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Schikurs 1953
von Helga Güntschl

- Maria-Zeller-Bahn (1953)
Offenkundig hat sich der Zug schon in Bewegung gesetzt, denn die Eltern, hauptsächlich die Mütter, winken uns zum Abschied. Wir sind unterwegs mit der Maria-Zeller-Bahn nach Mitterbach, wo unser erster Schikurs stattfinden wird. Ich war damals in der 2. Klasse des Gymnasiums der Englischen Fräulein in St. Pölten.
Es war mein erstes Jahr im Gymnasium. Dass ich überhaupt ins Gymnasium ging, verdanke ich der beruflichen Veränderung meines Vaters. Er sollte das Gebietsbauamt in St. Pölten übernehmen, was nichts anderes hieß, als dass wir mein geliebtes Petzenkirchen, damals ein Dorf im Erlauftal, verlassen mussten. Nach vier Klassen Volkschule ging ich in die nächstgelegene Hauptschule in Wieselburg.
Eines Tages, vermutlich im späten Frühjahr des Jahres 1952, fragte mich mein Vater, in was für eine Schule ich nach unserer notwendigen Übersiedlung gehen wollte. „In was für eine Schule geht mein Bruder?“ Er war im Internat in Melk gewesen und anschließend im Internat der LBA in St. Pölten, uns also schon vorausgeeilt. „Er geht ins Gymnasium!“ Für mich war die Entscheidung gefallen. Ich wollte auch in ein Gymnasium gehen. Irgendwie hatte ich mitbekommen, dass für mich die Hauptschule gut genug sein würde und dass das Bessere meinem Bruder vorbehalten war. Das konnte sich jetzt ändern!
Meine Eltern hatten nichts gegen meinen Wunsch, da nach der Übersiedlung für mich keine weiteren Kosten für einen Internatsaufenthalt entstehen würden. Allerdings erklärte mein Vater, dass ich mit Mutter am nächsten Morgen mit dem Fünf-Uhr-Zug nach St. Pölten zur Aufnahmsprüfung fahren müsste. Zeit für eine Vorbereitung in schulischer Hinsicht gab es da nicht.
Ich erinnere mich, dass wir erst nach Beginn der Aufnahmsprüfung in der Schule ankommen konnten, was nichts anderes hieß, als dass man in der Schule mit der mündlichen Prüfung aus Deutsch begonnen hatte. Ich würde eben zu dieser Gruppe dazustoßen. Die Professorin prüfte gerade Wort- und Satzanalysen, als ich mich dazugesellte. Das war eine meiner Lieblingsbeschäftigungen im Deutschunterricht in der Hauptschule, und ich fühlte mich gleich wohl.
Meine Eltern hatten beschlossen, dass ich von der 2. Klasse Hauptschule in die 2. Klasse Gymnasium gehen sollte, da ich, wie sie meinten, keine Ahnung hätte, was lernen hieße. Das ergab in Mathematik und Englisch für mich kleine Probleme, weil jene Lerninhalte, die abgefragt wurden, für mich doch schon ein Jahr zurücklagen. Da ich mutigerweise darauf hinwies, kam man mir entgegen, und schon am frühen Nachmittag erfuhren meine Mutter und ich, dass einem Besuch des Gymnasiums nichts im Wege stand. Vor allem in Mathematik sei ich aufgefallen, ein Umstand, der mir später auf Grund meiner persönlichen Erfahrung immer ein Rätsel geblieben ist.
Mit Herbst 1952 saß ich also in der 2. Klasse des Gymnasiums. Wir waren 46 Schülerinnen! Da gab es keine Klassenteilung in Englisch! Wir wussten auch nicht, wann eine Schularbeit oder Prüfung stattfinden würde. Man wurde aufgerufen in Geographie, Geschichte oder Biologie etc. und musste die Prüfungsfragen beantworten. Prüfungen in den sogenannten Lerngegenständen waren immer mündlich. Das übte uns in der Darstellung von Sachverhalten.
Und stand die Lehrkraft eines Schularbeitsfaches am Stundenbeginn mit dem Stoß Schularbeitsheften am Arm in der Tür, dann hieß es eben Schularbeit schreiben! Die Angaben, also die Aufgabenstellung wurde an die Tafel geschrieben und musste von uns in die Hefte geschrieben werden. Das beschäftigte uns, während die Lehrkraft uns den Rücken zuwendete. Dann erst konnte zu arbeiten begonnen werden. Dass uns diese damals üblichen Überprüfungen weit mehr zum Mitlernen zwangen und ein effektiveres Bild unseres Wissensstandes boten, versteht sich von selbst.
In Mathematik unterrichtete uns eine Klosterschwester wie in anderen Fächern auch. Ich war von meinen früheren Jahren in den Schulen weibliche Lehrkräfte gewohnt, in Mathematik aber hatte ich zumindest in der Hauptschule männliche Lehrkräfte gehabt. Den ganzen Herbst des Jahres 1952 beobachtete ich höchst misstrauisch jene Nonne, die Mathematik unterrichtete; ich konnte es ihr kaum abnehmen, dass sie wirklich kompetent sein sollte.
