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Nie mehr Schule bitte!

von Susanne Sayici

Die Volksschulzeit war die beste Schulzeit, die ich erlebte. Alles lief glatt, und wenn mich jemand nach den Noten fragte, antwortete ich lachend: "Lauter Fünfer!" In Wahrheit waren es selbstverständlich lauter Einser, jedenfalls in den ersten Klassen. Ich ging mit Freude in die Schule. Die Probleme begannen erst danach.

Ich war ein schüchternes, aber lebhaftes und vor allem lautes Kind. Laut war ich, weil es bei uns zu Hause laut zuging. Wir lebten zusammen mit den Großeltern, Onkel und Tante in einem kleinen Haus. Die Großmutter war fast taub, deshalb wurde geschrien, damit sie versteht. Für mich war das lustig, denn wenn ich mehrmals und immer lauter werdend etwas zu ihr sagte und sie dann doch irgendwann endlich verstand, antwortete sie: "Was schreist du denn so mit mir?", und lachte dazu. Später bekam sie zwar ein Hörgerät, doch es war leider so gut wie unbrauchbar. Dabei handelte es sich um ein relativ großes, viereckiges Kästchen aus Metall, an dem eine lange Schnur befestigt war, an deren Ende sich ein Ohrstöpsel befand. Angeblich konnte man es laut und leise stellen – zumindest theoretisch. Praktisch lief die Sache so ab, dass man das Gerät anbrüllte, ohne dass sich eine Wirkung bei der Hörerin zeigte. Das Ding quietschte und pfiff wie verrückt, man konnte es kaum überschreien. Wie sollte ich also ein leiser Mensch werden? Wohin ich auch ging – ich fiel auf, alleine durch meine Lautstärke – was mir jedoch nicht bewusst wurde.

Als die Volksschulzeit begann, wirkte ich sehr brav auf die Lehrerin. Deshalb setzte sie mich zu einem sehr schlimmen Buben, in der Hoffnung, ihn auf diese Weise ruhiger zu machen. Der gegenteilige Effekt trat ein. Ich wurde schlimm, laut und wild wie er. Mit Begeisterung raufte ich nun mit den Buben. Zu meinen Freunden zählte kein einziges Mädchen. Was nicht an den Schulkolleginnen lag, sondern am mangelnden Interesse meinerseits. Mädchen interessierten mich einfach nicht. Beim Sport bewegten sie sich seltsam, ihre Spiele waren langweilig und raufen wollten sie auch nicht. Bällen wichen sie aus, statt sie zu halten und treffen konnten sie nicht. Ich wollte auch kein Mädchen sein.

In der Schule musste ich Röcke, oder Kleider tragen, was mir so gar nicht passte. Nur in der Freizeit nicht, da durfte ich zeitweise Hosen tragen. Im Winter Schihosen und im Sommer Shorts. Denn da ließ ich mich nur ungern in Röcke zwängen.

Die schöne Volksschulzeit endete mit einem sehr schlechten Rat der Lehrerin. Meine Eltern sollten mich in eine Mädchenschule stecken, ich sei zu wild und das müsse schleunigst korrigiert werden. Was sie leider auch taten. Man wählte aufgrund meiner guten Noten das Gymnasium in der Wenzgasse. Im Jahr 1962 gab es dort nur Mädchen und es gab auch noch einen Zweig für Hauswirtschaft. Man lernte schneidern und sonstige Handarbeiten statt Latein. Diese Gegenstände empfand ich als absolut verabscheuungswürdig. Handarbeiten interessierte mich nicht. Zum Glück war meine Großmutter Weißnäherin. Sie stammte aus einer alten, bürgerlichen Familie, einer Dynastie von Hausbesitzern die es zu Wohlstand gebracht hatten. Ihr Vater war Gasmeister in einer Meidlinger Gasfabrik, die Mutter Hausfrau. Sie waren erzkatholisch, aber auch liberal. Engagierten sich für Arme, und ein Verwandter spendete sogar ein Grundstück für wohltätige Zwecke. Die drei Töchter brauchten nicht arbeiten. Trotzdem schickte man sie auf eine Berufsschule und ließ sie das Schneiderhandwerk lernen, was sich später als hilfreich herausstellen sollte. Auch für mich, denn sie machte zum Glück meine Handarbeiten fertig, sonst hätte ich nichts davon fertig gestellt und wäre wohl schon im ersten Jahr aus der Schule geflogen. Nur Netzen freute mich. Das kam mir irgendwie entgegen, weil ich Schiffe liebte, rudern, Wasser und alles was damit zu tun hatte.

