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Der 12. März 1945

von Alice Bartl

(...)

Ich jedenfalls erwachte an diesem sonnigen Montagmorgen mit dem gleichen unsinnigen Glücksgefühl wie meistens in diesen Tagen. Begrüßt von einem wolkenlos blauen Himmel, der in mir vage Erinnerungen an Kierling weckte. An die Wiese unten beim Bach, an das sanfte Nicken der Schneeglöckchen, die sich in weiten weißen Inseln aus der braunen, noch feuchten Erde erhoben. An den Ruf eines Kuckucks, bei dem man, wenn er Glück bringen sollte, eine Münze in die Hand nehmen musste.

Doch dann kam der Radio-Kuckuck. Und es kam die Meldung über den Anflug eines Verbands viermotoriger Bomber mit Jagdschutz und mehrerer Verbände schneller Kampfflugzeuge über Kärnten und Steiermark, dann die Meldung über ihren Anflug auf die Bereiche 2 und 3. Und daraufhin Papas Befehl: „Heut gehst du mit“, gegen den es keinen Einspruch gab.

Vor dem Liechtensteinstollen das übliche Gedränge. Das übliche Anstellen und Warten und schrittweise Geschobenwerden. Drinnen das übliche Gefühl des Erdrückt- und Ersticktwerdens. Das in einem plötzlich und furios einsetzenden, sich ständig erneuernden Gewitter von Dröhnen und Donnern, Pfeifen und Krachen untergeht. In einem Teufelskreis von Erschaudern und Aufatmen, von Sterben und Auferstehen. Wie lange schon? Eine Stunde – einen Tag – eine Ewigkeit? Und dann, irgendwann, doch noch Entwarnung. Und plötzlich einsetzendes Gemurmel. Hoffen wir halt, dass die Welt noch steht … Immer unerträglicher wird mir die Enge, der Moder, das Eingesperrtsein, das Schieben und Drängen. Schreien möchte ich, losschlagen, mir mit Gewalt Luft, Platz und Freiheit schaffen. Aber ich tue es nicht. Niemand tut es. Langsam, durch eine weitere Ewigkeit, werde ich von der Herde vorwärtsgeschoben, Schritt für Schritt, hin zum offenen Tor, und hi­naus in einen nun seltsam grauverhangenen Tag.

Minuten später erkannten wir den Grund dafür. Jenseits der Friedensbrücke[1] erhoben sich in weitem Halbkreis dichte, schwarz-grau wabernde Wände aus Rauch und Qualm. Und darüber zog sich, den Himmel entlang, ein unregelmäßiges, orangefarben zuckendes Band. „Mein Gott!“, stammelte Mama. Und wir liefen los. Durch Wolken von Staub, über Schutt und Glasscherben, vorbei an meterhohen Trümmerbergen, die uns zwangen, einen Zickzackkurs einzuschlagen. Die Atemluft war sandig und rau und erfüllt von immer intensiverem Brandgeruch.

Mitten auf der Brücke strömt uns, wie vom Himmel gefallen, eine dichte Menschenmenge entgegen. Eilig und aufgeregt rennen sie vo­rüber. „Kampfverbände über Kärnten und Steiermark!“ Mama macht kehrt. Will, dass ich mich erneut unter die Erde, in die Ausweglosigkeit dieses Bunkers zwängen lasse. In dem es keinen eigenen Willen gibt. Und der zum irdischen Inferno noch den Aspekt des Sichbegraben-, -ersticken-, -erdrückenlassens fügt. Nein, ohne mich.

Doch Mama besteht darauf. „Du kommst mit!“, keucht sie und packt meine Hand. Ich reiße mich los. „Nein!“ Renne, was ich kann. Kämpfe mich durch all die Verrückten, die zurück in den Stollen wollen. Die mir den Weg verstellen, die mich anschreien und mit ihren Kinderwagen, mit ihren Taschen und Binkeln anrempeln und stoßen. Bin endlich durch und laufe die nun verlassene Wallensteinstraße hi­nunter, während die Flak schon zu schießen beginnt. Hinter mir Mama und Susi. Keuchend, schimpfend, drohend. „Na warte …!“

Es bleibt bei der Drohung. Sie erwischen mich nicht. Unter meinen Füßen bröckelt der Schutt, knirschen Glasscherben. Das Dröhnen anfliegender Bomber läuft böse hinter uns her. Ein fernes Rauschen und der dumpfe Ton erster Einschläge. Aber da sind wir schon beim Haustor, stürzen die Kellertreppe hinunter und hinein in den Luftschutzraum. Susi weint. Mama schimpft. Fassungslos, wütend und laut. Papa versucht – die rechte Hand auf ihren Arm Ist ja gut, Hermi. Beruhig dich doch. Ist ja schon gut!, die linke auf meine Schulter gelegt Was ist dir da nur eingefallen? – Frieden zu stiften. Die Hausparteien, bedeutungsvoll murmelnd wie ein griechischer Chor, kommentieren mein Verbrechen. Ich lasse sie murmeln. Lasse Susi heulen und Mama wüten. Sage kein Wort. Denn ich bin hier. Hier, wo ich sein wollte. Und rücksichtslos bin ich nicht. Oder habe ich sie etwa gezwungen, hinter mir herzurennen?

