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Grenzfälle
von Adolf Katzenbeisser
Während meiner Dienstzeit als Lokführer fuhr ich ab den Sechzigerjahren unzählige Male mit Zügen über die Grenze in die damals noch kommunistische Tschechoslowakei. Es handelte sich um die Grenzübergänge Hohenau – Břeclav (Lundenburg) sowie Retz – Šatov (Schattau; ein Vorbahnhof von Znaim). Bei Letzterem gab es damals nur Güterzugverkehr. Vom Bahnhof Praterstern und vom Südbahnhof ausgehend gab es direkte Personen- und Schnellzüge über Hohenau nach Břeclav, welche österreichisches Personal führte. Eine Zeitlang verkehrte ein Triebwagenschnellzug namens Moravia bis Brünn, begleitet von einem tschechischen Lotsen mit Deutschkenntnissen.
Die Grenzkontrollen waren rigoros, nicht nur für Reisende. Der grüne, zweisprachige und mehrseitige Leinen-Dienstausweis, ausgestellt in Prag, wurde einem bei der Einreise abgenommen. Nachdem ich mir im Urlaub einen Oberlippenbart hatte wachsen lassen, legte man mir nahe, diesen vor dem nächsten Grenzübertritt abzurasieren, weil mein Gesicht mit dem Ausweisbild nicht mehr übereinstimme. Sonst dürfe ich nie wieder in die Sozialistische Tschechoslowakische Republik einreisen, erklärte mir ein Uniformierter mit goldenen Sternen am Rockrevers. Eine reine Schikane.
Die eigentliche Grenzkontrolle für beide Fahrtrichtungen fand auf freier Strecke beim Blockposten Pohansko zwischen Staatsgrenze und der Stadt Břeclav statt. Das Gelände war mit Stacheldrahtzäunen und Wachtürmen abgegrenzt, nachts strahlten starke Scheinwerfer. Soldaten mit Maschinengewehren behielten den Zug im Auge, Männer in den verschiedensten Uniformen eilten geschäftig hin und her. Eine unerlaubte Durchfahrt bei diesem Kontrollposten hätte durch ein massives Hindernis am Gleiskörper unweigerlich zur Entgleisung geführt. Hier wurden die Züge gründlich durchsucht, Spürhunde schnupperten unter den Waggons. Bei der Hinfahrt war das mehr eine Routine; wer reiste schon freiwillig illegal in dieses kommunistische Land ein? Bei der Rückfahrt waren die Kontrollen umso strenger. Auf der Lok wurden sogar die Blechverkleidungen von Schaltkästen abgeschraubt, dahinter hätte ja ein politischer Flüchtling versteckt sein können. Seit ein paar Männern die Flucht in den Westen in einem Holzverschlag unter einer Kohlenladung gelungen war, wurde die Staubkohle vom militärischen Grenzschutz mit spitzen Stahlruten durchstochert.
Auf den Führerständen lagen immer Zeitungen und Illustrierte herum. Bei der Einreise konfiszierte diese der Chef der Grenzpolizei persönlich. Ganz scharf war er auf Pornozeitschriften. Gelegentlich fragte er mit verstohlenem Lächeln danach, ob man „St. Pauli-Nachrichten“ oder ein „Schlüsselloch“ (damals erhältliche Pornohefte mit großen Brüsten auf den Titelseiten) in der Tasche habe. Man wusste nie, ob er sich persönlich dafür interessierte oder ob es nicht eine Falle war.
