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Erinnerungen an den Wiener Südbahnhof - eine Zeitreise

von Birgit Kager

Bahnhöfe werden manchmal als Nicht-Orte bezeichnet. Vielleicht deswegen, weil sie für durchschnittliche Zugreisende lediglich Durchgangsorte sind, an denen man sich nur kurz aufhält. Es gibt tatsächlich Bahnhöfe, auf die diese Bezeichnung exakt zutrifft.

Den Wiener Südbahnhof habe ich jedoch nie so empfunden. Von allen Wiener Bahnhöfen (und das sind bzw. waren viele) war der Südbahnhof quasi „mein“ Bahnhof. Mein Lieblingsbahnhof.

Dabei war der erste Bahnhof in meinem Leben, an den ich mich bewusst erinnere, nicht der Südbahnhof, sondern der Westbahnhof. Es muss um 1970 gewesen sein. Ich war damals etwa vier Jahre alt, als ich mit meinen Eltern zum Westbahnhof fuhr, um meinen Großvater abzuholen, der mit dem Abendzug von einem Kuraufenthalt in Bad Gastein zurückkehrte. Ich erinnere mich noch an das Gleisende mit den Prellböcken und den Pflanztrögen, an dem wir auf den Großvater warteten, und an die Freude, meinen Opa wiederzusehen. Ich erinnere mich auch an die Rückfahrt über den Gürtel in dem weißen VW-Käfer, den mein Vater damals fuhr.

Auch meine erste längere Zugreise führte vom Westbahnhof weg. Ich war damals etwa zwölf Jahre alt. Gemeinsam mit meinen Eltern und meiner jüngeren Schwester unternahmen wir einen Adventausflug nach Salzburg. Von dieser Reise ist mir unter anderem die Bahnhofshalle des Westbahnhofes in Erinnerung, die an diesem Wintermorgen eher düster und grau wirkte.

Der Südbahnhof kam erst später. Da wir zu dieser Zeit (es handelt sich um die 1970er-Jahre) nahezu ausschließlich mit dem Auto auf Urlaub fuhren und auch unsere Familienausflüge fast nur mit dem Auto unternahmen, kannte ich den Bahnhof zunächst nur von außen, denn auf unseren Urlaubsfahrten in die Steiermark beziehungsweise auf unseren Ausflügen ins südliche Niederösterreich fuhren wir über den Wiedner Gürtel und kamen somit am Südbahnhof vorbei. Ich hatte damals als Kind zwar eher ein Auge auf die Straßenunterführungen (das Hinunter- und wieder Hinauffahren fand ich besonders lustig!), aber die markante Silhouette des Bahnhofsgebäudes hat sich mir bereits damals eingeprägt. Er gehörte einfach dorthin, ich hätte mir diese Kreuzung nie anders vorstellen können, er war ein Orientierungspunkt – sowohl für den Beginn der Urlaubsreise als auch für deren Ende, denn auch da passierten wir wieder den Südbahnhof.

Ansicht des Wiener Südbahnhofs von schräg oben
Abb. 1: Der Südbahnhof vor 1962 (Foto: Wien Museum)

Im Jahr 1979 fuhr ich dann zum ersten Mal mit einem Zug vom Südbahnhof weg. Ich kann mich sogar noch an das Datum erinnern: es war der 13. April 1979, der Karfreitag, und wir machten einen Familienausflug nach Graz. Wenn ich jetzt an diesen Tag zurückdenke, dann kommt mir die große Bahnhofshalle ins Gedächtnis, die ich als hell und freundlich empfand. Es war ein sonniger Frühlingsmorgen, die Steinverkleidungen an den Wänden und die Terrazzofliesen reflektierten das durch die Fenster und das Dach einfallende Licht und tauchten die Halle in ein warmes Goldocker. Das ist auch die Farbe, die ich seit damals mit dem Südbahnhof verbinde.