Dann, mit einem Schlag, ist es still. Jetzt haben die am Himmel das Sagen. Nur das Dröhnen der Motoren ist noch zu hören, das Pfeifen der Bomben, das dumpfe Poltern der Einschläge. Näher, immer näher. Und jetzt – das Licht zuckt, zuckt noch einmal – ein Wummern. Ein Beben. Ein Krachen. Und Stille. Tiefe, gespannte Stille. Ein geflüstertes Das war knapp! Und ein Aufatmen. Der Pulk ist vorüber. Doch da – woher nur? – ein Surren. Ein endloses, lauter und schriller werdendes Pfeifen. Das uns gilt. Aber nicht und nicht und noch immer nicht einschlägt. Jetzt aber – lieber Gott! – ein Brüllen. Das Licht erlischt. Und dann kommt eine Riesenfaust, die mich gegen die Wand presst und den Fußboden hochstemmt, die den Keller erzittern und die Tür aus den Angeln springen lässt und Wolken von Staub über uns wirft. Die mir Sand in den Mund stopft und den Putz von der Decke schlägt …

Niemand schreit. Niemand betet. Niemand bewegt sich.

Endlich der helle Punkt einer Taschenlampe, zitternd tastete er sich die Wände entlang, und der Bann war gebrochen. Hastig drängte alles zum Ausgang. Jeder wollte zuerst hinauf, wollte sehen, ob er noch ein Bett, ein Zuhause hatte. Im Stiegenhaus das große Aufatmen. Es gab noch ein Dach, es gab noch vier Wände. Und draußen war es ruhig geworden. Ruhig und dunkel. Über Floridsdorf ungeheure Brand- und Rauchwolken. Das Nachbarhaus war weg, vernichtet, ein meterhoher Trümmerhaufen. Papa und Herr Prokop liefen hinüber. Die Sirenen meldeten Entwarnung. Und rundum wurde es lebendig. Die Menschen kamen aus den Kellern, zogen in Scharen vom Flakturm he­rüber, hetzten durch die Klosterneuburgerstraße, die einem zweiten Pompeji glich. Schutt. Hausfragmente. Ruinen. Die kahlen, bizarr verstümmelten Äste der in weiß-grauen Puder gehüllten Bäume. In der Straßenmitte ein tiefer Bombentrichter. Gesteinstrümmer. Der Stamm einer entwurzelten Kastanie. Aufgeworfene Straßenbahnschienen. Ein Gewirr herabgerissener Leitungsdrähte. Und über allem Schmauch und Staub und der intensive Geruch nach Mörtel und feuchter Erde. Auch unser Haus war verwundet. Ein Leck in der Hausmauer gab oberhalb einer niedrigen Brüstung den Blick in zwei Räume unserer Wohnung frei.

Mama seufzte. „Na kommt.“

Oben bot sich uns das erwartete Bild: eingedrückte Fensterstöcke, aus den Angeln gebrochene Türen, Mauerbrocken, Scherben und Ziegelstaub auf Betten, Tischen und Kästen. Auf dem Boden in wirrem Durcheinander Bücher, Blumen und Bilder, die Scherben des aus den Kästen gestürzten Geschirrs, die zerfetzten Reste der schwarzen Rollos und zwischen all dem das Radio, dessen Kabel noch in der Wand steckte. In den Mauern Risse und Sprünge. Das Schlimmste aber waren die beiden zu offenen Veranden gewordenen Schlafräume, an deren Instandsetzung gar nicht zu denken war.

Wenn ich damit gerechnet hatte, dass Mama ihre Brille abnehmen oder wenigstens schimpfen würde, hatte ich mich getäuscht. Sie sagte: „Komm, hilf mir“, und bückte sich. Und wir hoben die Küchentür auf und lehnten sie gegen die Wand. Aber wütend war sie doch. Ich merkte es an der Art, wie sie beim Weitergehen den Schutt zur Seite kickte und wie sie, bevor ich ihr noch zu Hilfe kommen konnte, das Radio unter der zerfledderten Amaryllis hervorgeholt und wieder auf das Bücherkastel gehievt hatte. „Am besten fangen wir gleich hier an“, sagte sie, noch atemlos von diesem Gewaltakt. Und wir nickten und machten uns an die Arbeit. Und hatten kaum richtig begonnen, da stapfte schon die Poldi herein, band sich ihre blaue Schürze über den Mantel und half mir, den Schutt hinunterzutragen. Wasser fanden wir gleich um die Ecke, denn jemand hatte eine lange Leiter in den Bombentrichter gestellt, in dessen Tiefe es eilig aus der Erde sprudelte. Und während wir darauf warteten, mit unseren Kübeln hinunterklettern zu dürfen, durchliefen immer neue Gerüchte die lange Schlange der Wasserholer: Dort drüben habe es fünf Tote gegeben. Der alte Herr Droger sei darunter gewesen. Und sein Enkerl auch. Und die Staatsoper, heißt es, brenne lichterloh. Auch der Philippshof. Ja, und dort sollten noch hunderte Menschen im Keller sein, die man nicht herausholen könne. Und den Morzinplatz hätte es auch erwischt. Die Gestapozentrale? Mhm. Na, wenigstens etwas …

(...)

Anmerkung:

[1]    Offiziell hieß die Friedensbrücke von 1941–1945 Brigittenauer Brücke.

© Verlag Liber Libri

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Der 12. März 1945

Verfasst von Alice Bartl

Auf MSG publiziert im Juli 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1945

Anmerkungen

Aus: Alice Bartl: Warte nur, Terpsichore ...!. Autobiografischer Roman, Wien 2008, S. 257-261.

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