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Freiland

von Barbara Rathgeb

Ein Bauernhof, das Zuhause einer großen Familie, eingebettet, abgegrenzt – für heranwachsende Kinder ein weites Land mit vielen Geheimnissen. Die Stube, das Haus wurde den vielen Geschwistern nach und nach mit den ersten sicheren Schritten zu eng. Kleine Füße und Neugierde trugen sie nach draußen. Vor dem Haus gab es viel zu sehen. Die Hühner spazierten umher, badeten sich in nackter Erde, und ihr Genuss lag offen. War ihr Bad beendet, schüttelten sie sich mit gespreiztem Gefieder, tranken Wasser aus dem seichten Hausgraben. Die Lust im Freien nahm gerade die Kleinen gefangen. Wasser, barfuß, pitsch-patsch! Hände spielten mit dem nassen Sand – egal, wenn der Kittel nass oder der Hosenboden der Buben dreckig wurde.

Die Lust wuchs im Frei-daheim-Sein. Sie durften hüpfen, lachen, springen, Purzelbäume im Grünen schlagen. Das Draußen weitete sich über Wiesen, Felder, über Weg und Steig zur Alm, umgrenzt von Wald. Man könnte es Paradies nennen, nie hören müssen: „Da darfst du nicht hin, gehört nicht uns.“ Freiland, des Bauern Liegenschaft, für Barbara und ihre Geschwister Glück, zum Segen reiche Vielfalt. Jeder mit Zaun, Erlen, Haselnussstauden oder Ahornbäumen abgegrenzte Flecken hatte seinen Namen. Aufgaben hielten die Eltern bereit, sie brauchten ihre Kinder, wie diese ihre Mam und ihren Dat brauchten. Pflicht und Freude schien eng verknüpft, ein "Wenn und Aber" hatte da keinen Platz. Langeweile gab es nicht, egal zu welcher Jahreszeit, auch das Wetter konnte sein, wie es wollte.

Über Nacht lag das Land rund um Haus und Hof tief verschneit da. Eine große, weiße Haube bekam die Brunnensäule und einen Kranz der Trog, in dem Quellwasser plätscherte.

An schulfreien Tagen mussten die Buben am Morgen und am späten Nachmittag dem Vater im Stall helfen die vielen Tiere füttern.

Zwischen Haus und Stall piepste der Übermut im Neuschnee, Kinderhände formten Kugeln. Eine Schneeballschlacht, wer war am treffsichersten? Klarer Sonnenschein! Eine Schlittenfahrt über den Holzziehweg war angesagt, nach dem Essen am runden Tisch. Auf ging es zu viert, bekleidet mit der Hose aus Lodenstoff, der Schulwindbluse, einer Zipfelmütze und Schafwollhandschuhen. Schischuhe an den Füßen, stapften sie zusammen über den großen Anger zum oberen Holzlagerplatz. Dort starteten sie mit einem Hurra im Herzen. So schnell ging es, dass ihnen beinah die Luft wegblieb und sie beim Bremsen eine Schneestaubwolke einhüllte.

Das Frühjahr zog ins Land, der Vorsommer nahte. Barbara liebte es, draußen in der Sonne zu sein. Ob der Enzian schon blühte? Sie lief über das Feldwegerl, kletterte über den Pinzgauer Zaun. Blau schimmerte es im kargen Grün. Das Schulmädchen legte Blütenkelche wegen der kurzen Stängel in ihre Schürze mit den hoch gerafften Enden. Mam freute sich über den Enzian, eingewässert im Kompottglasschüsserl zierten sie die Fensterbank.

Vom Großonkel bekamen die mittleren Geschwister zwei kleine Netzsackerl voll bunter Murmeln. Sie nannten das Spiel mit den kleinen Kugeln „Spoucken“. Einer kratzte ein Grübchen in der festen Erde vorm Haus, Jeder warf seine fünf Murmeln, verstreut lagen sie am Boden. Wer als Erster die Seinen in das Erdgrübchen mit dem Zeigefinger schubsen konnte, hatte gewonnen.