Die nächste Reise vom Südbahnhof startete vier Jahre später, es war eine Landschulwoche in der Südsteiermark. Damals hatte bereits der Markuslöwe in der Halle einen Platz gefunden (zu dieser Zeit noch seitlich, vor den Kartenschaltern), und wir trafen uns beim Löwen. Der Zug war ein internationaler Zug ins damals noch existierende Jugoslawien. Ich las die mehrsprachigen Hinweisschilder im Zug und dachte, es wäre schön, noch weiterzufahren – über die Grenze hinaus und bis ans Meer…

 

Im Jahr 1991 wurde dann der Südbahnhof endgültig „mein“ Bahnhof. Im Juni begleitete ich meine Mutter auf eine Reise nach Kärnten. Wir kamen früh am Südbahnhof an und hatten noch Zeit bis zur Abfahrt des Zuges. Und so fuhren wir mit den Rollsteigen (die waren damals noch ziemlich neu, ich empfand sie als sehr praktisch!) hinauf in die Abfahrtshalle Süd und spazierten dort noch ein wenig herum. Und da entdeckte ich dann das Drahtbild mit den Badenden am Meer. Das Bild sprach mich sofort an – vor allem das Lebensgefühl, das in dem Bild ausgedrückt war. Das Meer (das Mittelmeer!), die Sonne, das Glitzern und die Bewegung der Wellen, die Lebensfreude – all das war in dem Bild spürbar. Warum nicht einmal nach Italien fahren? Ich war noch nie dort gewesen…

Zeichnung mit Urlaubsmotiven vom Meer
Abb. 2: Auf nach Italien!

Anfang Oktober desselben Jahres war es dann soweit: Die erste Reise nach Italien, genauer gesagt, nach Venedig. Es war derselbe Zug, mit dem wir einige Monate zuvor nach Villach gefahren waren, der EC „Romulus“. Diesmal ging es weiter – über die Grenze, durch das Kanaltal (damals noch auf der alten eingleisigen Pontebbana, also mit immer neuem Panoramablick auf die hoch aufragenden Felswände und den türkisfarbenen Bach unten im Tal) und durch die norditalienische Tiefebene. In Mestre mussten wir in einen Lokalzug umsteigen. Wir fuhren über die Eisenbahnbrücke über die Lagune. Himmel und Wasser waren von einem irisierenden Blau. Der Geruch des Meerwassers lag in der Luft. Die erste Gondel kam in Sicht und dann die Stadt Venedig, in das warme Licht der Herbstsonne getaucht. Es war ein magischer Moment. Es war Traum und Realität gleichzeitig. Ich war plötzlich innerlich verändert, etwas in mir war mit einem Schlag neu geworden. Es war eine der Reisen, die das Leben grundlegend verändern und prägen, die einen Markierungspunkt im Leben darstellen. Und diese Reise hatte am Südbahnhof begonnen…

Ich verliebte mich gleichsam in Italien und in seine Kultur. Ich fühlte mich wohl unter seinen Menschen. Ich lernte Italienisch. Ein neues Fenster ging für mich auf. Ich kehrte in den darauffolgenden Jahren immer wieder nach Italien zurück – fast immer mit der Bahn und daher fast immer über den Südbahnhof.

Der Südbahnhof wurde für mich so eine Art „italienischer Vorposten“ in Wien. Und immer, wenn ich an den Südbahnhof kam oder an ihm vorbeifuhr, kam mir jener magische Moment in Venedig ins Gedächtnis. Es war dort architektonisch ja auch vieles, was an den Süden erinnerte: die Terrazzoböden (fast genau gleiche habe ich in Venedig gefunden!), die Wandverkleidungen aus römischem Travertin und aus rotem Marmor, die meerfarbenen Glasfliesen und das Drahtbild mit der Badeszene. Und natürlich die Zugdestinationen auf der Anzeigetafel – Venezia Santa Lucia, Roma Termini, Trieste Centrale – das klang fast wie eine Einladung: Steig ein, es ist gar nicht weit…

Marmorverkleidung
Abb. 6: Südbahnhof, Marmorverkleidung
Häuseransicht in Venedig
Abb. 5: Venedig, Hausfassade

Und dann die Bahnsteige – gewissermaßen schon „über den Dingen“, mit ihrem Geruch nach Teer und nach erhitztem Metall, an den Sommernachmittagen in gleißendes Licht getaucht, das die Wärme des Südens sogar hier im Norden schon erahnen ließ. Die Bahnsteigdächer aus Wellblech spendeten etwas Schatten. An den Gleisenden befanden sich die massiven Prellböcke aus Beton, die hintere Reihe mit Pflanztrögen geschmückt. Darinnen wuchsen Koniferen (Miniaturpinien gleichsam), deren Harzduft sich mit dem Geruch der Gleisschwellen mischte. Da war auch das Motorengeräusch der Loks zu hören, ein monotones singendes Geräusch, das Geräusch sowohl der Ankunft als auch der Abfahrt. Und die Schritte der Menschen, ihre Stimmen, fremde Sprachen, eine Mischung aus Ankommen, Abreisen; aus Abschied und aus Wiedersehen.

