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Warum der Berndl Leopold ein Hochgeborener ist

von Leopold Berndl

Ich selbst kann mich wirklich nicht erinnern, wann und wo ich geboren bin, aber meine Mutter hat mir’s gesagt und auch im Taufbuch steht’s geschrieben, dass ich geboren wurde am 22. Dezember 1867 zu Poysdorf, und zwar hoch oben am Berge bei der Kirche im Wächterhaus, bin deshalb ein Hochgeborener. Mein Vater war nämlich Wächter, Totengräber und Mesner in einer Person und wurde ihm deshalb das Wächterhaus als Wohnung überlassen.

Mein Vater starb, als ich 15 Monate alt war, es war am 29.  März 1869, das war Ostermontag. Meine Mutter mit uns drei Kindern, Elisabeth, Josef und Leopold, übersiedelte dann in die Brunngasse 146, jetzt 346, das der ledigen Theresia Schodl (Jungfer Resi) gehörte, und wo wir siebzehn Jahre wohnten und jährlich sechzehn Gulden Zins zahlten. Diese Jungfer Resi hat uns aber durch siebzehn Jahre das Leben recht sauer gemacht.

(...)

Die Schwester Elisabeth war elf Jahre, vier Monate alt, wurde vom Schulbesuch befreit. Der Bruder Josef war neuneinhalb Jahre alt und musste die Schule bis zum Jahr 1872 besuchen. Die letzten Jahre nahm er mich immer mit in die Schule, damals nahmen die Schüler in der Regel ihre jüngeren Geschwister in die Schule mit. Wieso das geduldet wurde, ist mir heute noch ein Rätsel.  Von diesem Schulbesuch ist mir etwas lebhaft in Erinnerung, das ich erzählen muss. Das war die große Klasse, wo dann die Kinder zum Austritt kamen.

Kinder auf der Schulbank. Ein Junge zündet sich eine Zigarre an (Zeichnung)

 

Klassenlehrer war Johann Jilge; da war ein Schüler, Dominik Schuckert, aus der Laaerstraße, der saß vor mir, da konnte ich’s genau sehen. Er nahm eine Zigarre heraus, schnitt mit dem Messer den Spitz weg und zündete sie an. Das war während des Unterrichtes. Der Lehrer wollte ihm das energisch verbieten, da sagte der Bub ganz frech: „Haderlump, dreckiger, ist’s dir leicht nicht recht?“ Kaum zum glauben, doch ist es wahr. Dieser Dominik Schuckert war dann später ein gefürchteter Raufer.

Meinem Bruder sein größtes Vergnügen war, wenn er mich reizen konnte, dass ich weinte. Er legte sich immer auf die Bank und fing zum lamentieren an: „O Gott, ich muss sterben, o Gott, ich muss sterben.“ Da fing ich immer zu weinen an, dass ich nimmer zum trösten war; er war glücklich dabei. Unsere Hausfrau, die Jungfer Resi, die hat einmal eine Zeit lang eine Karrnerfamilie, Mann und Weib beherbergt. Dieses arme Arbeiterweib hat mir öfters einen Kreuzer gegeben, ich soll mir etwas kaufen. Einmal gab sie mir einen Vierer, ich soll mir um einen Kreuzer etwas kaufen. Ich ging hinunter zum Kruhalick-Kaufmann, kaufte mir eine Bäckerei – damals konnte man auch um einen Kreuzer etwas kaufen –, und brachte dem Weib die drei Kreuzer zurück. Wie lange werden diese armen Leute schon tot sein, und ich habe sie noch ganz lebendig in Erinnerung, in einer dankbaren.

Nicht vergessen hab ich’s, dass meine Mutter, wenn sie im Pfarrhof bei einer Tafel als Abwascherin aushelfen musste, Überreste mit nach Hause brachte, einen großen Topf Suppe, und ein großes Papier voll Bäckereibrösel. Die Suppe hat mir nicht recht geschmeckt, heute weiß ich’s, sie war sauer. Bei den Bröseln haben meine zwei Geschwister ausgemacht, nur mit die Finger zuzugreifen, die Schwester hat es aber mit der Zunge probiert, da gab’s aber dann einen großen Krach. Es hat eine längere Weile gedauert, bis alles wieder im Gleichgewicht war und alle drei mit die nassen Finger wieder gleichmäßig hingetupft haben auf die Brösel. Dem Pfarrer seine Jungfer Kathi, die hat nichts Gescheites hergeben.

