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Das Dreizehnte

von Barbara Rathgeb

Mam war wieder „in Hoffnung“, schön ausgedrückt. Das heißt, die älteren ihrer Kinder nahmen wahr, Mams Bauch wurde langsam aber stetig größer. Der Sommer zog übers Land und Barbara wurde viele Stunden im Haus zum Mithelfen vergattert. So bekam sie im Gespräch der Eltern den Herzenswunsch ihrer Mutter mit: "No a Dianei, wonn ma kriagadn ...! Und auch die Worte: „Ob i ’s ebba woi no schaoff?“

Es war an einem Samstag, Mam schrubbte den Küchenboden, leerte das Putzwasser in den gemauerten Ausguss und sank dann zu Boden. Der alte Lois kam zur Tür herein, schritt eilends zu der Schwangeren mit den Worten: "Wawi – wous is denn?", und half ihr auf die Essbank. Die fünfjährige Leni flüchtete mit erschrockenen Augen in ihren Schoß. Wer hätte gefragt? Sie musste! Sie musste ihre Aufgaben erledigen, es stand wohl geschrieben in unserem Dasein.

Sommer und Heuernte, Barbara samt ihren Brüdern, sobald einer den Holzrechen halten konnte und einen Heuschopf vom Fleck brachte, waren sie für viele Sonnenstunden in Vaters Obhut. Es war lustig, so gebraucht zu werden, manchmal schwebte ein Lob in schwüler Luft: "Barwi 's Fuadamaochn kao koana so guat wia du!" So gab es auch einen unvergesslichen Heuerntetag.

Es war unumgänglich für Vater, seinen Knecht und seinen Werfer, so hieß der zweite Helfer, dass sie bei Tagesanbruch aus den Betten hüpften. Am hell erwachten Morgen gingen die drei mit der am Vorabend gedengelten Sense auf der Schulter auf die steile Kleingraswiese, das "Stouwiföid". Das taunasse Gras fiel mit jedem Sensenschwung in einem kleinen Riederl hinter die Mahder.

Um sechs Uhr früh hieß es für die Buben: „Raus aus den Federn!“ Das Gras musste angestreut werden, die Arbeit wartete auf sie und die Großtante Theresa. Sie ging schon voraus, ’s Muas in einer Emailschüssel, zugedeckt mit einer zweiten, samt Löffel auf ein Kopftuch gestellt und die Zipfel überkreuzt fest verknotet. In einer Blechkanne heiße Milchsuppe, so trug sie beides in ihren Händen: das Frühstück für die Mahder.

Allmählich kamen auch die Buben in Schwung, aber vorerst verhandelten die Drillinge noch eine Weile, wer welche Gabel mitnahm. Klaus und Sepp durften die zweizackige nehmen, Martin schulterte die mit den drei Zacken. Hans und Toni hatten schon eine Stunde früher auf das Feld müssen, Gras anstreuen. So machte es den drei Jüngeren auch Freude.

Barbara musste ihrer Mutter im Haus helfen. Knödeltag! Es gab zu tun, das selbstgebackene Weißbrot sowie Speck und geräuchertes Rindfleisch kleinwürfelig schneiden, Zwiebel und Petersilie fein hacken, trug ihr Mam auf. Der Teig für mindestens fünfunddreißig Knödel stand parat. Mam legte ordentlich „Kniedl“ auf die Glut ins Herdloch, das sind kurz gehackte vom Grün geputzte, von Luft und Sonne getrocknete Äste der Fichte. Das Wasser kochte in der großen roten Rein, und Mam formte mit dem gelochten Messingschöpfer spielerisch Teig zu Knödel, da hörten wir des Bauern Stimme: "Zan Umkehrn is!" Sie, die Bäuerin sagte zu ihrer Tochter: "Geh geschwind!", und Barbara sauste barfuß in die Tenne um einen Holzrechen. Sie ging mit dem Vater über den Anger bis zur kleinen "Egascht". Es war das einzige Zweimahdige im Stouwiföid.

An dem zuunterst Gemähten, gut Abgetrockneten – halb Heu, halb noch feuchtes Grünfutter –, hieß es der Reihe nach aufstellen, der Kleinste voraus. Barbara borgte Klaus ihren Rechen, der hatte einen kürzeren Stiel und war um ein paar Zähne schmäler, leichter zu handhaben. Die Sonne brannte hernieder, während wir zu acht Futterschopf um Futterschopf mit dem besonderen Schubser wendeten, bis der ganze Fleck grünlich schimmerte. Die Essglocke läutete. Jetzt nur noch heim ins Haus zum runden Tisch in der Stube.

Viele Teller standen verteilt, Löffel daneben. Das dunkle abgenutzte runde Holz als Unterlage für das siedend heiße Essen in der Mitte, darüber der „Hengst“, ein dreibeiniges dünnes Eisengestell mit einem Ring, in dem die blecherne Schüssel mit grünen Salat thronte. Mam brachte die tiefe rote Kasserolle, in der die Knödel in der Suppe dampften. Auf der Bank stand ein großer Häfen "Boaßmüch", eine gesäuerte Magermilch, für nachher. Fast alle mochten sie, ansonsten gab es Wasser beim Brunnen.

