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Aufschwung

von Barbara Rathgeb

Siebzigerjahre – die Wirtschaft bekam neue Triebe, die breiteten sich aus und hießen Fremdenverkehr. Mutige, tatkräftige Arbeiterfamilien erwarben sich eine Bauparzelle von einem Grundbesitzer. Bescheiden, neben dem Nötigsten zum täglichen Leben bauten sie ihrem Traum tragende Mauern, setzten ein Dach darauf. Aus Dienstboten wurden Häusler, das Knechte- und Mägdedasein war vorbei. Viele Familien sahen besseren Zeiten entgegen. Söhne und Töchter erlernten einen Beruf.

In den bäuerlichen Betrieben durften in diesen Jahren nur die heranwachsenden Burschen ein Handwerk lernen, für uns Töchter war dies noch lange nicht selbstverständlich, denn es gab noch viel Handarbeit auf den Höfen, jede Hand wurde gebraucht in den meist kinderreichen Familien. Die Meinung, Mädchen heiraten und sind so für den Rest des Lebens versorgt, war weit verbreitet.

Weit draußen vergrößerten sich Fabriken, viele neue Arbeitsplätze entstanden. Im Dorf und außerhalb des Ortes wurden in Bauernhöfen die Kammern erneuert. Die ersten Gästezimmer mit Waschbecken, fließendem Wasser, kalt und warm, entstanden. Der nächste Aufwand war ein winziger Raum mit einer Dusche, die Wände mit glänzenden Fliesen verkleidet. Dieser Aufwand geschah natürlich nur für die Fremden. Bei den Hausleuten war es nicht Brauch, sich täglich unter fließendes Wasser zu stellen. Wasser im Waschbecken, ein ordentlicher Waschlappen mit ein bisschen Kernseife reichten.

Es war Spätherbst 1969, und ich wurde flügge, denn meine zwei jüngeren Schwestern übernahmen meine Aufgaben am elterlichen Hof und ich durfte mein erstes Geld verdienen. Es wurde nie in Erwägung gezogen, dass ich einen Beruf erlernen soll.

Der Fremdenverkehr war im Aufschwung, und Arbeit gab es genug. So hatte ich Angebote von drei Dienststellen, und ich entschied mich für das Hotel „Salzburger Hof“ im Heimatdorf. Am ersten Dezember trat ich mit Rosika, einer Frau aus Jugoslawien, bei Familie Orgler in ihrem Haus mit fünfundsiebzig Gästebetten meinen Dienst als Zimmermädchen an.

Das Jahr 1970 hatte begonnen, mein Chef händigte mir den ersten Lohn aus. Mit freudigem Stolz hielt ich dreitausend Schilling in der Hand; so viel Geld hatte ich noch nie auf einmal bekommen.

Die Arbeitsstunden zählte keiner von uns. Ganz selbstverständlich begann die Arbeit um sieben Uhr und endete um einundzwanzig Uhr, dazwischen eine Nachmittagspause von ein bis zwei Stunden, Zimmerstunde nannte man diese Zeit. Wir hatten ja auch ein Zimmer und gutes Essen. Arbeitsfreie Tage gab es in der Hochsaison, Sommer wie Winter nicht, es gab keine Hilfskräfte für einzelne Tage.

Dafür gab es Extras, nämlich Trinkgeld. So mancher Gast steckte mir ein paar Silbermünzen, oder einen Zwanzigschillingschein oder gar einen Fünfziger zu, so konnte ich den Lohn zur Gänze sparen. Der Zufall wollte es, dass ich mit dem Chef in der Raiffeisenkasse zusammentraf. Er sah, wie ich mein Sparbuch samt den drei Tausendern vor dem Grießbach-Hansl auf das Pult legte, dabei spürte ich Herrn Orglers Wohlwollen, denn „das Sparen“ gefiel ihm sehr.

Endlich konnte ich mir was zum Anziehen kaufen, ohne Mutter zu fragen und ohne ihre Kritik, für schön und anständig, denn „Mini“ war gerade „in“. Ich kaufte mir bei der Trixl-Elise in ihrem kleinen Textilgeschäft am Dorfplatz mein erstes Kleid, das Oberteil graumeliert, der Rock mit rotem Würfelmuster. Ich fühlte mich so richtig schick darin, ebenso in den neuen dunkelbraunen Raulederstiefeln, elegant modisch waren sie mit der Reihe kleiner Spangen den Schaft entlang.

Auch neue Freundschaften entstanden, sogar mit jungen Gästen des Hauses, und ich genoss mein erstes unbeschwertes Jungsein, rückte innerlich immer weiter vom Elternhaus weg, wollte eigenständig werden, mit Lust am Leben wie viele andere in meinem Alter. Was sollte groß passieren, höchstens „auf die Nase fallen“ konnte ich, nach dem Sprichwort der Alten.

Informationen zum Artikel:

Aufschwung

Verfasst von Barbara Rathgeb

Auf MSG publiziert im März 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Pinzgau, Maria Alm
  • Zeit: 1960er Jahre, 1970er Jahre

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