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Mein Störenfried

von Barbara Rathgeb

Es war Nacht, ein eigenartiges „Weh“ störte meinen glückseligen Schlaf. Ich wälzte mich im Bett hin und her, konnte nicht mehr einschlafen. Ich tapste in das angrenzende Elternschlafzimmer, und klagte Mam mein Weh. Sie tröstete mich und bat mich, wieder in mein Bett zu gehen, denn um zwischen Mammi und Dati zu schlafen, war ich wirklich schon viel zu groß.

Ich dämmerte im Halbschlaf dem Freitagmorgen entgegen, übel ist mir inzwischen geworden. Ich ging müde und blass zu Mam in die Küche, platzte mitten in den Disput der Eltern. Mam war in großer Sorge, als sie sagte: „Nouch an Bauchdusl schaut mih da Barwi ihr Weh nit o, muaßt heud do du mit ihr zan Dokta fouhn. Ih kao nit weaik!“

Für Vater schien dies unmöglich, er hatte gerade heute keine Zeit. Und ich musste zum Arzt, das stand für Mam fest wie das Amen im Gebet.

So fragte sie den alten Lois, ob er mit mir zum Doktor fahren könnte. Mein Großonkel erklärte sich sofort bereit. In Windeseile schlüpfte ich in mein Schulgewand und Lois in eine bessere Hose, ein frisch gewaschenes Hemd und den Feiertagsjanker. Es war schon kurz nach acht Uhr, wir nahmen den kürzesten Weg ins Dorf. Der Großonkel wollte mich an der Hand führen, ich wehrte mich mit den Worten: „Ko scho alloa gehn!“, und versteckte meine Hand im Kittelsack. Die Kirchturmuhr schlug die neunte Stunde, wir stiegen ins Postauto, und ab ging es nach Saalfelden. Lois kannte einige Leute, doch mir waren sie alle egal, egal wer auf der Strecke zustieg oder ausstieg.

Auf dem Feuerwehrplatz in Saalfelden stiegen auch wir aus. Ich schlich neben dem alten Mann her, entlang der Mauern großer Häuser, um die Ecke zur Mittergasse. Da stand es, das Haus des Doktors, er drückte die Türschnalle, wir traten ein. Schon bald holte mich Dr. Wurzer in seine Kammer, Ordination genannt. Er bat mich, mich auf die hellbraun gepolsterte frei stehende Bank zu legen und schaffte mir an: „Tuast dein Kittei aufi und 's Hosei ochi.“ Danach drückte er auf meinem Bauch herum, und es hieß: „Füaß einziachn, Füaß ausstreckn“, fertig! Ich durfte mich wieder zurechtrichten. Ich spähte verstohlen rundum, sah in den weißen Kästchen mit Glasscheiben fremdes, glänzendes Werkzeug, während der Herr Doktor meinen Begleiter zu sich rief. Mit ernster Miene und mit durchdringendem Blick über seine Augengläser trug er unserem Lois auf: „'s Dirndl hat an eitrigen Blinddarm, sie muss noch heute ins Krankenhaus.“

Ich musste dem Onkel wohl sehr erbarmt haben, als wir zum Busplatz zurückgingen. Wir hatten noch ein bisschen Zeit für einen Sprung zum Krämerladen am Stiftsgasseneck.

Er bot mir an: „Suach da wous aus.“ Ich wünschte mir eine Banane, die Ladnerin übergab mir eine, während der Onkel fragte: „Wo kemmand dia her?“ Sie gab zur Antwort: „Dao wo d' Affen dahoam sand.“ Er schüttelte seinen Kopf, schaffte währenddessen noch zwei Zwei-Schilling-Schokoladetaferln an. Er ermunterte mich: „Dianei iss fest, wei nouchn Operieren kriagst eh glei so a Bauchwehbrüah!“ So nannte er Kamillentee. Im Bus packte ihn dann die Neugierde. Er wollte von meiner Banane kosten, und ich ließ ihn abbeißen. Just geschluckt, platzte er heraus: „So a aolehmiga Gschmouch!“ Das hieß, es grauste ihn hinterher fast ein wenig. Und mir war, ich weiß nicht wie zu Mute im Bus und auf dem Weg nach Hause.

Es war früher Nachmittag, als wir wieder bei Mam in der Küche eintrafen und der alte Lois mit der Botschaft von Dr. Wurzer seinen Auftrag zu Ende brachte.

Und was jetzt? Mam suchte Vater, denn der Tag dauerte nicht mehr lange und ich „musste“ in ein Krankenhaus. Die Frage „Wohin“ wurde schnell geklärt, unser Vater sagte: „Wawi, nouch Zell as Kronknhaus tama dö Barwi nit, wü z' weit weaik. Tamas zan Dokta Pagella a dös noi Kronknhaus an Dörfi, dao is guat aufghobm.“ Vaters Wort wurde Wahrheit, und wer ging mit mir? Meine größeren Brüder wirkten kleinlaut, doch Hans, der Älteste in unserem Reigen, gab sich einen Schubs, tat mir kund: „Barwi, ih fiah di mitn Dati sein Fahrradl as Kronknhaus.“ Doktor Pagella war wohl kein gewöhnlicher Arzt in seinem Haus, Sanatorium benannt, man wusste, er operiert, er war ein Chirurg.