Meine Mutter arbeitete bei der Straßenbahn. Sie war sportlich, temperamentvoll, intelligent und sie wäre gerne Tänzerin geworden. Der Krieg kam dazwischen, sie machte eine Handelsschule. Anschließend hätte sie eine Ausbildung als Volksschullehrerin machen können. Dazu musste sie vorsingen. Ihre Vorführung fand leider keinen Anklang, und sie genierte sich zu sehr, um diese Schwierigkeit zu überwinden. Statt singen zu üben, zog sie sich zurück. Ihre Lehrerin empfahl ihr daraufhin den Besuch der Sportakademie. Dazu war sie jedoch entweder nicht sportlich genug, oder sie traute sich nicht zu, die Ausbildung zu schaffen. Wieder zog sie sich zurück. Sie beschloss zu arbeiten. Eine gute Arbeit finden war schwierig, man nahm deshalb, was sich bot. Irgendetwas musste sie tun. Eine Anstellung in einem Büro bei einem Kürschner endete mit dem Konkurs der Firma. Schaffnerin werden erschien ihr zwar nicht unbedingt erstrebenswert, aber man verdiente damit wenigstens Geld, und so nützte sie ihre Chance und bewarb sich. Diesmal hatte sie endlich Glück.

Sie wollte für mich eine gute Zukunft, ein besseres Leben, als sie es hatte, eine gute Ausbildung, die sie nicht hatte machen können, einen Beruf der ihren eigenen Vorstellungen entsprach. Mein Leben wäre wahrscheinlich anders und vor allem besser verlaufen, hätte sie nicht auf meine Lehrerin gehört. All das, was sie für mich wünschte, konnte ich nicht erreichen, weil sie mich in eine Schule steckte, die absolut nicht für mich geeignet war – oder ich nicht für sie.

Durch den Schulübertritt verlor ich mit einem Schlag alle meine Freunde. Mit den Mädchen wollte ich mich nicht so recht anfreunden. Zwar redete ich mit ihnen, und es gab anfangs auch zeitweise lose Freundschaften, aber richtig gut verstand ich mich mit keiner einzigen Mitschülerin. Mit der Zeit wurde ich einsam, zog mich zurück, sprach immer weniger mit anderen. Ich streikte – und zwar in jeder Hinsicht. Aufgaben schrieb ich prinzipiell von anderen ab. Das lief so ab: In der ersten Stunde schrieb ich die Aufgabe für die zweite, in der zweiten die für die dritte usw. Bei mündlichen Prüfungen ließ ich mir einsagen. Anscheinend war ich beliebt, sonst hätten mir nicht so viele Kolleginnen geholfen. Trotzdem fühlte ich mich unverstanden und einsam.