Es war immer wieder eine Freude für mich, am Südbahnhof zu sein (selbst wenn ich nur dort umstieg) oder vorbeizufahren, denn er war für mich mit all diesen schönen Erinnerungen verbunden und gleichzeitig mit der Vorfreude auf die nächste Reise.

Ich liebte es, die Rollsteige hinauf oder hinunter zu fahren, gleichsam durch die Halle zu schweben. Seltsamerweise passten sie in das Gesamtbild, obwohl sie eigentlich das ursprüngliche Raumkonzept massiv veränderten. Seit 1995 gehörte für mich auch das „tic, tic, tic, tic, tic“ der beiden „Augen“ (Videoinstallation von Kurt Hofstetter) dazu. Beim Hinauffahren spürte ich die gegenläufige Bewegung meines Trolleykoffers, beim Hinunterfahren seinen Druck an meiner Hand (ob der Koffer es wohl schon eilig hatte, wieder nach Hause zu kommen und das Gewicht der in Italien gekauften Bücher loszuwerden?).

Beruflich hatte ich manchmal ganz in der Nähe des Südbahnhofs zu tun, da ich einige Stunden in der Woche für ein Unternehmen im 4. Bezirk arbeitete. Auf dem Weg dorthin querte ich die Argentinierstraße, und von dort sah man genau auf die Betriebsgebäude entlang des Gleises 19 (die umgebauten Relikte des Vorgängerbahnhofes). Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, an dieser Stelle immer einen Blick dort hinauf zu werfen. Während der Arbeit öffnete ich manchmal das Bürofenster, und dann hörte ich hinter den Hausdächern das Tröten der Loksignale – leise, aber ich dachte dann immer: „Dort oben ist der Südbahnhof…!“

Manchmal nützte ich die Nähe des Bahnhofes, um in der Mittagspause rasch eine Zeitung zu kaufen (mitunter auch eine italienische!) oder mich nach einer Zugsverbindung zu erkundigen oder einen Fahrplan zu besorgen. Ich fuhr natürlich nicht nur nach Italien, sondern auch in die Steiermark, nach Kärnten oder ins südliche Niederösterreich, manchmal privat, manchmal dienstlich.

So vergingen die Jahre. Der Abbruch des Südbahnhofes wurde beschlossen und rückte langsam näher. Als im März 2008 ein Baukran durch einen Orkan quer über die Südbahngleise stürzte und die Schäden am Bahnsteig 19 nur mehr notdürftig repariert wurden, wurde mir klar, wie nahe der Abschied eigentlich schon bevorstand. Meine letzte Reise nach Italien, die vom Südbahnhof ihren Ausgang nahm, war eine Reise nach Rom im März 2009. Im September desselben Jahres fuhr ich noch einmal vom Südbahnhof aus nach Kärnten.

Und dann kam der Abschied. Am 30.November 2009 fuhr ich am Morgen noch einmal zum Südbahnhof und fotografierte die mir wichtigen Orte – den Bahnhof von außen, die große Kassenhalle, die Abfahrtshalle Süd und die Bahnsteige. Das Drahtbild mit den am Strand tanzenden Mädchen fand ich jedoch nicht mehr – da war nur noch eine weiße Fläche. Ich war traurig.

Ansicht des Südbahnhofs mit Kreuzung davor
Abb. 7: Ansicht des Wiener Südbahnhofs (2009)

Am Tag vor der Schließung, also am 12. Dezember 2009, war ich noch einmal am Südbahnhof, um endgültig Abschied zu nehmen. Es war eine merkwürdige Stimmung: Viele Lokale und Schalter waren bereits geschlossen, in der Halle war nur noch ein einziger Fahrkartenautomat in Betrieb, die Bahnhofskrippe war nun ebenfalls schon verschwunden. Umso zahlreicher waren die Menschen mit Fotokameras, die so wie ich noch rasch ein paar letzte Erinnerungsfotos knipsen wollten. Manche waren sichtlich bewegt und hatten sogar Tränen in den Augen. Dazwischen lief der normale Bahnhofsbetrieb – Reisende mit Koffern und Rucksäcken, Durchsagen, Zuganzeigen – exakter Fahrplan bis zuletzt. In der Osthalle war eine Bühne für das Abschiedsfest am Nachmittag aufgebaut. Im bereits geschlossenen Bahnhofsrestaurant wurde eine Informationsausstellung zum neuen Hauptbahnhof gezeigt.

