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Zwei Schwestern

von Barbara Rathgeb

Thresl und Kathl, Schwestern von unseren Großvater, lebten bei uns. Sie sind geboren im letzten Jahrzehnt vor 1900. Ob sie früher etwa bei einem anderen Bauern im Dienst waren oder als ledig gebliebene Frauen immer schon auf unserem Hof mithalfen? Jedenfalls, soweit ich mich zurückerinnern kann, gehörten sie zu unserer Familie. Sie nannten als ihr Eigenes nur ihre Schlafkammer neben der Stube, mit dem Nötigsten eingerichtet.

Thresl war schlank gewachsen, feingliedrig mit zarten Gesichtszügen. Stillschweigend huschte sie manchmal durchs Haus, höchstens an verregneten Sommertagen oder stürmischen Wintertagen saß unsere Großtante für eine längere Weile in der Stube. Dann nahm sie manchmal ein kleines Geschwisterl auf den Arm und sang ihm ihr Lied „Waos klaog denn dao drobm aufn Tonnabam …“ vor. Oft schaute sie, ihre Hände im Schoß ruhend, einfach geradeaus, als hätten ihre Augen einen Schleier, der jeglichen fröhlichen Glanz verbannte. Ob sie uns und unser spielerisches Treiben wahrnahm? Thresl war, wie sie sich gab, einfach unsere Thresl. Vater nannte es so: „Sie is a bissl sieorm“, das hieß, sie war nicht mit allen Sinnen da. Denn sie erzählte nichts, schimpfte uns nie, lachte nie lauthals, höchstens ein Lächeln flog wie ein matter Schein über ihr Gesicht.

Wenn ihre Schwester Kathl nicht in der Nähe war und auf sie schaute, brach unversehens Tragik in Traumbildern von einem Mann aus Thresls Innersten und nichts konnte sie mehr still halten. Wie verfolgt stieß sie den Namen „da Jagaregg Sepp!“ aus, als wäre dieser gegenwärtig. Sie nahm Reißaus, kletterte in der Scheune über Wände. In diesen Momenten kam auch Kathl in eine innere Not, mit einem tiefen Seufzer sagte sie zu unserer Mutter: „Ih muaß a no dö Thresl bandln!“ Das hieß, ihre Schwester zurückholen in das Alltägliche, sie vor ihrem Irrglauben schützen.

Kathl, wie ich sie in Erinnerung habe, eher klein, mit rundlich fraulichen Formen, liebte uns, ihre Großnichten und Neffen. An Festtagen kaufte sie für uns bei der Friedhofkrämer-Cilli Süßes, wie sehnten wir ihr Heimkommen herbei. Es ist mir noch als Bild einer schier heiligen Handlung in Erinnerung, wie Kathl das trichterförmige Sackerl aus ihrem schwarzen Kirchentascherl holte, das köstliche Mitbringsel auf den Stubentisch leerte und für uns vier Jüngsten rosa und weiße Zuckerl auseinander zählte, es waren himmlische Augenblicke für uns sowie auch für Kathl, es stand in ihrem Gesicht zu lesen.

Wir hörten Vaters Tante Kathl nie klagen, doch manchmal band sie sich rohe, blättrig geschnittene Kartoffel mit einen schmal gefalteten Tuch auf die Stirn, als Heilmittel gegen ihre argen Kopfschmerzen.

Es war an einem verregneten Oktobertag 1958, Kathl brach inmitten ihrer Arbeit im Vorhaus zusammen. Mammi erschrak sehr, suchte schnell unseren Vater, er trug sie in ihre Kammer, legte sie in ihr Bett. Und dann breitete sich eine angespannte Stille aus. Der Herr Pfarrer kam die Sterbende „vaseaichen“, so nannte man diese Handlung, denn sie bekam in ihren letzten Atemzügen „die heilige Ölung“ im Beisein unserer Eltern.

