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Der Titan

von Helmut A. Wagner

Wir sprechen hier nicht von griechischen Göttern, einer zarten Frau oder einem chemischen Element. Es ist die Rede von einem Motorrad der längst vergessenen Marke Titan, Baujahr 1933, das im Leben von Dr. Zorres eine gewisse Rolle spielte.

In den Wirren der letzten Kriegstage war sämtliches Hab und Gut und natürlich auch Auto und Motorrad von Dr. Zorres vernichtet worden oder verschwunden, und so musste er in seinem großen Betreuungsbereich zuerst zu Fuß, später mit einem alten geschenkten Fahrrad seine Patienten besuchen.

Als eines Tages die Kunde von einem uralten Motorrad, das in einer Scheune dahinrostete, an Dr. Zorres herangetragen wurde, war er Feuer und Flamme, und zu einem für damalige Verhältnisse unverschämten Preis ging das Wrack in seinen Besitz über. Es war nicht leicht, das mit unzähligen Ketten betriebene Ungetüm – es wog 500 kg – mit Hilfe von Freunden fahrtauglich zu machen, denn im Laufe der Jahre war wohl auch der eine oder andere wichtige Bestandteil abhanden gekommen.

Umso größer war der Jubel, als der Motor zum ersten Mal einige donnernde Laute von sich gab und schließlich – eigentlich hielt es niemand für möglich – tatsächlich seine unregelmäßige und mit zahlreichen Fehlzündungen angereicherte Funktion aufnahm.

Das Getöse war gigantisch, und die russische Besatzungsmacht in der nahegelegenen Kaserne musste ob der Fehlzündungen erst überzeugt werden, dass ein Motor und keine kapitalistische Konterrevolution die Ursache der Knallerei war. Als Dr. Zorres schließlich mit riesigem Gekrache des Getriebes den ersten Gang hineinschob, und die Titan einen Sprung ins neue Dasein tat, war die Freude grenzenlos. Es blieb zwar bei dem einen Gang und einer Höchstgeschwindigkeit von ca. 25 km/h, aber was spielte in der damaligen Zeit Geschwindigkeit für eine Rolle.

Die Titan hatte keine Beleuchtung und keine Hupe, aber Dr. Zorres vertraute seinen guten Augen, und was die Hupe betrifft, auf seine Stimme. Problematisch blieb der Start der Maschine, und so sammelten sich im Hof vor der Abfahrt zu den Patienten tagtäglich einige technisch vorgebildete Freunde und im Laufe der Zeit eine immer größer werdende Schar von Schaulustigen. Zuerst wurde die Maschine in der Mitte des Hofes aufgestellt, dann wurden verschiedene Schrauben gelockert, andere angezogen, in diverse Öffnungen wurde Benzin geschüttet und in andere wieder Fetzen gesteckt.

Die zahlreichen Ketten, welche für die Übertragung der Antriebskraft sorgten, waren besondere Sorgenkinder, da einige in Ermangelung von Ersatz teilen sehr roh mit Draht geflickt worden waren und daher immer wieder von den ihnen zugedachten Zahnrädern sprangen.

Schließlich trat dann Dr. Zorres – zumeist mit Applaus des Publikums bedacht – an die Maschine. Er hatte ja den wichtigsten Part, er sollte sich nämlich mit einem Sprung in den Sattel der Maschine schwingen, sobald der Motor ein Lebenszeichen von sich gab. Sein Aussehen war den Umständen entsprechend. Fliegerhaube aus Leder, Fliegerbrillen, dicker Ledermantel und auch im Sommer dicke Filzstiefel, wobei letztere vor allem gegen abspringende Ketten Schutz bieten sollten. Im Rucksack lagen neben der Geburtszange und diversen medizinischen Instrumenten Draht, Zahnräder, Ketten und Werkzeuge, um den regelmäßig auftretenden Betriebsstörungen der Titan auch unterwegs Herr zu werden.

Das Getriebe um die Maschine glich dann den Vorbereitungen, wie wir sie heute vom Start einer Raumfähre kennen. Kommandos wurden erteilt, verschiedene Leute bedienten diverse Hebel, Instrumente und Leitungen, einer betätigte laufend den Kickstarter, während Dr. Zorres zum Sprung auf die Maschine bereitstand.

Es konnte schon eine halbe Stunde dauern, bis der Motor die ersten stotternden Laute von sich gab, und nicht selten raste die Maschine mit einsetzendem Motor und einem noch nicht richtig im Sattel fixierten Dr. Zorres rückwärts davon und kam erst krachend an einer Mauer zum Stillstand. „Falsch eingestelltes Schwungrad.“, sagten die Experten.

War es aber dann soweit, und die Maschine begann die Vorwärtsfahrt, war der Jubel der Zuschauer groß, und wenn sich das Getöse des Motors und das Gebrüll von Dr. Zorres, der Mensch und Tier in Ermangelung einer Hupe mit lautem Geschrei aus seiner Spur verscheuchen musste, in der Ferne verlor, wussten die Zurückgebliebenen: Dr. Zorres war wieder auf dem Weg zu neuen Abenteuern.

Informationen zum Artikel:

Der Titan

Verfasst von Helmut A. Wagner

Auf MSG publiziert im Jänner 2012

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Burgenland
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

"Zur Erinnerung an einen Arzt, der unter schwierigsten Verhältnissen und schwersten Bedingungen seinem Beruf nachging und für den trotz seiner rauen Schale das Wohl des Patienten immer im Vordergrund stand."

Der Beitrag wie auch diese Anmerkung des Autors ist dem im Poss Verlag erschienenen Erinnerungsbuch "Dr. Zorres schlägt zu!" von Helmut A. Wagner, entnommen.

© Dkfm. Helmut A. Wagner

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