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"Meine 'Sturheit' hat sich gelohnt ..."

von Herta Techt

Wir schrieben den Juli 1945, und ich war schon seit Ostern zu Hause. Davor hatte ich die LBA (Lehrerbildungsanstalt) in Marburg an der Drau besucht, das damals zu Großdeutschland gehörte. Man wollte uns ohnehin zu Ostern nicht nach Hause fahren lassen, denn es gab damals noch immer ein paar Verrückte, die an den ,,Endsieg“ glaubten. Unser Direktor war SS-Sturmbannführer und dementsprechend fanatisch, aber die Heimleiterin war eine Frau mit Herz und gesundem Hausverstand, und sie setzte es durch, dass wir das Heim verlassen konnten, allerdings bloß mit einem kleinen Handgepäck. Das hatte zur Folge, dass wir 1945 fast ohne Garderobe dastanden. Warum wir unsere Kleider nicht mitnehmen durften, haben wir bei späteren Diskussionen herausgefunden, nämlich damit die Zivilbevölkerung Marburgs nicht denken sollte: „Aha, die Ratten verlassen schon das Schiff“.

Also, meine Stimmung war gar nicht sehr rosig. Ohne Kleider stand ich da, und wie es mit meiner schulischen Ausbildung weitergehen sollte, war äußerst vage.

Zu Hitlers Zeiten waren Schulen und Heime völlig gratis. Das war nun wohl anders, das leuchtete mir ein. Meine Eltern waren einfache Arbeiterleute, und ich war sehr in Zweifel, ob sie das Geld für den Unterhalt und für die Schule aufbringen würden. Ich lebte in einem kleinen Gebirgsdorf auf 700 Meter Höhe, und der nächste Ort mit einer entsprechenden Schule war 70 Kilometer entfernt. Die einzige, natürlich ziemlich unerschwingliche Alternative waren ein Heim oder ein Zimmer. Also sah ich meine Felle ziemlich dahinschwimmen.

Da fiel mir meine harte Hauptschulzeit ein. Bei der Berufsfindung hatte ich keine Probleme. Meine Elementarlehrerin liebte ich so, das es für mich keinen anderen Beruf gab als diesen. Welche Strapazen damit verbunden waren, wussten wohl meine Eltern, nicht aber ich. Jedenfalls lag ich ihnen vier Jahre lang in den Ohren, mich in die Hauptschule gehen zu lassen, und das obwohl der Ort mit einer Hauptschule sieben Kilometer von meinem Heimatort entfernt war und es keinen Bus gab. Das hieß, ich hatte täglich 14 Kilometer zu Fuß zurückzulegen. Das waren die Bedenken, die meine Eltern hatten. Aber schlussendlich hatte ich mit Hilfe der Lehrer – und meiner Sturheit, muss ich heute fast sagen, denn einfach war es nicht – meinen Willen durchgesetzt.

Ich verließ daher im Winter um 6 Uhr das Haus, da war es noch finster und oft bitter kalt. Niemand war auf der Strasse, nur ab und zu überholte mich mit dem Rad ein Arbeiter. Noch schlimmer war es abends. Wir hatten auch damals schon Platzmangel in der Schule und daher eine Woche vormittags und eine Woche nachmittags Unterricht. Da war es stockfinster, wenn ich die Schule verließ. Etwa zwei Kilometer gingen noch zwei Mitschülerinnen mit mir, aber dann musste ich den Weg allein fortsetzten. Und immer wieder gab es Stellen, wo Kinder sich ängstigten. Besonders in der letzten halben Stunde, wo es ziemlich steil bergauf ging, der Weg an Waldfleckchen vorbeiführte, da schlug mir das Herz oftmals bis zum Hals. Das letzte Stück des Weges führte über eine ziemlich lange Wiese, gesäumt von einem ziemlich tiefen Forst und zuletzt führte er durch ein kleines Waldstück, wo ein paar Felsbrocken lagen, und einer hatte eine Höhle.

Obwohl wir sehr gerne dort spielten, waren diese Brocken im Finstern unheimlich. Mein Vater wusste das und kam mir immer, wenn er abends die Kühe fütterte, dorthin entgegen und rief laut meinen Namen. Dann wusste ich, er war oben und hatte keine Angst. Obwohl ich dieses Zittern überstehen musste, habe ich es nie bereut, dass ich diesen Weg eingeschlagen habe.

Als ich in die dritte Klasse kam, hatten meine Eltern für ein Fahrrad gespart, dann war es schon etwas leichter. Obwohl ich immer noch mein Fahrrad beim Wirt einstellte und dann mit klopfendem Herzen den Weg den Berg hinauf einschlug.