Wir Kinder verharrten in der Stube, nach einiger Zeit ging die Kammertür auf und Vater tat uns mit den Worten kund: „Dö Kathl is gstorbm, sie is hoamgonga a d’ Ewigkeit.“ Der Herr Pfarrer bat uns in die Kammer zum Gebet.

Ob ich das „Vater unser“ und das „Gegrüßt seist Du Maria“ mitbeten konnte, im Angesicht der Verstorbenen mit ihren von einem Rosenkranz umschlungenen gefalteten Händen, weiß ich nicht mehr.

Ich weiß auch nicht mehr, wer Kathl in den Sarg gelegt und wie sie in die Totenkapelle neben dem Friedhof gebracht wurde. Ich kann mich auch nicht an das Begräbnis der Großtante erinnern.

Wie hat wohl Thresl den Verlust ihrer Schwester aufgenommen?

Der Spätherbst zog ins Land, der erste Schnee fiel, die Winterkälte kroch ins Haus. Ich hatte es erlebt, als würde „das Kreuz“ für unsere Thresl um vieles schwerer. In ihren unruhigen Nächten kamen zu ihrer seelisch-geistigen Krankheit noch körperliche Leiden hinzu. Total verkühlt, durch und durch krank, nässte sie nachts ins Bett. „Ein Elend“, nannte es unsere Mammi. Unsere Eltern suchten nach einer Lösung, sie wussten: Theresia brauchte einen warmen Hort, wo besser auf sie geschaut werden konnte. Mit Absprache des damaligen Bürgermeisters Josef Hölzl übersiedelten sie unsere Großtante mit ihren paar Habseligkeiten ins Versorgungshaus im Dorf.

Zu Hause fühlte sich Thresl dort nie, Essenszeiten vergaß sie, keiner wusste, wo sie zu finden war. Die Köchin des Hauses wusste keinen Rat, so landete die kranke Frau in der Nervenklinik Lehen.

Leidgezeichnet lag sie im Bett, als unser Vater sie dort besuchte, mit bittenden Augen, die er lange nicht vergaß, sagte sie im Flüsterton zu ihm: „Hans, nimm mih mit!“

Jedes Jahr im Sommer kam die jüngste Großtante auf Besuch, wir nannten sie „Welser Lena“, weil sie in Wels zu Hause war. Es war wirklich eine große Freude und hoch interessant, wenn sie erzählte oder mit Mammi diskutierte. Ich bekam wohl manchmal Elefantenohren, damit ich ja nichts überhörte und die zwei klugen Frauen ließen mich gewähren. So erfuhr ich, dass unsere Thresl auf Schernberg in St. Veit sei. Schloss Schernberg ist samt der dazugehörigen Landwirtschaft schon seit dem 19. Jahrhundert das Zuhause kranker und behinderter Menschen.

Mammi plagten Gewissensbisse, weil sie nicht wusste, wie es dort für Thresl war, und sie auch die kranke Frau nicht besuchen konnte. Wir hatten kein Auto, und mit Postauto und Bahn wäre es zu umständlich, zu zeitaufwendig gewesen.

Mammi atmete erleichtert auf, als unsere Welser Lena vom Besuch bei ihrer Schwester zu uns auf den Primbachhof kam und über Nacht blieb. Sie erzählte unserer Mammi aufmunternd mit großer Wertschätzung von Schernberg und ihrer Schwester Thresl: „Wawi, es is schö, dass dö Thresl hiaz a nois Dahoam hout, an an schneeweißn Bettzoig schlaofts, wirscht all Woch baod, d’ Nägl werdn ihr gschniedn und kuschze Haar houts hiaz. Wawi, dö Thresl houts hiaz richtig guat, mia därfn ins all fi sie gfrein.“

Theresia wurde sechsundachtzig Jahre alt und ist in unserer Familiengrabstätte beerdigt.

Informationen zum Artikel:

Zwei Schwestern

Verfasst von Barbara Rathgeb

Auf MSG publiziert im Oktober 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Pinzgau, Maria Alm
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

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