Ich blieb nicht bis zum Abschiedsfest – ich wollte in aller Stille Abschied nehmen. Ich ging noch einmal – zum allerletzten Mal – den Weg von der Kassenhalle zu den Bahnsteigen der Südseite, versuchte, die Stimmung in mich aufzunehmen und in mir zu speichern.

Am Haupteingang blieb ich nachher beim Hinausgehen noch einmal stehen und drehte mich um. Ich blickte zurück in die Bahnhofshalle, genau in Längsrichtung, und nahm das Bild in mich auf. Das war jetzt endgültig das letzte Mal….und jetzt kamen auch mir die Tränen! „CIAO“ sagte ich ganz leise, „und danke…!“ Draußen begann es zu schneien…

Das Ende einer Reise?

Nein…denn jetzt begann für mich eine neue Reise: Erst jetzt bemerkte ich so richtig, welche wichtige Rolle der Südbahnhof bis zu diesem Zeitpunkt für meine persönliche Geschichte gespielt hatte. Als er noch existierte, war er selbstverständlich – er war derjenige Bahnhof, der für Reisen nach dem Süden zuständig war, er war einfach da. Man brauchte sich keine besonderen Gedanken zu machen, man musste nicht jedes Mal so genau hinsehen – man konnte (und würde ja sicherlich) wiederkommen. Jetzt war das anders – er war gesperrt und würde in den nächsten Wochen sukzessive verschwinden. Er war nicht mehr greifbar. Aber woher kamen plötzlich alle diese Erinnerungen? Wohin mit ihnen? Waren auch sie dazu verurteilt, mit dem Bahnhof langsam zu verschwinden?

Ich begann, meine Erinnerungen an den Südbahnhof in Form von Notizen, Zeichnungen und Aquarellen festzuhalten. Ich begann, über den Südbahnhof zu recherchieren. Ich besuchte Archive und Bibliotheken und sammelte dort Informationen über den Südbahnhof – Zeitungsartikel, Pläne, historische Fotos. Ich besuchte den mittlerweile stillgelegten Steinbruch am Engelsberg bei Wiener Neustadt, aus dem der rote Marmor an den Wänden stammte. Ich lernte die Geschichte des Südbahnhofs kennen – seine Entstehung, seine Baugeschichte (die eng verwoben war mit dem Wiederaufbau der zerstörten Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg – da musste mit beschränkten Mitteln unter teilweise sehr widrigen Umständen die zerstörte Infrastruktur möglichst rasch neu aufgebaut werden), seine Botschaft.

Ja, auch seine Botschaft: denn er war als neues, geradliniges, helles Gebäude an der Stelle anderer Gebäude errichtet wurden, die im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche gelegt worden waren. Ein Neubeginn also. Seine Eröffnung fiel in das erste Jahr der wiedergewonnenen Freiheit Österreichs. Man durfte endlich wieder frei reisen. Die Welt stand wieder offen. Genau dieses Gefühl ist (ja, ist, denn ich spüre es noch immer!) für mich in der Architektur dieses Bahnhofs spürbar: die weiten, hellen Hallen, die architektonischen und künstlerischen Anspielungen an die möglichen Destinationen (übrigens sehr subtil differenziert in Süden und in Osten!), die wiedergewonnene Lebensfreude. Man hat das Gefühl, das Reisen sollte zu einem Fest werden – und der Bahnhof sollte gleichsam der Festsaal dazu sein. Das zeigte sich auch in der Gestaltung der Hallen: Die Proportionen waren ausgewogen, die Länge und die Breite der beiden Haupthallen standen zueinander jeweils im Verhältnis 3:2 – also im Goldenen Schnitt. Lediglich bei den Querbahnsteigen und bei den Abfahrtshallen mussten Konzessionen an die örtlichen Gegebenheiten gemacht werden, da die Gleise der Südbahn und der Ostbahn nicht im rechten Winkel zueinander und folglich auch nicht im rechten Winkel zum Bahnhofsgebäude standen.

Und der Bahnhof war übersichtlich: nie hatte man das Gefühl, man könne sich in dem doch recht großen Gebäude verlaufen oder den Weg zum Zug oder zum gewünschten Ausgang nicht finden! Durch die Weite der Hallen fühlte man sich in dem Gebäude auch nicht beengt – obwohl der Bahnhof stark frequentiert war. Man hatte immer genug Platz, auch wenn sich mehrere Reisegruppen gleichzeitig in der Halle versammelten.