Nach der Kaffeejause – ich mochte keine mehr – machten wir uns auf den Weg. Wie eine kranke Schnepfe saß ich vor Hans auf der Stange, vorsichtig balancierte er den Drahtesel über den holprigen Fahrweg. Im unteren Dorf, gegenüber der Schmiede, lehnte er Vaters Fahrrad an die Wand. Nun war es so weit, durch diese Haustür musste ich, in der Hand einen zusammengelegten Schein. Hans meinte: „Brauxt da nit fürchten“, und schob mich durch die nächste Tür im Inneren des Hauses, wo er blitzschnell kehrtmachte. Eine fremde Frau im weißen Kittel kam mir entgegen, mit einem „Griaß di“, gaben wir uns die Hand. Sie schaute etwas verdutzt, fragte: „Gonz alloa bist kemma, bist du a tapfers Madl!“

Mein banges Gefühl wich dem Vertrauen. Der Doktor kam, untersuchte mich, nebenbei nahm ich wahr, die Fremde hieß Emma. Ich musste mich nackt ausziehen und Schwester Emma half mir in das weiße Hemd, hinten offen, wie bei einem Putzei, nur mit einem Bandl am Hals zum Binden. Sie führte mich liebevoll in den OP, hob mich auf das OP- Bett, strich mir übers Haar, flüsterte mir zu: „Brauchst koa Ongst habn, gspürst nix“, und schnallte mit dem festsitzenden Lederband meine Handgelenke an. Ich schaute zu den großen, runden Lampen hoch, bis mir jemand ein weißes Stopfsieb mit dem eigenartigen Geruch an die Nase hielt, ich musste zählen – eins, zwei, drei, vier, fünf, und weg war ich, in einem Niemandsland, wie mir schien. Wie lange, wusste ich vorerst nicht.

Die Narkose verduftete, ich wurde – ein bisschen duselig – ohne meinen Blinddarm wach, tastete auf meinen Bauch, spürte den Verband und Schwester Emma neben meinem Bett. Ich hörte: „Es ist alles vorbei, bleib schön liegen“, und ein anderes Weh kam – das Bauchaufschneide-Weh! Da war dann die gefürchtete Spritze, auch ein „Muss“ für eine gute Nacht unter blütenweißer Bettwäsche. Der magere nächste Tag, vormittags eine Tasse Tee und irgendwann ein Süppchen. Es war mir eh Schlafen das Liebste.

Der neue Tag kam, ein Sonntag, an dem ich ungewohnt verwöhnt wurde. Schwester Emma trat ein, machte einen Fensterflügel auf mit den Worten: „Madl, wia geht’s da? Dein Dati war gestern Abend auf Besuch, hast schon gut geschlafen. An schönen Gruß!“ Sie schob den kleinen Tisch ans Bett, zog etwas an meinem Kopfende, dass es ratterte. Schwupps, war sie wieder weg.

Eine kurze Weile, die Tür ging auf, wie ein Engel präsentierte sie mir das Tablett, mit einem Kännchen Kakao, Häferl mit Unterteller, Glasschüsserl mit Marmelade, auf einem größeren Teller lagen Butterstückchen und zwei Semmerl. Ich saß aufrecht im Bett beim königlichen Frühstück. Mit den Köstlichkeiten im Bauch schlummerte ich bald ein, wie von der Ferne hörte ich die Kirchenglocken läuten.

Und dann der große Augenblick: Es klopfte, die Tür ging auf, Vater mit meinen Brüdern Hans und Toni trat ein. Fröhliche Gesichter fragten nach meinem Befinden, Vater pflanzte seinen Sonntagshut auf meine Bettdecke, meinte: „Schaust eh scho wieder recht bäschtarig aus“, das hieß, bist fast wohlauf, während das Stockmädchen Anni mit einem weißen Tuch das glänzende Bettgestell abwischte.

Da stellte er fest: „Herrschaoftlich geht’s zua, putzn tands, wo nix dreckig is.“ Schwester Emma tauchte auf, nach dem „Griaß di, Primbacher!“ sagte sie: „Kannst stolz sein auf dein Madl“, er darauf: „Iss woi oane va mia!“ Das Krankenzimmer füllte sich mit unserem Lachen, mir kollerten ein paar Tränen über die Wangen, weil mir die frische zusammengeklammerte Wunde dabei arg weh tat. Mit jedem weiteren Tag fühlte ich mich gesünder, die Schmerzen beim Niesen und Husten verschwanden, und ich wurde so richtig reif zum Heimgehen.

Es war der zehnte Tag, Vater holte mich ab. Mit einem „Vergelt’s Gott“ bedankte sich Vater bei Doktor Pagella und blätterte ihm ein halbes Kuhgeld in großen Scheinen auf die Hand. Mit einem „Pfiat Gott“ und Vaters Bemerkung "Guat dass Häusa gib, wo Haöffa und Hüflose zomm kemand" drückten sie einander die Hand.

Informationen zum Artikel:

Mein Störenfried

Verfasst von Barbara Rathgeb

Auf MSG publiziert im November 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Pinzgau, Maria Alm
  • Zeit: 1960

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