Einem Ostdeutschen gelang trotzdem die Flucht mit einem Reisezug auf dem Führerstand. Der Mann hatte sich auf dem Bahnhof-WC in Břeclav die Uniform eines ostdeutschen Bahnhofvorstandes angezogen, den Koffer mit seiner Zivilkleidung dort stehen lassen, war kurz vor Abfahrt des Personenzuges frech durch die Absperrung gegangen und auf die österreichische Diesellok gestiegen. Der ahnungslose Lokführer glaubte, der Uniformierte fahre zu einer zwischenstaatlichen Verhandlung nach Hohenau, die bewaffneten Zugbewacher am Bahnsteig nahmen an, es handle sich um den Bahnhofvorstand von Hohenau, der in Břeclav Dienstliches verhandelt hatte. Spätestens bei der Außengrenzkontrolle in Pohansko hätte der Uniformierte auf dem Führerstand auffallen müssen, weil er bei der Einreise keinen Ausweis abgegeben hatte. Kaum in der Freiheit, gab sich der Mann dem Lokführer zu erkennen. Der Fall machte in den Medien Schlagzeilen, es gab einen Vergleich mit dem Hauptmann von Köpenick. Bei den tschechischen Grenzbeamten gab es sicher ein Köpferollen, aber als Hauptschuldigen sah man den österreichischen Lokführer. Er wurde in Abwesenheit wegen Menschenschmuggels zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt und konnte nie mehr Züge über die Grenze führen.
Der Bahnhof Břeclav mit seinen unzähligen Gleisen ist kilometerlang, er galt einst als größter Bahnhof der Monarchie. Die tschechoslowakischen Verkehrsvorschriften und Signale unterscheiden sich in einigen Fällen deutlich von den unsrigen, wir wurden daher speziell geschult. Trotzdem wurde jede Fahrt mit der Lok allein von einem Verschieber begleitet. Er stand auf dem Trittbrett in Puffernähe, bei Kälte oder Regen wagte er sich auf den Führerstand, schaute beim Seitenfenster hinaus und sprach kein Wort. Die Eisenbahner mieden nach Möglichkeit jeden Kontakt mit uns, obwohl die meisten Deutschkenntnisse besaßen. Frustrierte Gesichter mit Minderwertigkeitsgefühlen, die einen um die Freiheiten des Westens beneideten. Sie kannten Freiheit nur zwischen 1918 und 1939. Oder wurde ihnen der nähere Kontakt mit Österreichern verboten? Nur der Fahrdienstleiter sprach ein paar Worte, wenn er einen schriftlichen Befehl auf den Führerstand reichte. Der Lokführer musste den Wortlaut der schriftlichen Mitteilung mündlich wiederholen, es ging ja meist um heikle verkehrsdienstliche Angelegenheiten. Mit Österreich bestand nur eine Telefon- und Fernschreiberverbindung mit Hohenau. Gab es mit einer Lok ein technisches Problem, konnte nur mit dem Fahrdienstleiter Hohenau Kontakt aufgenommen werden, der mit der Dienstelle in Wien vermittelte.
Einem Kollegen dürfte einmal etwas passiert sein, wahrscheinlich die Verletzung einer Dienstvorschrift. Er brauchte nur ein Signal überfahren haben oder unsanft an die Puffer aufgefahren sein, dass ein kleiner Schaden entstand. Vielleicht wurde so ein Zwischenfall vertuscht und zum Anlass genommen, dass man von ihm Gefälligkeiten verlangte, die an Spionagetätigkeiten erinnern. Er ließ sich darauf nicht ein und meldete die Erpressung anonym der Staatspolizei in Wien. Daraufhin wurden alle zwölf Lokführer des Ausland-Dienstplans in die Rossauerkaserne vorgeladen. Ich wurde telefonisch dazu aufgefordert, den Termin durfte ich wegen meines unregelmäßigen Dienstes selbst wählen. Die Staatspolizei hatte meine Nummer, obwohl ich damals nicht im Telefonbuch stand. Ein freundlicher und höflicher Mensch verwickelte mich in ein lockeres Gespräch, vor sich hatte er bereits einen Akt über mich liegen. Er wusste, dass ich im oberen Waldviertel in Grenznähe aufwuchs, fragte, ob ich „drüben“ Verwandte oder Kontakte zu Tschechen habe, erkundigte sich über meine familiären Verhältnisse, wie viel ich verdiene, ob ich Schulden oder einen Kredit laufen habe, ob ich ein Laster habe, Spielsucht etc., ob ich ein Auto fahre (was er selbstverständlich bereits wusste), ob ich neben der Wohnung ein Haus oder einen Schrebergarten besitze, ob ich mich dienstlicher Verfehlungen im Ausland schuldig gemacht, ob ich seitens der Tschechen irgendwelche Angebote bekommen habe. Es wurde nicht bekannt, ob der Betreffende den Mund aufgemacht hatte.