Musste ich in einer Stunde nicht Hausaufgaben abschreiben, aß ich, oder ich schrieb Romane. Einmal wurde ich beim Schreiben von der Lehrerin, die man Frau Professor nennen musste, erwischt. Es sollte ein Kriminalroman werden, die Hauptfigur hieß Winter. Sie las ein Stück aus dem Roman vor und machte sich über den Namen Winter lustig, als sie feststellte, dass ihre Vorlesung zu keinen Heiterkeitsausbrüchen bei den Schülerinnen führte. Offenbar hoffte sie, mich zum Gespött der Klasse zu machen. Niemand lachte, alle hörten ernst und gespannt zu. Man hatte mich öffentlich bloßgestellt, ohne das angestrebte Ziel zu erreichen. Wie ich diese Frau hasste und mit ihr in diesem Moment fast alle Lehrkräfte, ja die ganze Schule, bis auf den Geschichtslehrer, der war anständig. Gleichzeitig war es ein Triumph über die Niedertracht einer feindlichen Person.

Von diesem Tag an war die Schule feindliches Gebiet, und wenn ich schon bisher kaum aufgepasst geschweige denn gelernt hatte, so tat ich nun absolut nichts mehr. Nicht einmal die Handarbeiten ließ ich von meiner Großmutter fertig stellen. Ich "vergaß" ab sofort Hausaufgaben zu machen. Es regnete deshalb Strafarbeiten. Zehn Knopflöcher nähen, weil ich keine Aufgaben gemacht hatte, dann zwanzig, weil ich sie wieder nicht gemacht hatte, dann vierzig usw. Als ich endlich die Schule verlassen durfte, waren es bereits so viele Knopflöcher, die ich hätte machen sollen, dass ich wohl jahrelang hätte nähen müssen, um die Strafarbeit bewältigen zu können.

Die Lehrkräfte hatten überhaupt eine sonderbare Art, mit Kindern umzugehen. Das machte sie unsympathisch. Einmal wurden alle Kinder der Schule in den Turnsaal geschickt. Jemand trat vor die versammelte Mannschaft und erzählte uns eine Geschichte, mit der zumindest ich nichts anfangen konnte. Eine Schülerin hatte abenteuerliche Lügen erzählt, die man uns nun weitererzählte, obwohl ja nur wenige unter uns das Mädchen überhaupt kannten. Ich jedenfalls kannte sie nicht und genauso wenig kannte ich ihre erfundenen Geschichten. Die Eltern seien tot, habe sie behauptet, sie habe Jahre in den USA verbracht, sei dort auf Pferden geritten und habe noch anderen ähnlichen Unsinn erzählt. Nichts davon sei wahr. Die Empörung der Lehrerschaft war groß. Man erwartete auch von uns vielleicht Empörung oder versuchte zumindest sie zu wecken.

Eine weitere Zusammenkunft diente dazu, uns allen zu erklären, dass eine Schülerin an Samstagen aus religiösen Gründen, welche man aber nicht genau erklärte, niemals zur Schule kommen würde. Das solle uns nicht weiter verwundern, wir sollten uns darüber gar keine Gedanken machen. Auch dieses Mädchen kannten nur die Klassenkameradinnen, und niemand von uns hätte sich jemals Gedanken gemacht, was das Kind vom Unterricht fernhält. Nach diesem Vortrag werden aber vermutlich viele Kinder zu Hause nachgefragt haben. Erst Jahre später wurde mir klar, dass es ein jüdisches Mädchen gewesen sein muss, um das es ging. Nachträglich frage ich mich, ob man auf diese Weise eine Diskriminierung verhindern, oder herbeiführen wollte. Solche Zusammenkünfte machten mir die Lehrer nicht sympathischer. Instinktiv spürte ich, dass sie unsere Feinde waren, die darauf warteten, jemanden bloßstellen zu dürfen.

Zweieinhalb Jahre musste ich diese Schule aushalten, dann durfte ich sie endlich verlassen und wechselte in eine Hauptschule. Mit einem Studium konnte es nun nichts mehr werden.