Verschnaufpause, blitzschnell war sie um. Den Rest des Tages waren sie allesamt mit der Heuernte beschäftigt. Unvergesslich friedvoll erlebte Barbara das Miteinander-Arbeiten. Manchesmal betrachtete sie die rotgoldene Sonne bei ihrem Untergehen, fand es als etwas Wunderschönes.

Aquarell von einem alpinen Holzhaus/Bauernhaus

28. September 1963, ein Schultag, 6 Uhr früh hieß es aufstehen. Mam war nicht mehr im Haus und Vater offenbarte seinen Kindern: "D' Mami ist z' Farmach und kriag a Butzei [Butzerl]", und er fahre mit dem Postauto um neun Uhr zu Mam, komme mit dem 12-Uhr-Auto wieder zurück.

Barbara, voll Freude im Herzen, trat mit zottigen Zöpfen in die Klasse des Schulhauses neben dem Friedhof. Ein bisschen verdutzt fragten ein paar Mädchen, wieso sie nicht gekämmt sei. Das Neue nahm Raum ein, in der 10-Uhr-Pause borgte sich Inge den Kamm vom Herrn Lehrer aus und löste ihre Zöpfe, machte sie schön. Es kribbelte im Bauch vor lauter Neugierde.

Endlich Mittag. Barbara sauste mit ihren zwei Brüdern Martin und Sepp zum Moserwirt. Der Postbus hielt gerade, Vater stieg aus, die drei schauten zu ihm auf mit der Frage: "Und wous iss?" Die Antwort: "A Dianei, Gisela hoaßts!"

Auch unsere Zugehfrau hieß Gisela, kam vom Melchambauern im Dorf. Sie versorgte, umsorgte die vielen Geschwister. Jeden Schultag in der Früh lag für jeden zu einem Häufchen gerichtet, sein Gewand auf der langen Bank in der Stube. Eines Sonntags zu Mittag stand ein ihnen unbekanntes Essen auf dem großen runden Tisch: "A Böckistoanas", hieß es. Möhren, Erdäpfel und Schaffleisch gemischt, geschmackvoll gewürzt. Alle aßen mit gesundem Hunger voller Lust.

Zehn Tage vergingen, Mam kam heim, diesmal mit einem Verwandten; Schmieding Lois holte sie in Farmach ab. Des Öfteren schauten wir Größeren aus unserem Guckloch im Übergang zum Stall. Anni und Leni hockten in der Stube erwartungsvoll auf der Fensterbank.

Der Vormittag zog sich, endlich ein Auto! Es kam aus dem Wald, machte die große Kurve, verschwand und kam wieder. Sie waren da, allesamt stürmten sie zur Haustür hinaus. Mam stieg aus dem hellen Käfer, die winzige Schwester im weißen Locker verpackt, eine Windel übers Gesicht gebreitet. Auf dem Natursteinpodest stehend klang das "I mechts a seachn" wie im Chor. Mam schlug die Windel zurück, Entzücken machte sich breit: " Soo liab!" Diese Worte flöteten noch bei manchem Besuch von „Weisatleuten“ in der Luft. So auch, als unsere Burgl mit ihrem Toni ins Gitterbettchen schaute. Sie waren auch in wundersamer Hoffnung ihres ersten Kindes. Und Barbara erlebte es neu, Vater nahm die Kleinste manchmal auf den Schoß. Gisela lernte wie all ihre Geschwister in ihrem Bettchen aufstehen. Adam war eine Zeit lang Giselas jüngster Spielgefährte, mit seinen zwei bis drei Jahren. Er schwang sich des Öfteren zu ihr in die Gehschule mit hölzernen Sprossen und der zusammengelegten Decke auf deren Boden.

In der Nähe ihres ersten Geburtstages wagte auch sie die ersten Schritte nach dem Üben an den Händen eines Älteren. Sie schienen fast ein bisschen vernarrt in die Kleinste. Unsicheren Schrittes machte auch die Jüngste ihre neugierigen Runden.

Liebe, Liebe ...! Vater rastete eine Weile auf der Ofenbank, Gisela krabbelte auf die Bank, streckte sich auf Zehenspitzen, holte den Familienkamm vom schmalen Brett, das die Täfelung aus Lärchenholz abschloss, und tat kund: "Dati schö mouchn." Die Prozedur begann, und er hielt genüsslich still. Ist Vater wirklich anders geworden, hatte er auf einmal Zeit, Zeit zum Nichtstun? Etwas ganz Neues!

Hans, der Älteste, verdiente sein erstes Geld und kaufte sich einen Plattenspieler. Samstagabend, Hans kredenzte sein neues Musikgerät auf den Esstisch in die Nähe der einzigen Steckdose. Rundum standen, hockten alle, Vater in der Mitte auf dem Vorstuhl, Gisela auf dem Schoß. Hans legte seine Langspielplatte auf, setzte den Hebelkopf mit der feinen Nadel auf den Rand der Platte. Fritz Edtmeier und die Kernbuam! Vater war voll Ohr, mahnte: „Pschd, pschd!“, weil Fritz erzählte den Großmutter-Häuschen-Witz und Vaters Lachen steckte sie alle an. Die Stube füllte sich mit Lachen. Es gab noch manch so heilsame Abende im Miteinander-daheim-Sein.

Informationen zum Artikel:

Das Dreizehnte

Verfasst von Barbara Rathgeb

Auf MSG publiziert im September 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Pinzgau, Maria Alm
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

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