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Das verhinderte Dorf

von Rupert Erharter

Die Geschichte von der „Glashütte“ hat mich schon als Schulbub fasziniert. Ich bedauerte, dass die großen Pläne der Glasherren nicht verwirklicht werden konnten. Eine Geschichte, die vor zweihundert Jahren ihren Anfang nahm. Zum besseren Verständnis eine kleine Skizze:

eine handgezeichnete, skizzenhafte Landkarte der Umgebung von Hopfgarten im Brixental, Tirol

„Hörbrunn“ nannte man ein Stück Talsohle an der Kelchsauerache zwischen Hopfgarten und Kelchsau. Vor etwa zweihundert Jahren wurde in Hörbrunn eine Glashütte gebaut. Dieses Werk verdrängte den Namen Hörbrunn vollends – es prägte den Namen des Ortes: Glashütte. Obwohl die Fabrik schon seit ca. hundert Jahren nicht mehr besteht, heißt es landauf, landab im Dialekt: „Glaoshitt“. Auffallend ist der Baustil des Gasthauses „Hörbrunn“, das den ursprünglichen Namen beibehalten hat.

Mehrstöckiges Steingebäude mit grünen Fensterläden, im Vordergrund ein Garten, im Hintergrund Wald.

In diesem schlossähnlichen Gebäude ist wohl das Erdgeschoss schon immer als Gasthaus geführt worden. Die oberen Stockwerke wurden jedoch von den Glasherren namens Friedrich bewohnt. Dem Namen nach dürften sie aus Böhmen zugewandert sein.

Wenzel Friedrich hat die bereits bestehende Fabrik erworben und beschäftigte um die hundert Personen. Es wurden große Pläne geschmiedet: In Hörbrunn sollte eine Ortschaft entstehen. Ein Dorf ohne Kirche war und ist jedoch unvorstellbar – man könnte sie als „Mutter“ eines Ortes bezeichnen. So wurde an einer Kirche gebaut. Das Mauerwerk wurde aufgeführt, jedoch ein Dach bekam es nicht mehr.

Dass die Glasherren in finanzielle Schwierigkeiten gerieten, war weniger ihrer mangelnden Tüchtigkeit zuzuschreiben, als den äußeren Umständen. Trotz der Schwierigkeiten entstand dann nahe an der Kelchsauerache eine Kapelle. Ein Sägewerk und eine Mühle mit Bäckerei waren in Betrieb. Eine private Schule war mehr als ein Jahrzehnt in Betrieb.

Leider musste die Glashütte in dritter Generation, um etwa 1890, aufgelassen werden. Ich kannte noch eine Altbäuerin, die ein Trinkglas besonders hütete, weil es aus der „Hütte“ von Hörbrunn war. Beim Sägewerk habe ich 1948 noch Holz abgeladen. Die Mühle und Backstube gab es damals schon lange nicht mehr. Das Sägewerk gibt es seit etwa dreißig Jahren auch nicht mehr. Das Schulgebäude steht heute noch, ist unbewohnt und in schlechtem Zustand.

Eine Friedrich-Tochter vermählte sich mit einem Lechner. Aus dieser Ehe sind mir drei Söhne bekannt. Wastl war Wirt in „Hörbrunn“ und beherrschte das Zitherspiel. Nebenbei war er, wie seine Brüder Franz und Karl, im Sägewerk tätig. Mit Franz und Karl arbeitete ich 1948 bei einer Holzbringung im „Brummagraben“ kurz zusammen. Franz bewohnte mit seiner Frau ein Haus in Hörbrunn. Sie hatten einen Sohn. Karl bewohnte mit seiner Frau Christina das aufgelassene Schulhaus.  Die Ehe von Karl und Wastl blieb kinderlos. Wastl adoptierte jedoch einen Buben, so blieb der Name Lechner in Hörbrunn erhalten.

Mit der Einstellung der Glasherstellung wurden die dazugehörenden, großen Besitzungen verkauft. Die Landwirtschaft in Hörbrunn verblieb beim Gasthof. Die ausgedehnten Wald- und Wildnisbesitzungen, vornehmlich im Kurzen und Langen Grund, sollen der Gemeinde Hopfgarten angeboten worden sein. Diese habe aber den Kauf nicht gewagt. In meiner Erinnerung ist ein Londoner Fabrikant namens „Swerth“ der Käufer. Dieser war hauptsächlich an der Jagd interessiert. Knapp unter der Waldgrenze vom Kreuzjoch ließ er eine Jagdhütte  erbauen – die sogenannte „Swerthhitt.“

Zu dieser Zeit war anscheinend einer Londoner Dame ein Aufstieg ins Hochgebirge nicht zumutbar, also musste sie in einer Sänfte zur „Swerthhütte“ hinaufgetragen werden, wenn sie mit zur Jagd kam. Swerth verkaufte dann an den französischen Fabrikanten Darblay. Dieser vergrößerte den Besitz noch nach Möglichkeit, so dass dieser schließlich über dreitausend Hektar umfasste.

Zum größten Teil liegen die Besitzungen im Kurzen und Langen Grund. Auch die Darblay’s kamen fast ausschließlich zur Jagd. Meine Schwester Vroni war etliche Jahre als Köchin in diesen Zeiten auf den verschiedenen Jagdhütten tätig. Ich arbeitete von 1950 bis 1965 bei der Darblay’schen Forstverwaltung in Kelchsau.

Die Swerthhütte ist auch längst Geschichte; sie dürfte vor etwa fünfzig Jahren abgetragen worden sein. Auch die Darblaysche Forstverwaltung ist seit ca. zwei Jahren Geschichte. Die Darblay-Nachkommen, die immer zahlreicher wurden, verkauften an einen Tiroler.

Soweit meine Erinnerungen an die Geschichte der Glashütte. Vieles hat sich geändert, vieles gibt es nicht mehr. Der Name Glashütte aber bleibt wohl für immer als ein Denkmal bestehen. Auch der Name „Glasherrenalm“ im Kurzen Grund wird sich kaum ändern. Die Kapelle fiel bei einem  Unwetter der hochwasserführenden Ache zum Opfer. Die „Glaoshitt-Brügg’n“ – ein überdachtes Holzbauwerk – wurde durch die Verlegung der Straße überflüssig. Ein Dorf „Hörbrunn“ oder „Glashütte“  wird es wohl nie geben.

Informationen zum Artikel:

Das verhinderte Dorf

Verfasst von Rupert Erharter

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Tirol, Unterland, Hörbrunn, Glashütte
  • Zeit: 1800 bis 1965

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