Der Wechsel erwies sich insofern als schwierig, als ich Französisch gelernt hatte, aber nur wenige Hauptschulen diese Sprache unterrichteten. Eine fand sich doch. Ich atmete auf, mir ging es von einem Augenblick auf den anderen besser. Es war eine gemischte Schule, ich fand wieder Freunde, ich lebte wieder auf. Lernen brauchte ich diesmal gar nicht. Erstaunt stellte ich fest, dass ich mehr wusste als die Mitschüler meiner Klasse, ohne je gelernt zu haben. Mein Selbstbild als Totalversager milderte sich etwas, ich hielt mich nicht mehr für total dumm. Woher mein Wissen stammte, war allerdings rätselhaft. Vermutlich hatte ich beim Abschreiben und Weghören gelernt, und der Stoff war doch umfangreicher als der in der Hauptschule. Manches wusste ich zwar nicht, aber ich schwindelte mich ohne gröbere Schwierigkeiten da durch. Die Noten waren nicht hervorragend, aber passabel, es gab deshalb auch zu Hause weniger Zoff.

Bald bildete sich ein enger Freundeskreis, in den ich eingebunden war, der sich zum Teil aus anderen Versagern zusammensetzte. Hierher verschlug es Kinder aus Schulen, die Französisch lehrten oder in Französisch unterrichteten, wie beispielsweise das Lycée Français. Ich war also in bester Gesellschaft.

Leider ging die schöne Zeit ziemlich schnell vorüber. Derselbe Fehler wurde wiederholt. Man schickte mich zum Aufnahmetest in eine Haushaltungsschule, die ausschließlich von Mädchen besucht wurde. Ich schnitt dabei als Beste von allen Bewerberinnen ab. Das beeindruckte mich zwar, führte jedoch keineswegs zu einem späteren Schulerfolg. Wieder verlor ich meine Freunde. Obwohl ich auch in dieser Schule lose Freundschaften mit einigen Mädchen schloss, vereinsamte ich zusehends innerlich. Es lässt sich schwer erklären, was in mir ablief, und genau verstehe ich es selbst bis heute nicht. Sicher kamen auch andere Probleme dazu die zum Tragen kamen, aber wesentlich war ganz sicher, dass ich es ablehnte, nur mit Mädchen zusammen zu sein. und dass mich die Hauswirtschaft so gar nicht interessierte. Pubertäre Schwierigkeiten verstärkten wohl noch meine wieder auftretenden, psychischen Probleme. Mir wurde immer stärker bewusst, dass "Frau sein" viele Nachteile hat, dass ich aber immer mehr zur Frau wurde, was ich absolut nicht wollte. Zudem merkte ich am Schicksal anderer, wie unangenehm das Leben für eine Frau sein kann. Eine Schulkollegin, mit der ich mich anfreundete, wurde von ihrem Stiefvater sexuell belästigt. Ob sie von ihm auch missbraucht wurde, erfuhr ich nicht. Sie verschwand plötzlich einige Tage, was zu großen Aufregungen in der Schule führte, weil ein Verbrechen befürchtet wurde, und behauptete dann, ich hätte sie dazu veranlasst, nur um sich selbst zu schützen. Der angeblich schlechte Einfluss, den ich auf sie ausübte führte dazu, dass unsere Freundschaft unterbunden wurde. Eine andere Schülerin wurde vom Vater mit dem Gürtel verprügelt, weil sie zu spät nach Hause kam. Ich hörte einige Geschichten, die mich erstaunten und erschreckten.

Es kam, was kommen musste. Wieder begann ich zu streiken und versagte dadurch auf allen Linien. Ein totaler Absturz folgte. Die Katastrophe erwies sich jedoch nachträglich als Segen, denn endlich ließ man mich mit Schule in Ruhe. Ich durfte eine Lehre machen. Da gab es zwar auch eine Schule – die Berufsschule –, aber erstens nicht jeden Tag und zweitens war sie zum Glück wieder gemischt.

Informationen zum Artikel:

Nie mehr Schule bitte!

Verfasst von Susanne Sayici

Auf MSG publiziert im September 2013

In: Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 13. Bezirk
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

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