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"Etwa 35 Jahre lang konnte ich die 'Büchereilandschaft' mitgestalten"

von Ilse Sakouschegg

Wenn ich über die Veränderungen in meinem Beruf im Laufe der Jahrzehnte berichten soll, muss ich genau genommen bereits mit meiner Berufswahl beginnen.

In unserer Familie war es bereits seit zwei Generationen üblich, dass die Frauen den Lehrberuf wählten. Dieser erlaube in der heutigen Zeit – so meine Mutter – auch verheirateten Frauen mit Familie, einen Beruf auszuüben. Zur Zeit meiner Großmutter, also um 1900, war der Beruf einer Lehrerin auch einer der wenigen standesgemäßen Berufe einer Frau des Bürgertums. Meist war mit einer Verheiratung damals jedoch das Ausscheiden aus dem Beruf verbunden. Daher bedeutete der Lehrberuf auch gleichzeitig eine Art Absicherung für den Fall, dass man ledig blieb.

So hatten also meine Eltern auch diesen Beruf für mich ins Auge gefasst. Da ich aber in der Karriereleiter ein Stückchen höher klettern sollte als meine weiblichen Vorfahren, sollte ich Gymnasiallehrerin werden. Als gehorsame und einsichtige Tochter gab es dann nur noch die Unterrichtsfächer zu wählen. Germanistik zu studieren riet mir meine Mutter ab, da ich in ihren Augen viel zu wenig Voraussetzungen hatte. Ich hatte nämlich einen modernen Deutschunterricht, in dem die Textanalysen der deutschen Klassiker nicht im Mittelpunkt standen, sondern die sozialen Zusammenhänge. Wir lasen schon damals, in den 50er Jahren, zeitgenössische Autoren.

Jetzt mache ich einen großen Sprung, um zum eigentlichen Thema zu gelangen. Der Zufall wollte es, dass ich nicht den Beruf einer Gymnasiallehrerin ergriff. Ich schloss mein Studium der Geschichte und Anglistik an der Universität Innsbruck mit dem Doktorat ab.

In der Mitte der 60er Jahre war es unter diesen Voraussetzungen auch nicht leicht, eine entsprechende Stelle zu finden. Ich verschickte viele Bewerbungsschreiben an Verlage in Österreich und Deutschland, an Bibliotheken und öffentliche Stellen des Landes, Bundes und der Stadt Innsbruck. Schließlich fand ich im damaligen Volksbildungsreferat für Tirol, einer nachgeordneten Dienststelle des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst, meine erste Anstellung. Als vorübergehende Lösung wurde ich damals vom Österreichischen Büchereiverband in jenem Volksbildungsreferat angestellt.

Meine erste Tätigkeit bestand darin, eine Bestandsaufnahme aller öffentlichen Büchereien in Tirol zu machen. Ich besuchte fast alle öffentlichen Büchereien des Landes. Von denen gab es damals etwa hundertfünfzig, die von mir mit öffentlichen Verkehrsmitteln besucht wurden. In einem Gebirgsland wie Tirol waren die Büchereien teilweise in den entlegensten Tälern „versteckt“, geführt von den Gemeinden oder Pfarren. Erst etwa zehn Jahre später ging man daran, die Ressourcen zusammenzulegen und Büchereien kombinierter Trägerschaft zu schaffen.

Was ich damals bei den ersten Besuchen erlebte, beeindruckte mich sehr: Die Bücher waren meist in hellbraunem oder blauem Packpapier eingebunden, sahen daher äußerlich alle gleich aus bis auf die Zahlen, die am Umschlag angebracht waren. Damals legte man noch keinen Wert auf einen ansprechenden Umschlag mit buntem Bild, der zum Lesen verlocken sollte.