Ich habe nicht begreifen können, warum denn gerade wir „koan Vodan“ haben. Meine Mutter war im Pfarrhof Wäscherin und da hatte sie mich immer mitgenommen. Einmal sah ich in dem Holzschuppen eine ganze Anzahl so ausrangierte Heilige herumstehen, gleich war mein Plan fertig. Mit der Butten einen heimtragen, und wir haben auch „an Vodan“. Ich hab die Mutter sekkiert drum, denn mir war es ernst. Der Pfarrer Haresser hat es gehört, der hat gelacht und laut auch noch dazu. 

Als ich noch so klein war, da hab ich immer bei der Mutter geschlafen, neben der Mauer, da hat sie mir das Schutzengelgebet gelehrt, eine selige Erinnerung. Aber einmal, da hat jemand beim Fenster geklopft, da hab ich mich gefürchtet. Die Mutter hat gebrummt, aber geredet hat sie nichts, das freut mich heute noch. Als derjenige dann weg war, sagte sie ganz aufgeregt: „A so a olda Mäulauf.“ Es war ein älterer Witwer, der Wolf-Tonl. Ich hab ihn später gekannt, er war ein grindiger Kerl, hatte aber einen schönen Besitz und hat dann von Poysbrunn eine geheiratet, die hat ihm alles angebracht, und er selbst ist dann im Armenhaus gestorben. 

Mein Vater hatte zwei Weingärten angefangen, aber nicht mehr fertig gemacht. Das musste die Mutter jetzt mit fremden Leuten tun. Die Geschwister mussten jetzt schon fest mithelfen und auch dem Verdienst nachgehen. Im Jahre 1875 bauten wir schon etwas Wein, jedoch kostete er nur drei bis dreieinhalb Gulden der Eimer, und da musste man noch Glück haben, wenn man einen Käufer fand, denn Wein ist in diesem Jahr im Überfluss gewachsen. 1879 war starker Reif, folglich kein Weinjahr.  1877 wuchs ein essigsauerer Wein, den niemand kaufen wollte.  Es war nämlich eine starke Gefrier im September. Das Jahr 1878 war eins der reichsten Weinjahre, der Wein war nicht zum unterbringen, Bottiche wurden zugedeckt mit Läden und vermauert.  Ein leeres Fass kostete drei Gulden pro Eimer und ein Eimer Wein kostete auch drei Gulden und noch weniger.

Der Ebenauer aus der Laaerstraße baute in diesem Jahr neunhundert Eimer Wein. Wir bauten in diesem Jahr schon ziemlich viel, hatten aber zu wenig Fässer und mussten deshalb beim Schulmeister Wurmbauer einfüllen, der uns denselben dann auch abkaufte, den Eimer um drei Gulden. In einem späteren Abschnitt werde ich dann die ganzen Jahre über Witterung und Weinbau beschreiben, so weit ich es noch in Erinnerung habe.

Im Jahre 1880, am 9. Februar, heiratete meine Schwester Elisabeth den Weinhauer Stefan Hofer. Das war ein lustiger Tag, der mir noch lebhaft in Erinnerung ist. Nächstes Jahr, 1881, wurde mein Bruder assentiert zu den Deutschmeistern, rückte im Herbst ein, wurde aber dann wieder beurlaubt, weil die Mutter reklamierte, da ich selbst erst vierzehn Jahre alt war. In den nächstfolgenden Jahren waren einige gute Weinjahre, verdient wurde auch, und so konnten wir uns im Jahr 1886 ein Kleinhaus kaufen.

Wir waren tatsächlich fleißig und sparsam und strebten nur nach einem Ziel: hinaus aus dem Zins, ein eigenes Heim, weg von dieser „Resi Jungfer Mahm“. Sie war eine Betschwester und ging wöchentlich zur Beicht und Kommunion; wenn sie gut war, da gab sie alles her, was sie hatte. Aber wehe, wenn sie in ihre Bosheit verfiel, denn da spuckte sie minutenlang aus vor uns. Wir kannten schon immer die Vorzeichen vom Sturm. Wenn sie die Zähne eingebunden hatte, da nahmen wir Reißaus vor ihr. Auch war sie mit Hexenglauben behaftet. Wenn ihr eine Henne zugrunde ging oder wenn sie in den Armen oder Füßen das Reißen bekam, gleich beschuldigte sie uns, dass wir sie verhext haben, und dann kam wieder der Rückschlag, und sie war wieder übertrieben gut. Wenn diese Betschwester vom Dritten Orden und vielleicht noch ein paar Kolleginnen von dieser Gattung im Himmel droben sind, ich sage ehrlich: da mag ich nicht hinauf!

