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Weihnachten im Elternhaus

von Barbara Rathgeb

In der Küche der Holzschrank, „Beitn“ genannt, voll mit kleinem Holz, in der Stube unter der Ofenbank und als Feiertagsvorrat im Vorhaus unter der Milchbank, fein säuberlich aufgestapelte Holzscheite. Einige Arme voll trug Hans schon am Vormittag in das Elternschlafzimmer. „Am Nachmittag ist es zu spät, da verschreckt ihr das Christkind“, hieß es. Das ganze Haus von oben bis unten geputzt, die frisch gewaschene Wäsche, gebügelt und in den Kästen verstaut. Das Schweinefleisch für das Festessen mit dem besonders gut geschliffenen Messer, der „Bachischneid“, zurechtgeschnitten und in der kalten Speis aufbewahrt.

Es war alles gerichtet für Weihnachten, nur bei uns selbst fehlte die gelobte Sauberkeit. Deshalb füllte Mam in der hinteren Stube, unserer Waschküche, den großen, beheizbaren Kessel, „Dämpfer“ genannt, mit Wasser. Es reichte für uns alle zum Baden in der langen Blechwanne. Im Haar der Duft von Ei-Shampoo, so nannten wir es wegen der gelben Farbe. Wir schlüpften nach unserem wohltuenden Badevergnügen in frisch gewaschenes Gewand.

Es war Mittag, Mam servierte uns in der Stube in der Messingpfanne das „Bachikoch“, zubereitet in kochender Milch mit einer ordentlichen Prise Salz, gesiebtem Mehl, Zimt, Nelken und mit Honig gesüßt.

Es war Zeit für die Nachmittagsjause, der große Wecken wurde angeschnitten, wir durften das erste Kletzenbrot zum Kaffee essen. Danach holte Hans das Kripperl vom Dachboden, stellte es in den Herrgottswinkel. Mammi brachte die Schuhschachtel mit den Figuren, der Bruder durfte sie in die Krippe stellen und steckte Tannenzweige dahinter. Mit Ehrfurcht betrachtet, machte Mam das „Stille-Nacht-Heilige-Nacht-Tüchlein“ mit Reißnägeln am Altarbrett fest.

Draußen wurde es dunkel, die Lampe oberhalb der Haustür, Freilicht genannt, warf ihren Schein auf den Schnee. In der Stube, dem großen Geheimnis entgegen sehnend, im Duft vom Grün, verspeisten wir alle gemeinsam die Würstelsuppe.

Eine Weile später wurde die geweihte Kerze angezündet und der Heilige Abend begann. Toni holte das gusseiserne Bügeleisen unter dem Beistand im hintersten Eck der rundum laufenden Stubenbank. Vater nahm es, machte das Türchen auf und kegelte mit dem Schürhaken Glutbröckerln aus dem Ofen in das Rauchgefäß. Er streute Weihrauch dazu, es qualmte aus den Löchern. Ein jeder suchte eiligst eine Mütze oder Hut, um den heiligen Rauch auf seinem Haupt einzufangen, Vater stülpte den Kleinsten seinen Hut über den Kopf für Gesundheit, Glück und Segen. Toni nahm das rote Litermaß mit dem Weihwasser, er besprengte uns mit dem Tannenzweig. Nach dem Kreuzzeichen auf Stirn, Mund und Brust traten die drei älteren Brüder mit Vater aus der Stube, vollbrachten das Weiheritual im Haus, im Stall, in der Scheune.

Als sie zurückkamen, hieß es: „Alle hinknien auf den Boden.“ Wir falteten die Hände auf der Bank. Nur die Heilig-Nacht-Kerze warf ihren Schein auf uns. Mammi saß in der Nähe des Kachelofens mit dem Jüngsten am Schoß. Vater begann den ersten Rosenkranz zu beten. Es dauerte uns schon viel zu lange, die Knie taten uns weh. Mit Vaters Gebetssatz: „Heilig, heilig, heilig ist Gott Zebaoth, Himmel und Erde sind erfüllt von seiner Herrlichkeit“, horchten wir auf, fühlten uns dem großen Augenblick mit dem „Amen“ ganz nahe.

Hellwach standen wir wie eine Traube unter der halboffenen Tür der Stube, Vater ging schauen. Es läutete, wir stürmten los zur Stiege, über die schmale Treppe zum oberen Vorhaus, „Söija“ genannt. Es war wirklich da, das Christkind, sein Licht leuchtete uns aus der breiten Ritze von der Kammertür entgegen. Vater machte die Tür auf, staunend wurde Mam und Dats Schlafkammer zum Palast der Freude. Der Kerzenschein, der Zauber der Wunderkerzen mit dem Strahlen ihrer sprühenden Sternchen, der vielfältige Schmuck, auch die Schokolade- und Zuckerringerln am Christbaum nahmen uns gefangen, spiegelten sich in unseren leuchtenden Augen, huschten zu Mam und Dat als seliges Glücklichsein.

Und für jeden lag ein Geschenk vom Christkindl, etwas für uns Besonderes, ausgebreitet auf den Tuchenten des Ehebettes, stand am Boden, lag auf der Kommode. Ganz nackt präsentierte es sich, zum Bewundern, zum Anprobieren, zum Ausprobieren, zum Erkunden und zum Warten auf den nächsten Tag im Schnee.

Informationen zum Artikel:

Weihnachten im Elternhaus

Verfasst von Barbara Rathgeb

Auf MSG publiziert im November 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Pinzgau, Maria Alm
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

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