Natürlich beteten wir am Unterrichtsbeginn der ersten Stunde, es war aber auch üblich, am Beginn der 12-Uhr-Stunde den „Engel des Herrn“ zu beten. Ich erinnere mich, dass mich um diese Zeit des Schultages das Heimweh plagte und ich mit den Tränen kämpfte, obwohl mein Schulweg nach Hause ein Katzensprung war: Die Schuladresse war Schneckgasse 11, ich wohnte Schneckgasse 27. Am Rande soll hier nur angemerkt werden, dass ich erst wieder Tränen vergoss, als ich nach bestandener Matura die Schule verlassen musste, so wohl hatte ich mich an der Schule all die Jahre gefühlt.
Vielleicht war es die große Zahl der Schülerinnen; vielleicht das städtische Flair, das manche Mitschülerinnen umgab; vielleicht die große Umstellung vom Land in die große Stadt, es dauerte eben, bis ich meinen neuen Platz erobert hatte. Rückblickend muss ich selber staunen, denn schon im Spätherbst wurde ich Klassensprecherin, gewählt von den übrigen 45, die ich erst mit Eintritt in die 2. Klasse kennengelernt hatte.
Und nun fuhren wir auf Schikurs! Ob es Schnee geben würde, war keine Frage. Schnee lag ja schon auf dem Perron der Maria-Zeller-Bahn. Trotzdem schätze ich heute den Unternehmungsgeist unserer Turnprofessorin Luise A. Ob Schulschikurse damals Pflicht waren oder nicht, aus späteren Erfahrungen weiß ich, dass es beachtlich war, dass wir Zweitklassler mitgenommen wurden.
Noch ein paar Worte zu unserer Turnprofessorin, damals wahrscheinlich in ihren frühen 30er-Jahren. Sie war klein von Wuchs, hatte rötliches Haar, ihr zweites Fach war Geographie. Ich hatte bis zu meinem Schulbeginn in St. Pölten noch keinen Turnsaal erlebt. Weder in der Volkschule noch in der Hauptschule hatten wir Turnsäle. Wenn wir in der Volkschule im Freien waren, dann gingen wir entweder Kartoffelkäfer klauben oder sammelten Spitzwegerich, den man zu Hustensirup verarbeitete. In der Hauptschule wurde, wenn es das Wetter erlaubte, auf dem schotterigen Platz vor der Schule Völkerball gespielt. Ich hasste dieses Spiel, da die Schüsse, die manche abfeuerten, wirklich schmerzten, wenn sie dich trafen. Den Ball zu fangen, gefährdete sämtliche Finger.
Schon allein der Turnsaal war in St. Pölten daher ein Novum mit all seinen Gerätschaften: den Sprossenwänden, Barren, Schwebebalken, Ringen, Medizinbällen etc. Vor all diesen ungeheuerlichen Neuheiten konnte man sich in einer Zahl von 46 Kindern wunderbar verstecken; vor der Zehennägel- und Fußinspektion durch unsere Turnprofessorin allerdings nicht. Waren diese Körperteile nicht sauber genug gepflegt, musstest du dich aus der langen Schlange der Sitzenden hervorsetzen und wurdest für eine Überprüfung in der nächsten Turnstunde vorgemerkt. Freilich, man muss bedenken, dass damals wohl nicht jedes Kind daheim Dusche oder Bad hatte, und sollte es diesen Luxus gegeben haben, täglich wurden diese Einrichtungen wirklich nicht benützt! Das Badewasser für ein Bad bei uns daheim wurde mit Holz erwärmt. Es war eine Wochenendprozedur für alle Familienmitglieder. Trotzdem trachtete ich nur mit geschnittenen Zehennägeln und sauberen Füßen in der Turnstunde zu erscheinen.
Ebenso beeindruckte es mich, dass alle Schülerinnen dieselbe Turnkleidung hatten: Hellblaue Leibchen und hellblaue Hosen. Ich musste diese Ausrüstung nachkaufen. Louise A. erwartete wohl, dass ich mit der Zeit einen Meter achtzig würde – die Turnkleidung wurde aufs Wachsen bestellt! Ich trug sie noch, als ich die achte Klasse besuchte! Aus meiner Turnhose konnte ich, wenn ich die Hosenbeine hinunterzog, ohne weiteres eine Knickerbocker machen.
Für unsere Schiwoche hatten wir natürlich anderes gepackt. Aber eines war auch klar, wir hatten nur mit, was in unsere Rucksäcke hineinging. Wir mussten sie schließlich selber tragen, auch wenn uns die Eltern bis zum Bahnhof unterstützten. Wer hatte damals schon ein Auto, wer wurde mit dem Auto zum Zug gebracht! Es war auch nicht diskutabel, ob man einen Bus mieten sollte, der uns sozusagen von Haus zu Haus bringen sollte. Das Gegebene war die Bahn. Auch später, als wir am Sonntag in die Voralpen zum Schifahren unterwegs waren, fuhren wir mit der Bahn hin und zurück.