Zum Bauernkindsein gehörte das Junge und das Alte, das Kleine und das Große, kunterbunt in engster Nachbarschaft in ihrem Dasein verwurzelt. Taufrisch begann der Tag, Barbara ging nach draußen, ihre nackten Füße fröstelten im ersten Moment in dem glasklaren Perlenteppich am grünen Anger. Sie spreizte ihre Zehen, während sie nach oben schaute. Neben dem verwitterten Holzzaun stand „der Alte“, ein Apfelbaum. Er reckte seine Arme nach allen Seiten in den Himmel, schrumpelig seine Haut, zögerlich sprossen die ersten Knospen, mehrere Kinderschritte oberhalb des riesigen Birnbaumes. Die Sonnenstrahlen spielten schon oft mit ihm, warme Regengüsse rüttelten ihn wach. Der ganze Anger breitete sich wie ein großer, weicher Teppich zu seinen Füßen. Der Alte eiferte mit den ersten Blüten, gegenüber den weißen Dolden einer einmal werdenden Birne, während sich der Löwenzahn mit sanftem Gehabe ausbreitete.

Allmählich entpuppte sich in des Alten Krone sein prachtvolles Frühlingskleid aus rosigen Apfelblüten. Trocken, lachte das Löwenzahngesicht in seiner schreienden Farbe. In der Sonne, gelbe Köpfe hielten still, Kissen aus zarten Blütennadeln, darauf hockten, spazierten, schnabulierten kleine, beflügelte Vierbeiner.

Der Muttersau gefiel der Auslauf im satten Grün, voll Übermut wuselten ihre Jungen umher, rosiges Leben zwischen Klettenwurzelstauden, Schierlingbuschen und Nestern mit Brennnesseln.

Barbara spielte des Öfteren mit ihren Brüdern auf diesem Wiesengrundstück Fangen. Gefährlich, wenn die Klettenwurzeln im Blattwerk ihre Blüten aufsetzten, kleine stachelige Kugeln, die hatten es in sich. Einmal landete ein zusammengedrückter Ball aus einer Bubenhand in ihren Haaren. Der saß fest, zum Weinen fest, so fest, dass ihm Mama mit der Schere zu Leibe rücken musste. Ein Fuß juckte von einer Brennesel. Doch draußen war alles schnell vergessen, Freude bügelte jedes Wehwehchen glatt.

Vorsommer: Im farbenfrohen Anger tanzten Schmetterlinge, machten Hochzeit. Die vier Geschwister hatten freie Zeit. Sie kletterten über den Holzzaun unter das Blätterdach ihres Alten. Äpfel waren zu sehen, winzig klein. „Grüne Butzen brauchen ihre Ruhe“, sagte Mam, und dass sie nicht immer mit den Buben ...!

Es kostete Barbara ein verstecktes Achselzucken, sie hatte doch keine Schwester, die auf Bäume kletterte, denn die Große durfte schon lange nicht mehr.

Sommer: Zeit der reifen Beeren, Heuernte, Almfrieden! Das alles durften die Geschwister miterleben. Es war schön, von Mam und Dat gebraucht werden. Es machte Freude, schwitzend auf dem Feld helfen zu können. Dunkle Wolken zogen am Himmel, stießen einander, türmten sich auf. Barbara wähnte es wie ein Götterspiel mit dem Licht aus Blitzfäden; schaudernd hörte sie den Peitschenknall, weil es ganz nah war. Schlagartig goss es in Strömen, das Gewitter zog weiter mit sanftem Grollen. Und wenn sie auf die Alm gehen durfte, dann hatte sie wirklich Ferienzeit!

Herbst: Freies Land, daheim, die Blätter der Ahorne verfärbten sich, tanzten zu Boden. Die Nächte wurden kälter, am Morgen fror es Barbara unter der gestrickten Jacke. Mit den Brüdern unterwegs, wurde ihr schnell warm auf dem langen Schulweg. Das trockene Laub raschelte unter ihren Füßen entlang der Allee. Heimelig graste das Vieh auf den Feldern. Warmer Oktobertag, der alte Lois pflückte die Äpfel von seinem Baum, essen durften sie alle davon. Es war das einzige Lagerobst im Keller des alten Hauses.

Informationen zum Artikel:

Freiland

Verfasst von Barbara Rathgeb

Auf MSG publiziert im September 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Pinzgau, Maria Alm
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

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