Trotzdem: Im Untergrund, eingebaut in die Fundamente, befanden sich noch die Bunkeranlagen aus dem Krieg. Diese konnte man mit den technischen Mitteln der 1950er-Jahre nämlich nicht entfernen, und so baute man den neuen Bahnhof einfach darauf. Die Schnellbahn wurde in einem Bogen um die Nordseite des Bahnhofs herumgeführt, um der Bunkeranlage unter der Haupthalle auszuweichen. Diese Bunker wurden sogar als Betriebsräume genützt. Vielleicht auch irgendwie symptomatisch für die ersten Nachkriegsjahre, in denen oft die Verdrängung des Geschehenen (aber mit gleichzeitiger Ausnützung der dadurch entstandenen Vorteile) eine Rolle spielte?

Später wurden dann die Gebäude immer wieder an die aktuellen Erfordernisse angepasst – zusätzliche Kioske, Informationsstände und Anzeigetafeln aufgestellt, die Rollsteige mit ihrer Zwischenebene eingebaut und vieles mehr. Der Bahnhof passte sich an die Menschen an und wuchs gleichsam mit. Trotzdem verlor er sein spezifisches Flair nicht – die buntgescheckten Terrazzoböden, die Verkleidungen der Wandpfeiler aus rotem Engelsberger Marmor und die Wandverkleidungen aus hellem römischem Travertin zeigten immer noch das ursprüngliche Konzept und trugen wesentlich zur Atmosphäre des Südbahnhofs bei. In den Mustern der verschiedenfärbigen Terrazzofliesen war immer noch das ursprüngliche Leitsystem erkennbar, auch wenn mittlerweile einzelne Fliesen zu Bruch gegangen und durch Bodenplatten aus Granit ersetzt worden waren.

Vielleicht war all das mit ein Grund, warum ich den Südbahnhof (im Unterschied zu anderen Bahnhöfen) immer als echten Ort empfunden habe und nie nur als Durchgangsort. Auch wenn man zum Umsteigen etwa von der Straßenbahn in den Fernzug nur einige Minuten Zeit brauchte – in diesen paar Minuten hatte man auf dem Weg durch die Halle das Gefühl, noch einmal durchatmen zu können und sich vor Beginn der Reise noch einmal innerlich sammeln zu können. Und beim Ankommen war es ähnlich: da war der Bahnhof quasi der Heimatboden, den man nun am Ende der Reise wieder betrat.

Vielleicht trug aber auch die Tatsache, dass der Südbahnhof ein Kopfbahnhof war, zu diesem Eindruck bei. Denn an Kopfbahnhöfen kommt nicht nur der Fahrgast, sondern auch der Zug endgültig an beziehungsweise beginnt seine Reise genau dort. Das macht nicht nur das Ein- und Aussteigen gemütlicher (man hat viel mehr Zeit dazu als in einem Durchgangsbahnhof!), sondern verstärkt meiner Meinung nach das subjektive Gefühl des Ankommens beziehungsweise des Wegreisens.

Im Zuge meiner Recherchen erfuhr ich dann auch, dass einige Objekte des Südbahnhofs vom Wien-Museum übernommen worden waren. Dazu gehören unter anderem Teile der Wandverkleidung, der Schriftzug „SÜDBAHNHOF“ vom Haupteingang, eine Schwingtüre und eine repräsentative Auswahl der Terrazzofliesen. Meine Freude darüber war groß – es war also doch noch etwas Greifbares da, der Südbahnhof hatte sich nicht völlig in Luft aufgelöst, er würde in gewisser Weise auch weiterhin präsent sein. Ich nahm Kontakt mit den Verantwortlichen des Wien-Museums auf. Und so durfte ich im Jahr 2011 zu meiner großen Freude die Objektpatenschaft für die Terrazzofliesen übernehmen und die Fliesen im Rahmen einer Sonderführung und später bei der Ausstellung „Absolut Wien“ wiedersehen. Es war ein merkwürdiges Gefühl: einerseits waren es dieselben Fliesen, über die ich so oft gegangen war. Andererseits waren sie jetzt zu Reliquien geworden, die man wenn überhaupt nur ganz vorsichtig anfassen durfte…aber das machte nichts, Hauptsache, sie waren noch da!