In Mitterbach wurde unser Gepäck mit einem Pferdeschlitten vom Bahnhof zum Hotel „Hulatsch“ gebracht, wo wir unser Quartier hatten. Das Hotel war ein Bau aus besseren Zeiten, vielleicht noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Was mir in besserer Erinnerung ist, ist der Speisesaal. Die Tische, aneinander gereiht, bildeten ein großes schmales U; an beiden Seiten der Tischreihe standen ebenso eng beisammen die Sessel. Dann kam mit einem riesengroßen Topf und einem beachtlichen Schöpflöffel die Tochter des Hauses herein. Nun wurden die Teller weiter gereicht, um mit der jeweiligen Speise gefüllt zu werden. Das heißt, so ein Teller hatte unzählige Hände passiert, bis er gefüllt war, und kehrte ebenso zurück. Hatte man die Suppe gegessen und kam nun die Hauptspeise dran – meist irgendein Eintopf – so wurde dein Teller auf dieselbe Art wieder an den großen Topf zurückgereicht, gefüllt wurde er wieder retour gereicht. Ob es dein Teller war? Rief dann die Tochter des Hause: „Wü no wer wath?“, ihr S-Fehler hat sich eingeprägt, verneinte man gerne, wer weiß, welchen Teller man dann bekommen hätte. Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen, dass so aufgetischt wurde. Auf der anderen Seite muss man nur daran zurückdenken, dass man früher in bäuerlichen Kreisen aus einer Schüssel aß. Und außerdem, wir hatten zu essen und hätten noch nachbekommen. Die Zeiten, in denen wir den Hunger kennen gelernt hatten, lagen noch nicht so lange zurück!
Vor dem Haus schnallten wir an und marschierten zu einem Hang. Natürlich war der nicht präpariert. Das machten wir selbst, indem wir im Treppenschritt eine neben der anderen hinaufstiegen. Dann übten wir: zigmal einen Bogen nach rechts, zigmal einen Bogen nach links. Es war schon ein Erlebnis, wenn wir zwei Bögen zusammenhängten oder den ganzen Hang hinunterfuhren. Die Abwechslung bestand darin, dass wir am nächsten Tag einen anderen Hang befuhren, der natürlich ebenso präpariert werden musste. Natürlich wurde unsere Fahrkunst Bogen für Bogen von unseren Lehrkräften begutachtet, ausgebessert, gelobt. Lifte gab es keine, aber es wurde uns nicht fad. Die Zeit am Hang verging im Flug, und vertraut wurde man mit seinen Schiern stapfend und fahrend.
Noch einmal, es gab keine Lifte, und doch fuhren wir Schi und lernten es technisch gesehen wirklich von Pike auf. Es gab auch kein Fernsehen und es gab keine Kofferradios, es gab keine Handys. Es gab keinen Kontakt mit daheim, wir waren auf großer Fahrt!
Abends sangen wir Volkslieder – auch dabei gab es genügend Möglichkeiten zum Blödeln, nicht immer zur Freude unserer Lehrkräfte – und spielten Hüttenspiele. Wer konnte, trug etwas bei, was sie irgendwo auf einer Hütte, in einem Verein oder zu Hause kennen gelernt hatte. Wenn ich mir diese Unterhaltung als Abendgestaltung auf einem Schulschikurs heute vorstelle, muss ich lächeln.
Wir waren die Einzigen auf Schikurs in Mitterbach, nie trafen wir andere Schüler oder Schülerinnen. Offenkundig leistete Prof. Luise A. Pionierarbeit, denn für manche Schihänge mussten wir den Schlagbaum, der die russische Zone begrenzte, passieren. Die Dienst habenden russischen Soldaten mit ihren Pelzmützen am Kopf und ihren Gewehren auf der Schulter waren in der Nachkriegszeit kein ungewohntes Bild, aber in der friedlichen Winterlandschaft rund um Mitterbach befremdlich. Prof. A. nahm jedes Mal mit ihnen Kontakt auf, dann durften wir hintereinander unter dem Schlagbaum auf unseren Schiern durchfahren, wobei wir laut abgezählt wurden.
Luise A. lebt nicht mehr. Auch die andere Lehrkraft, eine Klosterschwester, die für die Schikurswoche Zivil trug, was sie zur meistphotographierten Person machte, so sensationell war der Umstand, lebt nicht mehr. Aber in unserer Erinnerung ist die Vergangenheit lebendig.
Schikurs 1953
Verfasst von Helga Güntschl
Auf MSG publiziert im April 2009
In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Lebensgeschichtliche Fotorevue
- Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
-
- Ort: Niederösterreich, St. Pölten+Umgebung / Niederösterreich, Mostviertel, Mitterbach am Erlaufsee
- Zeit: 1953
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