Jeder, der sich zur Führung einer Bücherei berufen fühlte, konnte dies tun, gleichgültig ob Pfarrhaushälterin oder Lehrer oder Gemeindebediensteter. Geforderte Voraussetzungen gab es nicht. Häufig verrichteten die Pfarrhaushälterinnen mit viel Fleiß und Engagement das „Einarbeiten“ des Buches, das heißt, alle Arbeitsvorgänge bis ein Buch ausleihreif war. Auch die Ausleihe lag bei denselben Personen, doch die Buchauswahl blieb im Falle einer Pfarrbücherei meist dem Pfarrer vorbehalten. „Dös Buach hat der Pfarrer ausgesucht“, hörte ich oft. Man bedenke, dass es damals noch den Index der katholischen Kirche gab. Man möge aber daraus nicht den Schluss ziehen, dass die Pfarrer bei ihrer Buchauswahl kleinlich waren; oft waren es die Mitarbeiterinnen.

Wenn ich bei so manchem Besuch in den Büchereien nach Buchtiteln gefragt wurde, musste ich zugeben, dass ich sie oft gar nicht kannte. Die Bücher, die in den Büchereien gelesen wurden, hatten in meinem Studium an der Universität keinen Platz. Ich musste mich also erst mit den oft gelesenen Büchern vertraut machen. Ich bewunderte den Fleiß und die Ausdauer der vielen Büchereimitarbeiter/innen, die meist wenig bedankt ihre Arbeit in aller Stille erledigten.

Als ich nach fast zwei Jahren noch immer nicht meine versprochene Stelle als Akademikerin des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst erhalten hatte, wechselte ich meine Stelle.

Mehr als vier Jahre war ich als Hochschulassistentin im Institut für Rechts- und Sozial- und Wirtschaftgeschichte tätig. Trotz der viel besseren Bezahlung zog es mich aber wieder zu den öffentlichen Büchereien und den Mitarbeitern, deren Vertrauen ich in der kurzen Zeit meiner vorherigen Tätigkeit gewonnen hatte.

Wieder spielte der Zufall eine lebensverändernde Rolle. Das Volksbildungsreferat, das sich seit 1971 Förderungsstelle für Erwachsenenbildung nannte, hatte einen neuen Leiter bekommen und suchte für die Leitung der Büchereistelle eine Karenzvertretung für drei Jahre. Wer eignete sich besser dafür als ich, die bereits vorher dieselbe Arbeit in bescheidenerem Umfang gemacht hatte? Ich erhielt die Stelle und wurde jetzt ohne Schwierigkeiten als Akademikerin vom Bundesministerium eingestuft. Inzwischen schrieb man Mai 1972. Viele Veränderungen hatte es gegeben: Die Dienststelle war um einige Dienstposten erweitert worden, ein Dienstauto stand zur Verfügung und die Übersiedlung hatte eine räumliche Erweiterung zur Folge.

Erst jetzt begann der Ausbau der öffentlichen Büchereien zu modernen Einrichtungen der Erwachsenenbildung. In den 70er Jahren blühte die Wirtschaft, eine Tatsache, die sich auch auf die öffentlichen Stellen auswirkte.

Die Wanderbücherei, die später besser unter dem Namen Ergänzungsbücherei geführt wurde, war Teil der Dienststelle. Diese wurde von anfänglich 5000 Bänden in den 60er Jahren auf 10.000 in den 70er Jahren und schließlich 30.000 in den 90er Jahren aufgestockt. Diese Ergänzungsbücherei war für die kleinen und mittleren Büchereien eine große Hilfe, den eigenen Buchbestand zu vergrößern, indem sie Bücher leihweise erhielten. Diese Bücher wurden „ausleihreif“ mit unserem Dienstauto in die entlegensten Büchereien geliefert.

Von großer Tragweite war der Büchereiplan für Tirol, der 1976/77 von unserer Dienststelle in Zusammenarbeit mit dem Land Tirol, dem Ministerium, dem Büchereiverband und der Diözesanen Büchereistelle und Vertretern der Büchereien und deren Träger erstellt wurde.

