angelegt wurde im Hafen Gruž, und von dort fuhr man mit einer alten Straßenbahn bis zum großen Tor in der wuchtigen Stadtmauer.

eine Art Straßenbahn mit offenen Fensterfronten, davor eine Anzahl von Wartenden
Die Straßenbahn von Gruž zur Stadt
steinerne Brücke und Tor in wuchtigem Gemäuer
Das wuchtige Stadttor

Wenn man durch dieses Tor schritt, befand man sich in einer anderen Zeit. Die schönen alten ehrwürdigen Gebäude vermittelten die ehemalige Blüte und den Reichtum dieser Stadt. Man spazierte über die Marmorsteine der „Stradun“ oder durch die engen Gässchen, in denen Silberschmiede ihre berühmten Filigranschmuckstücke anfertigten.

Straßenansicht mit Arkaden, im Vordergrund eine junge Frau
Helga vor dem Rektorenpalast

In Dubrovnik erfuhren Elfi und Helga auch, daß am Vortag, den 3. Juni 1963, Papst Johannes XXIII. gestorben war. Ein Einheimischer hatte ihnen die traurige Nachricht übermittelt. Die Bevölkerung der Stadt war darüber sehr betroffen, und sie standen in kleinen Gruppen beisammen und besprachen das traurige Ereignis. Im Dom war der Altar mit einem Trauerflor verdeckt. Man spürte die gedrückte Stimmung in der Stadt.

Gegen Abend ging es mit dem Tenderboot wieder zurück zur Insel.

Die restlichen Tage verbrachten die Freundinnen mit Baden in der Südbucht. Schäumende Wellen rollten an den Strand, und es war ein Vergnügen sich hineinzustürzen.

Die Heimreise verlief dann etwas abenteuerlich. Unser gemütliches Schiff hatte Tito für militärische Manöver eingezogen. Ein ägyptisches Schiff mit dunkelhäutiger Mannschaft flößte uns Unbehagen ein. Die 24 Stundenfahrt nach Venedig verlief aber problemlos. Beim Abendessen bediente uns ein älterer Steward, der schon graue Silberfäden in seinen Haaren hatte. Er verriet uns auch in Englisch sein Lebensmotto: „Familie, Arbeit und Gott“. Eine sehr schöne Einstellung für das Leben.

Zum Abschied von dieser schönen Landschaft erlebten wir noch einen grandiosen Sonnenuntergang. Alles war in rot und orange getaucht. Das Meer schimmerte wie glühendes Erz. In Venedig übernachteten wir in einem kleinen verwinkelten Hotel mit viel rotem Plüsch. Es war sehr romantisch. Am nächsten Tag stiegen wir in den Zug nach Wien. Spät abends erwarteten uns die Eltern mit Blümchen am Südbahnhof. Sie waren froh darüber, uns gesund und braungebrannt wieder in die Arme schließen zu können.

Im September 2011, 48 Jahre später, besuchte ich – Helga – wieder die Insel Lopud. Meine liebe Freundin Elfi war leider schon gestorben. In Gedanken hat sie mich auf meinen Wegen über die Insel aber ständig begleitet. Viel hat sich auf der Insel nicht verändert. Am Abhang des Berges sind Häuser dazugebaut worden, und am Ende der Häuserreihe in der Nordbucht gibt es eine große Hotelanlage, das „Hotel Lafodia“. Für die kleine, autolose Insel wirkt dieses Hotel wie die Faust aufs Auge. Es ist aber doch schön, dort zu wohnen. In der Südbucht haben sich zwei gutgeführte Lokale etabliert, die von Seglern und Yachtbesitzern gerne besucht werden. Der Pfad zur Südbucht wurde breit ausgeschoben und asphaltiert. Zwei einheimische Männer haben sich einen Golfwagen angeschafft und transportieren Touristen zum Baden in die Bucht. Für beide ein lukratives Geschäft. Der alte Kaufladen existiert noch, zwei Souvenirgeschäfte haben sich dazugesellt. Am kleinen Hafen gibt es nun eine Bar, und aus der ehemaligen Bar wurde ein nobles Fischrestaurant. Der botanische Garten mit den alten Bäumen wurde liebevoll revitalisiert und bietet einen angenehmen Aufenthalt an heißen Sommertagen. Das „Hotel Pracat“ und das „Hotel Grand“ verkommen leider und sind nahezu Bauruinen. Auch die Gedenksäule auf dem Bergsattel für den in Lopud verstorbenen tschechischen Dichter und Staatsmann Viktor Dyk verkommt, und der Ruheplatz dort verwildert. Sie wurde ebenfalls von Nikola Dubrovic errichtet.

Dubrovnik wurde in den Jahren 1991 und 1992 während des Balkankrieges schwerst bombardiert. In heutiger Zeit hat es die Kriegsmaschinerie leicht, eine Stadt zu belagern und zu beschießen. Verzweifelt versuchten die Bewohner, ihre Stadt zu schützen. Barrikaden aus Sandsäcken wurden errichtet und die schönen Fassaden zugemauert oder mit Brettern verschalt. Alles war umsonst. Hilflos mußten sie zuschauen, wie ihre Stadt immer mehr zerstört wurde. Bozidar Gjukic, ein Fotograf, hat diese Zerstörung und das Leben der Bewohner in einem Fotobuch dramatisch dokumentiert.

Ansicht einer verwaisten, teilweise zerstörten Straße
In der Stradun von Dubrovnik (1991)

Von diesen Schäden sieht man heute nichts mehr. Touristengruppen ziehen in großer Zahl durch die Stadt und bestaunen die Gebäude in ihrer wiederhergestellten Pracht.

belebte Straßenansicht mit zahlreichen Touristinnen
Die Stradun (2011)

Der Flughafen von Dubrovnik ist eine Flugstunde von Wien entfernt. Von dort fährt man mit dem Taxi in den Hafen Gruž und dann ist man mit dem Postschiff in einer Stunde auf der Insel Lopud. Das Postschiff verkehrt viermal am Tag. Wenn man Ruhe, Entspannung und Erholung sucht, dann ist diese Insel ein idealer Urlaubsort.

Informationen zum Artikel:

Der erste Urlaub ohne Eltern

Verfasst von Helga Vystavel

Auf MSG publiziert im Oktober 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Kroatien, Dalmatien, Dubrovnik, Lopud / Italien, Norditalien, Venedig
  • Zeit: 1960er Jahre, 1990er Jahre, 2000er Jahre

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