Grundsätzlich durfte man den Bahnhofbereich nicht verlassen. Wenn man auf den Gegenzug wartete, konnte man sich bei einem Kiosk am Bahnsteig etwas zu essen oder trinken kaufen – vorausgesetzt man hatte Kronen. Diese durften nicht billig eingeführt werden, Schilling-Währung musste am Bankschalter in der Bahnhofhalle gegen Kronen und eine Bestätigung eingetauscht werden. Auch die Ausfuhr von Kronen war verboten, sie mussten wieder rückgetauscht werden. In der Dubcek-Zeit ging’s etwas lockerer zu, man konnte sich ins Stadtgebiet wagen. Lundenburg liegt an der Thaya und zählt einige Zehntausend Einwohner. Ein Kollege übertrieb, kaufte billig kiloweise Fleisch und Würste ein, wurde dabei erwischt, und mit dem Ausgang war’s wieder vorbei.
Auch die österreichischen Zollbeamten in Hohenau suchten nach Schmuggelware. Ein Kollege kaufte für sein Kind einen großen Teddybär, versteckte ihn gut auf der Dampflok. Die Tschechen setzten die Österreicher davon in Kenntnis. Nach dem Teddybär wurde vom Zoll gesucht, und er wurde ihm abgenommen. Das Kuscheltier wurde nach Wien geschickt, unter einem Röntgenapparat auf eventuell eingenähte, verdächtige Gegenstände untersucht und gewogen. Nach dem Gewicht richtete sich dann die Zollgebühr, die der Kollege beim Abholen vom Hauptzollamt zusammen mit der Strafe zu entrichten hatte.
Die Streckenelektrifizierung der Nordbahn von Gänserndorf bis nahe der Staatsgrenze (Bernhardsthal Haltestelle) erfolgte 1977, bis zur durchgehenden Elektrifizierung bis Břeclav im Jahre 1986 musste beim Schnellzug Chopin in Hohenau die E-Lok gegen eine Diesellok getauscht werden. In Břeclav wurde übernachtet und in der Früh der Gegenzug nach Wien übernommen. Die Zugbegleiter hatten nicht weit in die Kaserne. Ich musste die Maschine erst in Sägebewegungen über mehrere Weichen ins abseitsgelegene Heizhaus fahren, begleitet von einem Verschieber bis zur Heizhausgrenze. Die Schlüssel der abgesperrten Lok wurden beim Maschinenmeister abgegeben, ich trug mich mit Namen, Zug- und Triebfahrzeugnummer und Uhrzeit in ein Buch ein. Dann ging’s zu Fuß zurück über einen langen eisernen Übergangssteg zum Bahnhofgebäude, in dessen Nähe sich die Kasernen befanden. Da das tschechoslowakische Zugbegleitpersonal hauptsächlich aus weiblichen Bediensteten bestand, gab es von der Männerkaserne baulich getrennt eine Frauenkaserne. Aufsicht und Weckdienst in der Männerkaserne hatten Frauen, aus weiser Voraussicht keine jungen.
In den Räumlichkeiten hing penetranter Geruch nach einem Desinfektionsmittel, ähnlich dem bei uns in Nachkriegsjahren verwendeten Lysol. Endlich eingeschlafen, war die knapp zweieinhalb Stunden lange Ruhepause schon wieder zu Ende, mit tschechischen Worten wurde ich geweckt. Pausen im Ausland wurden voll an die Arbeitszeit angerechnet. Ich trat den Weg ins Heizhaus an, meldete mich in der Kanzlei, übernahm die Schlüssel und machte die vorgeschriebenen Checks und die Maschine fahrbereit. An der Heizhausgrenze erwartete mich bereits ein Verschieber, der die Lok an den Zug begleitete. Der Chopin kam aus Warschau und führte Kurswagen von Berlin und Moskau. Häufig traf er verspätet ein. Entlang der March war der Nebel oft so dicht, dass die Sicht nur wenige Meter betrug, dass man bei der Vorbeifahrt an den Vorsignalen mit angestrengtem Blick die Signalstellung gerade noch erkennen konnte.