Es wurden viele Büchereien neu gegründet oder weitgehend reorganisiert, Pfarr- und Gemeindebüchereien wurden zusammengelegt, um in einem kleinen Ort effektiv zu arbeiten. Die räumliche Ausstattung in größeren Orten wurde verbessert. Das bedeutete oft das Ende von Kleinstbüchereien, die in Abstellräumen ihr Dasein fristeten.

Die Ausbildung der Büchereimitarbeiter wurde geregelt. Entsprechende Skripten wurden erarbeitet und Kurse wurden im ganzen Land und zentral in einem Haus der Erwachsenenbildung angeboten. Auch eine Prüfungsordnung für alle Mitarbeiter in ganz Österreich wurde entworfen.

Neu war es auch, dass Büchereimitarbeiter mit den Grundsätzen der Werbung und Öffentlichkeitsarbeit vertraut gemacht wurden. Bis dahin hatte man Hemmungen, für etwas so Kostbares und Erhabenes wie es ein Buch ist, Werbung zu machen. Büchereien seien doch keine Geschäfte, in denen man Waren anbiete, argumentierten viele Büchereimitarbeiter.

In den 80er Jahren zählte Tirol schon mehr als zweihundert Büchereien. Dazu kamen noch Schul- und Sonderbüchereien wie in Krankenhäusern oder Altenheimen. In dem neuen Jahrzehnt wurden erstmalig Spiele, Schallplatten, Hörkassetten und Compactdiscs angeboten. Man sprach zum ersten Mal von Mediatheken, einem Begriff, der sich nicht wirklich durchsetzte.

Mit den besseren Bedingungen und der Ausbildung der Büchereimitarbeiter stieg ihr Selbstwertgefühl. Sie sahen sich in zunehmendem Maße als Erwachsenenbildner. Die Büchereien boten jetzt auch eigene Veranstaltungen an. Diese reichten von Zeichenwettbewerben für Kinder bis zu Literaturkreisen und Diskussionsrunden.

Jetzt war die Zeit gekommen, in der die elektronische Erfassung der Medien und der Ausleihe begann. Es war ein langer Weg, bis ein entsprechendes Programm, das für alle Büchereien jeglicher Größenordnung entwickelt war und Zustimmung fand. Wieder waren es die kleinen Büchereien, von denen der Impuls ausging, hatten sie doch manches Mal einen ausrangierten Computer zu Verfügung gestellt bekommen. Bei allen Tagungen und Treffen der Büchereistellenleiter war die Umstellung auf EDV Thema Nummer eins. Fast schien es, als ob andere Probleme wie zum Beispiel die Literaturvermittlung nicht mehr interessant waren.

Als ich in der Mitte des Jahres 2001 in Pension ging, war die Umstellung auf EDV fast abgeschlossen. Bald traten neue Probleme auf: Die Sparmaßnahmen des Bundes brachten eine Auflösung der Förderungsstellen samt den Ergänzungsbüchereien. Es erfolgte eine Umstrukturierung. Was in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zaghaft seinen Anfang genommen hatte, in den letzten Jahrzehnten eben dieses Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreicht hatte, hatte zu Beginn des neuen Jahrtausends sein Ende.

Etwa 35 Jahre lang konnte ich die „Büchereilandschaft“ mitgestalten. Ich habe es erlebt, wie so manche Bücherei ihr Schattendasein überwunden hat, zu einer großen und gemütlichen Bibliothek wurde, in der geschulte Mitarbeiter mit viel Freude zum Wohl der Bevölkerung und der Gäste arbeiteten.

Informationen zum Artikel:

"Etwa 35 Jahre lang konnte ich die 'Büchereilandschaft' mitgestalten"

Verfasst von Ilse Sakouschegg

Auf MSG publiziert im März 2012

In: Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Tirol
  • Zeit: 1960er Jahre, 1970er Jahre, 1980er Jahre, 1990er Jahre

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