Und noch eine Überraschung:  Auch das Drahtbild, das mich zwanzig Jahre zuvor gleichsam auf die Reise geschickt hatte und das ich im November 2009 vergeblich gesucht hatte, war noch da – und ich sah die Figuren jetzt aus der Nähe in Augenhöhe und frisch restauriert in bunten Farben und war wie damals tief berührt. Ein Kreis hatte sich geschlossen…

…aber die Reise ging weiter, denn ich begann nun, über die Geschichte der Terrazzofliesen zu recherchieren. Eine Messingplakette an einer der Fliesen gab den Hinweis auf den Hersteller: Steinindustrie Gall und Clementschitsch, Villach. Es gelang mir in weiterer Folge, bei Recherchen in Villach den genauen Produktionsort der Terrazzofliesen und teilweise auch die Herkunftsorte der verschiedenen verwendeten Gesteine herauszufinden (vielleicht mein bescheidener Beitrag zur Geschichtsschreibung des Südbahnhofs - wer weiß…?).

Warum gerade der Südbahnhof?

Warum wurde ausgerechnet der Südbahnhof zu meinem Lieblingsbahnhof? Diese Frage stelle ich mir immer wieder. Für mich hat es – neben der ästhetischen Komponente-  in erster Linie mit den Erinnerungen an die vielen schönen Reisen zu tun, die ich vom Südbahnhof ausgehend unternehmen durfte. Diese Reisen haben meinen Horizont erweitert und mich mit zu dem gemacht, was ich bin. Vielleicht hat auch die Tatsache eine Rolle gespielt, dass diese Reisen  zeitlich in eine für Europa eher glückliche Episode gefallen waren (abgesehen natürlich von der Jugoslawienkrise) – der Eiserne Vorhang war gefallen, der Kalte Krieg war zu Ende, man hatte das Gefühl, die Menschen kamen einander wieder näher. Es herrschte allgemein eine gewisse Offenheit und eine Aufbruchsstimmung.

Auch für mich persönlich war es im Großen und Ganzen eine glückliche Zeit. Möglich, dass der Südbahnhof für mich auch in gewisser Weise ein Symbol für genau diese Zeit und für ihr Lebensgefühl darstellt.

Aber: Die Reise ist noch immer nicht zu Ende!

Der Südbahnhof hat einiges in mir zurückgelassen. Ich habe neue Länder und neue Kulturen kennengelernt. Ich habe großartige Landschaften und Städte gesehen, deren Bild immer wieder in mir aufsteigt. Ich habe eine neue, wunderbare Sprache gelernt und dadurch Einblicke in eine andere Kultur gewonnen, die ich sonst in dieser Form nie gewonnen hätte. Ich habe aber  anhand der Bahnhofsgeschichte auch gelernt, meine eigenen Wurzeln besser zu verstehen – den Boden, auf dem ich stehe, von dem ich herkomme und auf dem ich zu Hause bin.

Ich habe auf meinen Reisen und bei meinen Recherchen Menschen kennengelernt, mit denen ich Informationen ausgetauscht habe und die mich bei meinen Recherchen unterstützt haben. Mit einigen davon bin ich immer noch in Kontakt. Für all das bin ich sehr dankbar.

Der Südbahnhof existiert materiell (mit Ausnahme einiger Museumsstücke) nicht mehr. Für mich ist er jedoch ein innerer Ort geworden, an den ich manchmal in Gedanken zurückkehre.

Und die Reise geht weiter…

Ja, und manchmal mache ich jetzt einen kleinen Umweg über den Karlsplatz. Denn an der Außenfassade des Wien-Museums, genau über dem Haupteingang,  befindet sich zur Zeit der Schriftzug „SÜDBAHNHOF“. Ich bleibe stehen und schaue hinauf zu den Buchstaben. Etwas ist noch da…

Südbahnhofschriftzug auf Wien Museum
Abb. 8: Eingang des Wien Museums am Karlsplatz (2012)

Birgit Kager, August 2012

 

Nachtrag

Wie kam man in den 1990er-Jahren zum Südbahnhof?

