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Wien aus meiner Sicht, von 1957 bis heute

von Erika Schöffauer

In Kärnten geboren, teils im ländlichen Raum, später in Klagenfurt gelebt und gearbeitet, hatte ich zu Wien keine Beziehung und auch keine Gelegenheit, die Bundeshauptstadt kennenzulernen.

Im Jahr 1938, im letzten Schuljahr, als meine Klasse, wie es damals üblich war, eine Woche nach Wien fuhr, fehlte meiner Mutter das Geld für diesen Ausflug, und so blieb ich eben mit einigen Leidensgenossinnen daheim.

Bis ich dann das erste Mal nach Wien kam, dauerte es noch bis zum Jahr 1957. Ich war verheiratet, hatte eine Familie, unser Haus war fertiggebaut, mein Mann und ich hatten Arbeit und auch ein Auto. Meine Mutter lebte bei uns und betreute meine Kinder, also konnten wir unsere erste Urlaubsreise antreten, die uns über das Burgenland und den Neusiedlersee nach Wien führte.

Mein Mann hatte nach der Schule einige Jahre in Wien verbracht und wusste ungefähr Bescheid, so fanden wir nach längerem Suchen und einigen Umrundungen des Ringes im Hotel de France Quartier.

Mein erster Eindruck, den ich von Wien hatte, war bedrückend. Zu allem Überfluss bekam ich auf der Fahrt von Eisenstadt nach Wien eine Gallenkolik, was mir, und vor allem meinen Mann, der mir etwas von Wien zeigen wollte, den Abend vermieste, denn anstatt auszugehen, lag ich mit einem Dunstwickel, der meine Schmerzen lindern sollte, im Bett.

Am nächsten Tag besuchten wir meinen Cousin – auch ein Kärntner, der mit seiner Familie schon seit einigen Jahren in Wien, am Brunnenmarkt, wo er ein Haus besaß, wohnte. Seine Frau fuhr mit mir in die Stadt, und als wir am Westbahnhof waren, wo sich viele Straßenbahnen kreuzten, nahm sie mich an der Hand, stieg mit mir ein und aus und ich dachte mir: „Da würde ich mich nie auskennen.“ Heute denke ich noch sehr oft daran. Begeistert war ich von dem Wirbel nicht, sondern froh, als wir Wien in Richtung Schönbrunn und Wachau verließen.

Es vergingen noch einige Jahre bis mich Wien interessierte. In meiner Dienststelle wurde ich aufgrund abgelegter Prüfungen befördert und in die Arbeitsmarktbeobachtung versetzt, wodurch ich an Tagungen und Seminaren im Bundesministerium für soziale Verwaltung teilnehmen musste.

Im Jänner 1975 wurde das Staatssekretariat zur Gleichstellung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt gegründet. Staatssekretärin wurde Johanna Dohnal. In jedem Bundesland wurde eine Bedienstete bestimmt, um die Angelegenheiten der Bundesländer im Bundesministerium für soziale Verwaltung zu vertreten. In Kärnten wurde ich ernannt.

Es war in den 70er Jahren, mein Sohn hatte bereits mit dem Architekturstudium begonnen, als meine Aufenthalte in Wien begannen.

Ich hatte die Möglichkeit bei Freunden, im 23. Bezirk zu wohnen. Um zu meinem Tagungsort zu kommen, musste ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Vor allem in den Randbezirken fuhren vorwiegend Busse und Straßenbahnen. Für mich hieß das, erst mit dem Bus, der in der Früh überfüllt, vor allem mit Schülern, war, bis Meidling-Hauptstraße, dann mit der Stadtbahn bis Wien-Mitte und von dort noch ein Stück zu Fuß zum Sozialministerium am Stubenring.

Vom beruflichen her war es für mich eine total neue Welt, in die ich mich aber schnell eingewöhnte, weil alles neu und sehr interessant war. Die langen Zugfahrten von Klagenfurt nach Wien benutzte ich zu Lernzwecken, weil ich mich entschlossen hatte, die Matura zu machen.

Mittlerweile kannte ich mich in Bezug auf öffentliche Verkehrsmittel, Örtlichkeiten und Entfernungen schon ganz gut aus, und ich fühlte mich immer wohler in der neuen Umgebung.

In Wien begann man mit den großen Bau- und Umbaumaßnahmen auf dem öffentlichen Sektor. Es wurde ober und unter der Erde gebaut. Straßenbahnlinien wurden verlegt, neue Trassen gebaut, wodurch auch das Stadtrandgebiet Liesing besser an das öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen werden konnte. Auf der neuen Trasse fuhr die Straßenbahn 64 ab der Stadtbahnstation Meidling-Hauptstrasse bis Trasse Schedifkaplatz, von dort später weiter als U6.

Das Zeitalter der U-Bahn begann in Wien. Dadurch erübrigten sich manche Straßenbahnlinien. Zum Beispiel die Linie 8, die auf der Meidlinger Hauptstraße fuhr und von der U6 abgelöst wurde. Die Linien 52 und 58, auf der Mariahilfer Straße wurden von der U3 abgelöst.

Die erste U-Bahn bekam den Namen Silberpfeil. Der Entwurf vom Silberpfeil kommt von dem Architekten, der seinerzeit den Westbahnhof gebaut hat, Arch. Prof. Franz Drbal. Der Silberpfeil ist mittlerweile bereits außer Dienst gestellt und wird verschrottet.

Während des Baues der Trasse des Silberpfeils veränderte sich die elegante „Hauptstraße von Wien“ großteils in eine Marktstandl- und Fußgängerstraße zwischen Baustellen ohne Straßenbahn. Die Straße wurde von Ungarn leer gekauft.

Nach dieser Periode war die Mariahhilfer Straße relativ schnell wieder Einkaufsstraße.

Der Ausbau des Wiener U-Bahnnetzs ging zügig vor sich. Der Planungs- und Einführungszeitraum der einzelnen Strecken war:

U1: 1971 bis 1982 (Abschnitt Reumanplatz bis Kagran)

U2: 1988 bis 2000

U3: 1981 bis 1994

U4: 1970 bis 1979

U6: 1983 bis 1996

Die öffentlichen Verkehrsmittel in Wien, Straßenbahnen, Busse und U-Bahnen bieten viele Erleichterungen in punkto schnell, billig und beinahe rund um die Uhr im Großraum Wien an einen gewünschten Ort zu kommen. Viele Menschen bedienen sich der Jahreskarte, die es auch älteren Leuten ermöglicht, ihre Zeit in der Natur, in der wunderschönen Umgebung rund um Wien zu genießen.

Sehr oft setze ich mich in eine U- oder Straßenbahn und fahre irgendwo hinaus, kauf mir an einer Station, ein Kipferl oder zwei, da gibt es fast überall einen Bäckerladen, und genieße es trotz meines Alters, unser schönes Land erleben zu können.

Informationen zum Artikel:

Wien aus meiner Sicht, von 1957 bis heute

Verfasst von Erika Schöffauer

Auf MSG publiziert im Oktober 2012

In: Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1950er Jahre, 1970er Jahre, 2000er Jahre

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