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„Folgsam wie ich manchmal war …“

von Herta Techt

Meine Schwester und ich waren nicht gerade schlimme Kinder, aber wir hatten viel Zeit zum Herumstreunen, denn wir mussten nicht so viel arbeiten wie die Bauernkinder, die mit zwölf bis vierzehn Jahren oft schon einen Knecht ersetzen mussten. Unser Vater war so etwas wie ein Nebenerwerbsbauer. Er ging arbeiten, und die Mutter bewirtschaftete zu Hause das Grundstück. So war immer ein wenig Geld da, und mit Lebensmitteln versorgten wir uns weitgehend selbst.

Beim Herumstreunen kamen uns immer wieder alle möglichen Ideen, und nicht immer die klügsten. Auf den Baum kraxeln und ins Vogelnest schauen oder Kleintiere quälen, zum Beispiel schauen, wie lange es eine Ameise im Wasser aushält …

Einmal saßen wir auf einem Hügel ober dem Haus, da fiel uns das Loch im Stadeleck auf. Das hatte einmal als Hundehütte gedient, nur war es aber voll mit allerlei Kram. „Es sieht aus wie ein Ofenloch. Da könnte man anzünden, dann wäre der hässliche Kram weg“, meinte meine Schwester.

Folgsam wie ich manchmal war, holte ich gleich Zünder und zündete hinein. So schnell konnten wir gar nicht schauen, wie das Flammenzünglein um sich griff, und das ganze Loch brannte lichterloh.

Jetzt erkannten wir die Gefahr und liefen – was sonst? – natürlich davon, in den Wald hinein. Da hockten wir und warteten auf die Feuerwehr, und sie kam nicht. Da getrauten wir uns wieder aus unserem Versteck heraus. Plötzlich schrie jemand hinter uns: „Da sind sie, diese nichtsnutzigen Fratzen!“, und riss eine anständige Rute vom Busch ab. Wir waren aber gleich wieder verschwunden.

Langsam wurde es Abend und uns wurde im Wald unheimlich. Da schlichen wir zum Getreidefeld, wo Getreidemandeln standen und krochen da hinein.

Als es schon ganz finster war, hörten wir plötzlich unsere Eltern sprechen. Wir trauten unseren Ohren nicht. Mutter suderte ganz gewaltig mit Vater. Er habe wie ein Stier gebrüllt, und jetzt getrauten sich die Kinder nicht heim. Plötzlich rief der Vater: „Dirndla, kommts heim, i tu euch nix!“ Das befolgten wir aber ganz schnell.

Sonntags nach der Kirche gab es immer eine Süßigkeit. Das gab es diesmal als Strafe nicht.

Informationen zum Artikel:

„Folgsam wie ich manchmal war …“

Verfasst von Herta Techt

Auf MSG publiziert im April 2012

In: Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Süd-/Weststeiermark
  • Zeit: 1930er Jahre

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