Das war verkehrstechnisch eigentlich gar nicht so einfach. Im Gegensatz zum Westbahnhof hatte der Südbahnhof nämlich keine direkte Anbindung an das U-Bahnnetz. Von meiner im 22. Wiener Gemeindebezirk gelegenen Wohnung hatte ich grundsätzlich folgende Möglichkeiten, den Südbahnhof zu erreichen:

1.     Mit dem Auto oder mit dem Taxi:

Das bedeutete eine Anfahrt über die Südosttangente und dann weiter über die Abfahrt St. Marx und über den Landstraßer und den Wiedner Gürtel. Der PKW hielt dann je nachdem entweder am Taxistandplatz an der Ostseite oder am so genannten „Fiakerplatz“ an der Westseite der Bahnhofshalle. Der Eingang in die Halle erfolgte dann somit durch einen der Seiteneingänge.

Diese Anfahrtsmöglichkeit habe ich jedoch nur selten genutzt, einerseits weil ich über keinen eigenen PKW verfügte, andererseits weil sich nicht immer eine Mitfahrmöglichkeit ergab. Und dann war da auch der morgendliche Stau auf der Südosttangente, mit dem man schon damals grundsätzlich rechnen musste und der gegebenenfalls die Anfahrt extrem verlängerte. Fallweise fuhr ich nach der Ankunft am Südbahnhof am Reiseende jedoch mit einem Taxi nach Hause.

2.     Mit der Straßenbahnlinie D:

Diesen Weg habe ich nur ein einziges Mal gewählt, und zwar deswegen, weil ich damals ausnahmsweise vom Franz Josefs-Bahnhof kommend (letzterer wäre meines Erachtens nach übrigens ein klassisches Beispiel für einen „Nicht-Ort“!) zum Südbahnhof fuhr. So ersparte ich mir in diesem Fall zwar ein mehrmaliges Umsteigen, aber die  Fahrt mit der Linie D dauerte insgesamt einfach viel zu lange…und vom 22. Bezirk aus wäre dieser Anfahrtsweg überhaupt nicht sinnvoll gewesen!

3.     Mit der Schnellbahn:

Da gab es grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Entweder über die Ostbahnstrecke (mit Abfahrt in Stadlau und Ankunft im Ostteil des Südbahnhofes (und daher von dieser Warte aus gesehen sehr bequem)) – dabei war aber die Schwierigkeit, dass die Züge in Stadlau von unterschiedlichen Bahnsteigen abfuhren und ziemlich lange Intervalle hatten. Das machte eine exakte Kenntnis des Fahrplans erforderlich. Bei Störungen des Bahnverkehrs gab es kaum Möglichkeiten, von Stadlau aus eine Alternativroute zu nehmen. Auch das Erreichen des Bahnsteiges war in Stadlau mit Gepäck eher mühsam.

Die zweite Möglichkeit war die Anfahrt  mit der Schnellbahn über die Station Praterstern und dann über die Schnellbahnstammstrecke (mit Ankunft im „Untergeschoß“ des Südbahnhofes). Das bedeutete, am Praterstern von der U1 in die Schnellbahn umzusteigen. Auch das gestaltete sich mit Gepäck eher umständlich: Die Rolltreppen, die am Praterstern vom Erdgeschoßniveau zur Schnellbahnhochstrecke hinaufführten, waren zu dieser Zeit äußerst schmal – so schmal, dass zwei Personen unmöglich nebeneinander stehen konnten (erst mit der Modernisierung und Generalsanierung der Station Praterstern wurden dort breitere Fahrtreppen eingebaut). Es war folglich daher auch ziemlich schwierig, mit einem Koffer diese Rolltreppen zu benützen. Außerdem waren zum Erreichen des Schnellbahnsteiges relativ lange Fußwege innerhalb des Stationsgebäudes erforderlich.  Also auch nicht unbedingt ideale Voraussetzungen zum Umsteigen!

4.     Mit der U-Bahnlinie U1:

In In diesem Fall stieg ich in Kagran (oder damals noch „Zentrum Kagran“) in die U1 ein und fuhr dann bis Südtirolerplatz. Am Südtirolerplatz konnte ich dann entweder in die Straßenbahn (Linie 18 oder Linie O) oder in die Schnellbahn umsteigen und eine Station weiter bis zum Südbahnhof fahren. Das war jedoch auch nicht ganz so einfach, denn die beiden Straßenbahnlinien fuhren auf unterschiedlichen Gleisen und hatten somit auch verschiedene Haltestellen am Südtirolerplatz. Erst zwischen Busbahnhof und Parkplatz (beziehungsweise später Parkhaus) vereinigten sich diese beiden Gleise in eine Strecke (mit gemeinsamer Haltestelle am Südbahnhof). Die Monitore, die heute den jeweils nächsten Zug und dessen genauen Abfahrort anzeigen, gab es damals noch nicht. Handy-Apps mit Fahrplananzeige schon gar nicht! Somit war es „Glückssache“, die gerade „richtige“ Haltestelle anzusteuern. Auch die Passage am Südtirolerplatz war nicht unbedingt „kofferfreundlich“: zahlreiche Niveauunterschiede, die zum Teil nur mit festen Treppen zu überwinden waren, machten die Passage auch mit Trolleykoffer eher mühsam. Aber da musste man in diesem Fall buchstäblich durch…

