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Die Wende

von Barbara Rathgeb

Ich träumte schon lange von einer Arbeit als Hausmeister.

Meine Patin Anna erzählte bei einem Besuch bei unserer Mam: Die Wawi und der Leo hören auf, wollen ins Altenheim gehen. In mir blitzte es auf, in der Schule wird ein Posten frei. Nichts wie hin auf die Gemeinde, fragen: Wie und Was?

Es ist wirklich wahr! Dies gab mir Hartwig bekannt, und ich kann mich bewerben, samt Lebenslauf, handgeschrieben.

Formsache, dachte ich mir, lieh mir von meinen Buben die Füllfeder und schrieb. Etliche Blätter weißes Papier brauchte ich. Wie ein Stern am heiteren Himmel schien es mir. Ich hoffte, wartete, hoffte. Ein Monat um das andere verging.

Ich war auf dem Weg vom Dorf heimwärts, trug in beiden Händen je eine Tasche mit dem Eingekauften. Der damalige Bürgermeister holte mich mit seinem grünen Geländewagen ein, blieb stehen und nahm mich mit zum elterlichen Hof. Dabei erlebte ich als junge Frau den erlösenden Augenblick mit den Worten: „Barbara, du kriegst die Arbeit in der Schule. Es ist beschlossen!“

Kannst allemal den Dienst antreten. Ich tat ihm sofort kund: „Gern, gleich nächsten Monatsersten.“ So wusste ich die Wohnung im Schulhaus als neues Zuhause für meine Familie in Aussicht.

1. März 1982, unsere Kinder waren in der Schule und ich ging auch am Vormittag in die Schule. Der Schuldirektor Willi Schwaiger empfing mich, seine ehemalige Schülerin, mit freudigem Gesicht in seinem Büro. 10-Uhr-Pause!

Er lud mich zu einer Tasse Kaffee in das Konferenzzimmer ein, stellte mich seinen Lehrerinnen mit vollem Namen vor und: „Das wird unser neuer Schulwart.“

Pause aus! Ich trat leichten Schrittes durch die Pausenhalle, sah Arbeit über Arbeit.

Wawi kam mir entgegen. Wir gaben uns die Hand und gingen gemeinsam eine Etage tiefer. Frau Schulwart sperrte die Tür unter der Kellerstiege auf. Oje, dachte ich, als ich die vielen Flaschen Putzmittel in verschiedenen Farben auf übereinandergestellten alten Schultischen sah. Auf dem Boden in der Ecke stand eine gusseiserne Maschine. An der Wand hingen an langen Nägeln breite Rosshaarbesen und zwei Mopps. Solche Staubwischer waren mir fremd, der Schrubber schien wie Spielzeug. Gummiwischer, verschieden breit, sie entpuppten sich als überaus praktisch. Am darauffolgenden Tag zeigte Leo, mir, der Neuen, wie das Turnhalleputzen geht. Ich dachte: „So soll es sauber werden?“

Die Zeit zog sich hin, bis das neue Daheim für das betagte Ehepaar fertig war.

Schulschluss stand vor der Tür. Wehmut traf mich bei dem Satz von Wawi: „A noia Besn kescht äuwei guat!“ Hart kam den zweien das Weggehen an, während ich immer mehr mit der neuen Aufgabe vertraut wurde.

5. Juli 1982: Hurra! Ich siedelte mit meiner Familie um. Wir zogen ins Dorf,

das Schulhaus war nun unser neues Daheim. Herrschaftlich fühlte es sich an. Jetzt hatten wir auch ein Bad und Spülklosett. Eine kleine Küche, angrenzend eine Speis. Die Stube hieß jetzt Wohnzimmer, mit dem Schrank und der Couch.

In der Fensterecke stand das gepolsterte Bankerl, Esstisch und Sessel.

Zwei Schlafzimmer für die wohlige Nachtruhe und an kalten Tagen immer warm. Ein so gutes Zuhause hatten wir vier noch nie.

Informationen zum Artikel:

Die Wende

Verfasst von Barbara Rathgeb

Auf MSG publiziert im April 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Pinzgau, Maria Alm
  • Zeit: 1980er Jahre

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