Zu Fleiß und Tätigkeit wurden wir von der Mutter angehalten, auch hat sie sich eine gewisse Autorität bewahrt. In manchen Sachen, die sie für uns schädlich fand, konnte sie energisch werden.  Mein Bruder hatte mit so einem flatterhaften Mädel eine Bekanntschaft und das war der Mutter nicht Recht, da gab’s öfter Unfrieden. Einmal kam dieses Mädel bei der Nacht selbst zum Fenster unserer Schlafkammer und redete hinein. Als meine Mutter das hörte, kam sie heraus und schrie: „Da hört sich doch schon alles auf mit solche Zänkeln, jetzt kommens gar schon zu die Buben fensterln, schauts dass weiter kommts.“ Es war eine zweite bei ihr, die sind aber schnell verduftet. Das Mädel war in der Dampfmühle bedienstet, war von Enzersdorf und hieß Haas.  Als mein Bruder diese Bekanntschaft weiter pflegte, da gab’s einmal einen großen Krach, wobei die Mutter meinen Bruder ganz kurz hinauswarf. Wo er diese Nacht geschlafen hat, weiß ich nicht, herein durfte er nicht. Mir hat er Leid getan und habe deshalb recht bitterlich geweint. Ich glaube, die Liebschaft hatte ein Ende.

Die Mutter schickt eine Frau vor die Türe

Acht oder neun Jahre später ging es mir ebenso. Ich begleitete täglich so eine tschechische Maid zum Gemeindebrunnen, das war der Mutter nicht recht. Als ich gegen sie ein wenig keck werden wollte, da lag ich auch schon draußen. Diese Nacht hab ich am Boden geschlafen, da hat mich aber tüchtig gefroren. Ich hab’s noch gut im Gedächtnis, wie ich im Stroh lag und Rache brütete, ich wünschte mir diese Nacht zu sterben, der Mutter zu Fleiß, damit sie sich kränkt. Ich bin aber nicht gestorben und die Böhmin hab ich nicht mehr begleitet.

Ein Junge im Bett hört einer Runde junger Burschen zu, die an einem Tisch sitzen (Zeichnung)

Zu meinem Bruder kamen an den Winterabenden seine Kameraden Karten spielen und dann Geschichten erzählen von den Mädeln, da hab ich immer geschlafen, ein bissel geschnarcht und dabei aufgepasst, dass ich alles gut hörte. Da hab ich vieles erfahren, was ich noch nicht zu wissen gebraucht hätte.

 

Federn schleißen gingen wir auch in verschiedene Häuser, da war das Geschichtenerzählen an der Tagesordnung, besonders Hexengeschichten. Meine Mutter war unerschöpflich in Hexengeschichten und auch andere Weiber hatten vieles am Lager. Ich selbst glaubte es schon als Bub nicht, aber gefürchtet hab ich mich doch. Der Hexenglaube spukte im vorigen Jahrhundert noch stark in den Köpfen der älteren Leute, und ich werde dann später eine Anzahl zum besten geben. Auch Wissenschaftliches wurde beim Federnschleißen besprochen. Alois Haimer Nr. 317 im Hause Brunngasse, wo der Wasserdurchlauf ist, ein schon ziemlich aufgeklärter Mann, der klärte einmal die Männer und Weiber auf, dass sich die Erde täglich um sich selbst dreht, für uns Buben, die wir aus der Schule waren, war dies etwas Selbstverständliches. Der alte Ernst aber, der sagte: „Wonn sich die Welt umadum drahn tat, do follatn jo auf da untern Seiten die Häuser weg.“

(...)

Mann mit zwei Frauen im Arm (Zeichnung)

 

Im Jahre 1888 heiratete mein Bruder die Weinhauerstochter Theresia Knoll. Das war auch ein lustiger Tag und eine noch lustigere Nacht.  Bis zum Morgen gab’s eine Gaudi, eine Hetz und Lachen zum Bauchaufspringen. Ich selbst war Junggeselle und führte zwei kleine Mädchen vom Müllermeister Josef Piller, Ida und Berta, da hab ich mich geschmissen!

Buchumschlag "...es wird ein Wein sein". Mann vor Weinberg.
Informationen zum Artikel:

Warum der Berndl Leopold ein Hochgeborener ist

Verfasst von Leopold Berndl

Auf MSG publiziert im April 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Weinviertel, Poysdorf
  • Zeit: vor 1900

Anmerkungen

Textauszug aus dem Buch "...es wird ein Wein sein" von Berndl Poldl, S. 17-31.

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