Die Sowjets erlaubten Juden die Ausreise. Israel bzw. die USA zahlten dafür in harten Dollars. Die Juden kamen vorerst ins niederösterreichische Auffanglager Schönau, wo es dann mit dem Flugzeug weiter nach Israel ging. Beim Grenzübergang Marchegg kamen ebenfalls sowjetische Juden in den Westen. 1973 kam es im Bahnhof Marchegg zu einem Zwischenfall durch palästinensische Terroristen, vier Geiseln wurden genommen, drei Juden und ein österreichischer Zollwachebeamter. Die Entführer forderten von der österreichischen Regierung die Schließung des Transitlagers Schönau. Dem wurde zugestimmt, und sie wurden mit einem Sonderflugzeug ausgeflogen. Israels Ministerpräsidentin Golda Meir eilte nach Wien und forderte, die Entscheidung von der Aufhebung des Lagers rückgängig zu machen. Kreisky blieb hart, noch im Dezember 1973 wurde das Transitlager aufgelöst.
Ab nun wurden Judentransporte von der Polizeieinheit Cobra begleitet. Die bewaffneten Männer konnten erst im Bahnhof Hohenau während der halbstündigen Zollkontrolle zusteigen. Der Schnellzug wurde aber bereits ab der Staatsgrenze von aufgestellten Posten beobachtet. Die Polizisten verteilten sich im Zug, auch neben dem Lokführer saß einer mit griffbereiter Maschinenpistole. Die freie Fahrt bis Wien Südbahnhof musste gewährleistet sein, alle anderen Züge hatten Nachrang. Am Ziel warteten bereits unzählige bewaffnete Uniformierte auf die Emigranten, die sie zu den Bussen am Bahnhofvorplatz brachten. Es handelte sich hauptsächlich um alte Leute, die ärmlich wirkten. Manche trugen nicht einmal Schuhe, sondern selbstgemachte Patschen aus Filz. Junge und produktive Leute ließen die Russen nicht aus dem Land. Es dauerte etwa eine Stunde, bis die Wagen geräumt waren und die Zuggarnitur auf die Abstellanlage hinausgeschoben werden konnte. Abends lief sie gereinigt wieder in Richtung Warschau – Moskau.
Im Zwölftage-Rhythmus hatte ich das Zugpaar Chopin zu führen. Dazwischen gab es Personenzugfahrten. Mit ungutem Gefühl näherte ich mich jedes Mal der Staatsgrenze. Sie war nicht zu überhören, und man spürte die heftigen Schienenstöße im Kreuz, der schlechte Gleiskörper ließ die Lok schaukeln und schlingern.
Nach der grenzüberschreitenden Elektrifizierung der Strecke musste die Lokomotive in Hohenau nicht mehr getauscht werden. Aber in unseren Leitungen fließt Strom von 15.000 Volt mit 16 2/3 Hertz, in denen der tschechischen Bahnen 20.000 Volt und 50 Hertz. Im Bahnhof Břeclav konnten zwei Gleise wahlweise umgeschaltet werden, bei den Trennstellen musste der Stromabnehmer gesenkt und ohne „Saft“ mit Schwung gefahren werden.
Inzwischen hat sich im Land von Franz Kafka und vom Soldaten Schwejk vieles zum Besseren gewandelt. Seit dem EU-Beitritt Tschechiens gibt es keine Grenzkontrollen mehr, und die modernen Mehrfrequenz-Thyristor-Lokomotiven könnten theoretisch bis Prag oder Warschau am Zug bleiben.
Grenzfälle
Verfasst von Adolf Katzenbeisser
Auf MSG publiziert im September 2009
In: Fleckerlteppich der Erinnerungen
- Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
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- Ort: Tschechien, Mähren, Breclav/Lundenburg, Grenzbahnhof / Niederösterreich, Weinviertel, Bernhardsthal, Hohenau, Marchegg
- Zeit: 1960er Jahre, 1970er Jahre, 1980er Jahre
Anmerkungen
Vorgetragen am 12.3. 2007 in der Schreibrunde im Café Schottenring, Wien 1.
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