Meistens benützte ich am Südtirolerplatz den Ausgang im Bereich des Busbahnhofes. Wenn dort gerade ein O-Wagen um die Ecke bog, stieg ich ein und fuhr die letzte Haltestelle bis zum Haupteingang des Südbahnhofs mit der Straßenbahn. Ansonsten ging ich die letzte Etappe von einigen hundert Metern zu Fuß. Mein Weg führte zunächst den Busbahnhof entlang, dann entlang einer mit Bäumen bewachsenen Grünfläche und weiter entlang des Parkplatzes (später dann durch eine Art Galerie seitlich entlang des Parkhauses).

Ich betrat dann die Bahnhofshalle durch den westlichen Seiteneingang am so genannten „Fiakerplatz“.

Ich hätte auch den Eingang Südtirolerplatz (eine zusätzlich errichtete Passage auf Höhe des Busbahnhofes) benützen können. In diesem Fall wäre ich am anderen Bahnsteigende (also an der Zugspitze des abfahrenden Zuges) auf die Gleisebene der Südbahn gekommen. Diesen Weg wählte ich jedoch nur ein einziges Mal (bei der Ankunft in Wien), obwohl er kürzer war. Man musste aber in diesem Fall bei der Abfahrt schon genau wissen, von welchem Gleis der Zug abfahren würde, um dann die richtige Treppe hinaufzusteigen. Und da waren die Rollsteige in der Bahnhofshalle trotz des längeren Weges doch viel angenehmer – und außerdem gab es in der Halle auch die große Anzeigetafel mit den genauen Informationen. Und falls der Zug noch nicht bereitgestellt war, dann konnte man sich noch ein wenig in einen der Warteräume setzen oder den Wagenstandanzeiger studieren.

Ja, und schöner als die Passage war die Halle natürlich auch…

 

Danksagung und Quellenangabe zu den Abbildungen:

Ich möchte mich bei den Verantwortlichen des Wien-Museums, speziell bei Herrn Dr. Békési (Department Stadtentwicklung und Topografie), für die Erlaubnis bedanken, folgende in Obhut des Wien-Museums befindliche Objekte als Illustration in meinem Text abzubilden:

Abb. 1: Ansicht des Wiener Südbahnhofes um 1962 (Original in der Ansichtskartensammlung des Wien-Museums)

Abb. 2: Drahtbild vom ehemaligen Südbahnhof, Bahnsteighalle Süd, von Otto Swoboda (1956); Material: Eisen verschweißt, verschraubt, lackiert mit Kunstharzlack; Dauerleihgabe der ÖBB-Infrastruktur AG

Abb. 4 (rechts): Terrazzobodenplatte vom ehemaligen Südbahnhof (Original in der Sammlung des Wien-Museums), Bild aufgenommen im Rahmen der Ausstellung „Absolut Wien“

Abb. 7: Schriftzug „SÜDBAHNHOF“ vom ehemaligen Südbahnhof, montiert an der Fassade des Wien-Museums im Rahmen der Ausstellung „Absolut Wien“ (Bild aufgenommen im November 2011)

Alle anderen Abbildungen:    © Birgit Kager

Informationen zum Artikel:

Erinnerungen an den Wiener Südbahnhof - eine Zeitreise

Verfasst von Birgit Kager

Auf MSG publiziert im November 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 10. Bezirk, Südbahnhof / Italien, Norditalien, Venedig u.a.
  • Zeit: 1970er Jahre, 1980er Jahre, 1990er Jahre, 2000er Jahre

Anmerkungen

Der Text wurde im Rahmen des Lesenachmittags zum Tagebuchtag 2012 am 8. November 2012 im Wien Museum vorgetragen.

© Text alle Fotos, sofern nicht anders angegeben: Birgit Kager

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