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Arbeit macht das Leben lebenswert

von Erika Schöffauer

Es beginnt mit dem ersten Schrei, mit dem Willen, ins Leben zu treten, zu atmen, zu saugen, zu schreien. Alles, was so ein kleines Wesen im Laufe seines beginnenden Lebens macht, ist Arbeit. Die Schule, das Lernen, das Leben, manchmal auch schon früh die körperliche Arbeit.

Bei mir begann diese Zeit schon sehr früh. Nach einer schönen Kinderzeit im Familienverband, bedingt durch die Scheidung der Eltern und die Wirtschaftskrise in den Zwanzigerjahren, kamen mein Bruder und ich auf einen Bauernhof zu Verwandten.

Da begann für mich das Leben. Ich war nicht mehr eingebettet in meine Familie und hatte neben dem Schulbesuch Arbeiten in Haus und Hof zu verrichten. Meine Mutter verrichtete verschiedene Arbeiten auf den Bauernhöfen, so verdiente sie ein wenig Geld und hatte Kost und ein Bett zum Schlafen.

Frau mit zwei kleinen Kindern in einer garten-/hofähnlichen Umgebung
Am Arbeitsplatz der Mutter, einer Pension in Döbriach, Kärnten (1933)

Eines Tages, im Frühsommer 1933, machte sie sich mit mir auf den Weg, um Arbeit zu finden. Wir gingen zu Fuß vom Gegendtal entlang des Millstättersees bis nach Spittal an der Drau, das waren ungefähr 27 Kilometer. Wir fragten bei jedem Gasthaus und in Pensionen, ob vielleicht eine Stelle für die Sommersaison frei wäre, aber leider hatten wir kein Glück. Erst auf dem Rückweg am nächsten Tag bekam meine Mutter in Döbriach in einer Pension eine Stelle als Stubenmädchen. Meine Mutter war glücklich und ich mit ihr.

So lernte ich schon als Kind den Wert von Arbeit kennen; wie lebensnotwendig Arbeit ist, war mir schon im Alter von neun Jahren bewusst.

Die Zeit verging, meine Mutter bekam Arbeit in einem Haushalt mit insgesamt neun Personen, sie arbeitete von früh bis spät, aber sie beklagte sich nie darüber. Es ging ihr und mir gut, wir hatten zu essen und ein Dach über dem Kopf.

Dann kam das Jahr 1938. Mein letztes Schuljahr und das Jahr, in dem viele meinten, das goldene Zeitalter würde kommen. Es ging wieder um Arbeit. Bei mir stand die Berufswahl bevor. Meine Mutter wollte, dass ich Friseurin werde, aber das war ganz und gar nicht, was ich wollte.

Um weiter eine Schule zu besuchen, hatten wir kein Geld, und so wurde ich Kindermädchen. Nach einem Jahr ermöglichte mir mein Vater den Besuch der Handelsschule, und ich war sehr glücklich. Nach Abschluss dieser Schule hätte ich gleich eine Büroarbeit bekommen, und zwar im Magnesitwerk in Radenthein, aber dazu brauchte ich eine „Arbeitsbewilligung“ vom Arbeitsamt, weil ich vorher in der Landwirtschaft gearbeitet hatte.  Nun kam mir der Umstand zu Hilfe, dass ich als Kindermädchen gearbeitet hatte, was mir nach langem Hin- und Her als „Pflichtjahr“ angerechnet wurde.

Bald gab es Krieg. War auch das Kämpfen und Töten Arbeit? Wer nicht „arbeiten“ wollte, wurde dazu auf brutale Art gezwungen. Das war Zwangsarbeit im Arbeitslager.

Nach fünfeinhalb Jahren Krieg, Hunger, Elend, Verwüstung, Arbeit unter schwierigsten Umständen gab es eine neue Facette von „Arbeit“, die Aufräumungsarbeit, das Wiederaufbauen, das Wegräumen von Schutt und Asche, das Gründen einer Familie.

Das begann für mich wieder mit Arbeit. Abgesehen vom Haushalt und der Arbeit im Beruf entschlossen wir uns, ein Haus zu bauen. Das war wieder eine neue Art von Arbeit: Bombenschutt aufräumen und die brauchbaren Ziegel reinigen; weil es kaum Bezugscheine für Baumaterial gab, griffen viele Menschen zur Selbsthilfe, so auch mein Mann und ich.

Während meiner fast vierzigjährigen Tätigkeit in der Arbeitsmarktverwaltung war ich damit beschäftigt, vielen Menschen Arbeit zu vermitteln, sie zu beraten, ihnen zu helfen. Nach meinem 63. Lebensjahr ging ich in Pension. Ich arbeite immer noch gerne und hoffe, es noch lange tun zu können.

Informationen zum Artikel:

Arbeit macht das Leben lebenswert

Verfasst von Erika Schöffauer

Auf MSG publiziert im März 2012

In: Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Kärnten, Oberkärnten, Gegendtal, Radenthein, Döbriach, Spittal/Drau / Kärnten, Klagenfurt
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

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