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Religionsstunde
von Josef Janny
Als damals im März 1938 unser Österreich „heimgeführt“ wurde ins sogenannte Großdeutsche Reich, da wurde nicht nur politisch und in allen öffentlichen Ämtern und Organisationen gar viel umgekrempelt und alles mit „getreuen“ Funktionären besetzt, sondern auch in den diversen Schulen gab es gewaltige Veränderungen. Das an den meisten Schulen übliche Morgengebet wurde selbstverständlich abgeschafft, und auch unser traditioneller österreichischer Gruß, das „Grüß Gott!“ – ab nun hatten wir ja unseren „neuen Gott“ mit einem kräftigen „Heil!“ zu begrüßen – kam in die Verbannung. Ab nun wurde natürlich nicht mehr „Österreichische Geschichte“ gelehrt, sondern „Deutsche Geschichte“ – und da standen selbstverständlich des „Führers“ Lebenslauf, der „Versailler Schandvertrag“, der „Alte Fritz“ mit seinen Heldentaten und Ähnliches ganz im Vordergrund.
Das wichtigste Unterrichtsfach war damals dann wohl das Turnen bzw. die Leibeserziehung (denn die Körper künftiger Frontsoldaten mußten ja schließlich schon vorzeitig ordentlich gestählt und ertüchtigt werden!). Religion hingegen, das in unserer Schule vorher das vorrangigste Hauptfach war, erklärte man einfach zur Nebensächlichkeit; es war dann auch nur mehr ein Freifach.
Nur, unser Pfarrer, der in unserer Volksschule schon immer mehr zu sagen und zu bestimmen hatte als unser Oberlehrer, der eigentliche Schulleiter, ließ sich vom neuen Regime nicht so einfach abspeisen. Er hatte uns Schüler – dieses „Teufelspack“ (seine Bezeichnung) – nach wie vor voll in seiner Gewalt, und in Bezug auf Religionsunterricht und diverse „christliche Pflichten“ gab es daher kaum irgendwelche Veränderungen.
„Christenpflicht“ war für uns Schüler jedenfalls, daß wir wöchentlich mindestens einmal bei der Frühmesse zu erscheinen hatten – an Sonntagen war dies sowieso ganz selbstverständlich – und alle zwei Wochen zur Beichte gehen mußten (wobei ich gleich nach der Beichte, am Altargitter kniend und die gar vielen Reuegebete herunterleiernd, zu denen ich verdonnert worden war, gleich wieder zum Sünder wurde, indem ich, um schneller wegzukommen, manche Stellen einfach übersprang ...). Da wir drei Kilometer weit zur Schule bzw. zur Kirche zu marschieren hatten, mußten wir, um rechtzeitig bei der Frühmesse und anschließend beim Schulunterricht zu erscheinen, natürlich schon um fünf Uhr in der Früh aus den Federn.
Der lange Schulweg war für uns (arme) Buben nicht gerade ein Vergnügen. Während der schönen Jahreszeit gab es dabei kaum Probleme – außer bei Regen, denn irgendeinen Regenschutz hatten wir ja nicht. Die Waldviertler Winter mit gar viel Schnee und großer Kälte setzten uns Buben dann aber doch mächtig zu, denn auch eine ordentliche Winterbekleidung gab es für uns nicht – die konnten wir uns einfach nicht leisten. So dürftig bekleidet, ohne Wintermantel oder Überjacke, ohne Kopfbedeckung, ohne lange Hose, ohne Handschuhe und ohne Lederschuhe (nur mit Holzpantoffeln!), mußten wir uns auf den Weg machen. (Als ich einmal zur Winterszeit so unzureichend bekleidet und frierend in der Schule aufkreuzte, da schenkte mir der freundliche Oberlehrer eine Wollmütze, einen Schal und ein Paar Handschuhe.)
Ich war damals sicherlich kein schlechter Schüler – meine Leistungen in den üblichen Fächern wurden stets mit Einsern und Zweiern benotet. Nur in Religion mußte ich wohl völlig danebengelegen haben, denn da gab es für mich nur immer die schlechteste Note – und das war Vier. Da damals, es war im Jahr 1937, in meinem Abschluß-Zeugnis neben Einsern und Zweiern auch dieser Vierer prangen sollte, wäre ich wegen dieser schlechtesten Note sogar zum „Sitzenbleiben“ (also, zum Wiederholen des vergangenen Schuljahres) verurteilt gewesen, wenn es dem freundlichen Oberlehrer nicht doch noch gelungen wäre, diesen Vierer auf Dreieinhalb herunterzuhandeln ...