Einmal hatte ich ein Erlebnis, wo mir beinahe das Herz stehen blieb. Gerade als ich den Waldsaum erreichte, sah ich plötzlich vom Graben herauf ein längliches Licht, das sich ruckartig heraufbewegte. Ich lief, was ich konnte, und der komische helle Streifen bewegte sich immerzu bergwärts. Damals ging es mir wie dem Vater im Erlkönig. Ich fiel beinahe bei der Haustüre hinein und weinte bitterlich. Dem Vater machte ich Vorwürfe, weil er gerade heute nicht drüben am Felsen war. Mein Vater erklärte mir, was es war. Man nannte es in der Mundart den „glühenden Schab“, und es war ein biologisches Sumpfgas. Niemals ist mir mehr so etwas begegnet, worüber ich auch froh bin, denn ich glaube, ich hätte auch heute noch Angst.

Das waren so die Erinnerungen, die mir damals hochkamen, und da merkte ich erst, welche Strapaze ich immer ertragen musste. Um 6 Uhr morgens aus dem Haus, um 3 Uhr eingetrudelt, gegessen, dann Aufgaben erledigt, dann war es mittlerweile Abend und es hieß zu Bette gehen. Also zum Spielen gab es wenig Zeit. Da haderte ich wohl ein wenig mit dem Schicksal, wenn nun alle Mühe umsonst gewesen sein sollte.

Aber kommt Zeit, kommt Rat. Auch ohne Medien – wir hatten weder Tageszeitung noch Radio (wir hatten ja keinen Strom) erfuhr ich es wohl über die „Buschtrommel“, dass in Graz in der nächsten Zeit die Einschreibung für die Schüler begonnen hatte. Also ließ ich mich einmal einschreiben, das mit der Finanzierung hing noch in der Luft. Der Bruder meiner Mutter, der mit seiner Familie in Graz lebte, war die Rettung. Die Zeit nach 1945 war sehr schlecht. Die Lebensmittel waren alle rationiert und ziemlich knapp bemessen. Mein Onkel war sehr froh, dass er für seine Familie einen Lebensmittelzuschuss bekam, und nun ein kleiner Teil wurde in Geld erstattet. So wurde mein Aufenthalt sozusagen mit Hamsterware bezahlt.

In der Grazer LBA ging anfangs eine steife Brise. Wir hatten Defizite, hatten wir doch das dritte Jahr nicht fertig gemacht, und auch die Zeit davor war nicht so ertragreich, denn oftmals mussten wir schon am Morgen in den Luftschutzkeller und das dauerte an bis 3 Uhr nachmittags. Marburg wurde oft von Tieffliegern angegriffen, weil über Marburg der Nachschub in den Balkan lief.

Dazu kam dann auch noch, dass wir nur über ganz wenige Schulbücher verfügten, denn alle Bücher zu Hitlers Zeiten hatten einen nationalsozialistischen Touch und waren somit unbrauchbar. So mussten wir alles mitschreiben, und das war sehr anstrengend. Die so entstandenen Skripten waren natürlich nicht sehr formvollendet. Es war meist ein Gemisch von Schreiben und Stenographieren, denn das Stenographieren beherrschten wir nicht so ganz, aber es war doch eine Hilfe. Die zwei Jahre waren bald um, und wir waren fertige Lehrer.

Ich war glücklich! Dazu kam noch, dass in diesem Jahr alle eine Stelle bekamen, man durfte bloß nicht wählerisch sein. Ich bekam eine Stelle in einem Nest in der Oststeiermark, von dem ich vorher noch nichts gehört hatte. Ich war nicht ganz froh darüber, denn ich hatte obendrein kurz zuvor meinen späteren Mann kennengelernt und war bis über beide Ohren verliebt. Nichtsdestotrotz war ich froh, eine Stelle zu haben, und blieb sechs Jahre in dem Ort. Ich hatte nur einen Sohn, und so konnte ich in der Schule bleiben. Ich war 40 Jahre Lehrer, ein glücklicher Lehrer und wie ich meine, auch ein guter Lehrer. Ich war neun Jahre Besuchsschullehrer der PÄDAK und ging als Schulleiter einer elfklassigen Stadtschule in Pension.

Zum Schluss möchte ich nur feststellen: Meine „Sturheit“ hat sich gelohnt und meine Eltern hatten mehr Verständnis für Kinder und ihre Bedürfnisse, als es damals üblich war. Aber auch heute werden Kinder nicht viel gefragt und ihnen zu wenig Hilfestellung gegeben bei ihren Entscheidungen. Die Eltern bestimmen, und das Kind hat zu akzeptieren. Das bringt viele Konflikte mit sich, besonders was die Berufsfindung betrifft.

Informationen zum Artikel:

"Meine 'Sturheit' hat sich gelohnt ..."

Verfasst von Herta Techt

Auf MSG publiziert im März 2012

In: Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre, 1950er Jahre

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