Aus so einer Religionsstunde ganz ohne irgendeiner Strafe davonzukommen, war fast ein Ding der Unmöglichkeit. Unser Nächstenliebe-Prediger hatte davon ein gar reichhaltiges Programm auf Lager, z.B. Strafe schreiben, Stockhiebe, Kopfnüsse, Haare reißen etc. Merkwürdig dabei war aber, daß sich unser „Geistlicher Lehrer“ mit seinen ganz speziellen „Behandlungsmethoden“ vorwiegend auf Kinder konzentrierte, die aus ärmlichsten Verhältnissen kamen – an Kindern reicher Bauern vergriff er sich nie.
Die häufigste – noch schmerzfreie – Bestrafungsmethode war das Strafe-Schreiben. Da mußten etliche Seiten des Katechismus x-mal abgeschrieben und dazu noch auswendig gelernt werden. Mit dem Daruntersetzen der Unterschrift eines Erziehungsberechtigten (in meinem Fall meine Mutter) mußte dieses Schreibwerk auch noch „beglaubigt“ werden. Da ich die Unterschrift meiner Mutter, um keinen Ärger zu Hause zu bekommen, dann immer selber produzierte, wurde ich – mein Sündenregister wiederum gewaltig aufstockend – sogar zum Unterschriftenfälscher! Dieses „beglaubigte Dokument“ konnte ich zwar einwandfrei abliefern, nur mit dem Auswendig-Aufsagen hatte ich so meine Probleme; da endete wohl meine Gehorsamkeit – und so gab es für mich wiederum: Strafen auf Strafen ...
Beim Haare-Reißen ging es dann schon etwas schmerzhafter zu. Dafür hatte er sogar drei verschiedene Varianten parat: Erstens, das Reißen der Stirnhaare – laut seiner Bezeichnung die „Bitteren“ (die mildere Schmerzstufe); zweitens, das Reißen der Haare im Nacken, der „Sauren“ (schon schmerzhafter); und schließlich die höchste Stufe der Schmerzempfindung (bei ihm wahrscheinlich Genußempfindung) – das Reißen der Haare bei den Ohren, der „Süßen“. Und an diesen Stellen wurde dann kräftig (bzw. genußvoll!) nach oben gezogen, bis der Delinquent – Schmerzlinderung suchend – auf den Stuhl oder sogar bis aufs Schreibpult kletterte und manchmal sogar ein Büschel ausgerissener Haare zwischen den Finger des „Seelsorgers“ blieb.
„Patzl“ [Patzen] – Schläge mit dem Rohrstaberl auf die Fingerspitzen der inneren Handfläche – waren damals in den Schulen wohl eine der häufigsten Bestrafungsmethoden. Nur unser Sadist im Priestergewande schlug – damit es nur ja recht schön wehtat und die Schmerzensschreie des „Übeltäters“ voller Wonne bis in seine (von Gott geweihte) Seele dringen konnten – mit dem Stock stets auf die Rückseite der Finger, direkt auf die Knöchel. Als einmal einem Schulkameraden, der auch aus ärmlichsten Verhältnissen kam, bei solchen Stockschlägen ein Finger derart lädiert wurde (vermutlich brach ein Knöchel), daß nach wochenlangen, starken Schmerzen ein dauerhaft steifer Finger als „Andenken“ zurückblieb, dürfte das für unseren „Gottesmann“ aber wohl kaum eine Gewissensbelastung gewesen sein.
Ob dieser sadistische Pfarrer dazu beitrug, daß ich seither zu Gott und unserer Religion ein irgendwie gestörtes Verhältnis habe ...?
Religionsstunde
Verfasst von Josef Janny
Auf MSG publiziert im September 2009
In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe, Worte der Kindheit
- Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
-
- Ort: Niederösterreich, Waldviertel, Schönbach
- Zeit: 1930er Jahre
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