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Der Pracker

von Helmut A. Wagner

Dr. Zorres’ Söhne waren schlimm, und es war wohl nur der Jugend des Elternpaares zuzuschreiben, dass dieses die diversen Streiche ohne größere psychische Schäden überstand. Besonders der Jüngere der beiden Buben kam, wie die Mutter zu sagen pflegte, aus des Teufels ureigener Küche, und dass er überhaupt überlebte und nur einige Narben mit ins spätere Leben nahm, ist erstaunlich und wohl nur den zwölf Schweinchen zuzuschreiben, die zur gleichen Stunde wie der jüngste Sohn im Haus geboren worden waren.

Der Sprung aus dem ersten Stock mit einem Regenschirm war dabei noch relativ harmlos. Schlimmer war es schon, als der Knirps – er war eben durch das Eis in einen reißenden Fluss gefallen und hatte sich nur mit Mühe ans Ufer retten können – zur Beschleunigung seiner Aufwärmversuche vor dem Küchenherd Spiritus in die Holzglut goss, wobei nicht nur die Spiritusflasche sondern auch der Herd explodierte, und somit das Küchenmobiliar inklusive aller Fenster und Türen erneuerungsbedürftig wurden. Augenbrauen und Kopfhaar waren zwar der Explosion zum Opfer gefallen, dies reichte aber nicht, um Schutz vor einer ordentlichen Tracht Prügel mit dem Pracker zu bieten, die Dr. Zorres verabreichte.

Dieser Teppichklopfer, kurz Pracker genannt, hatte überhaupt eine wichtige ordnungspolitische Funktion im Hause Dr. Zorres’ und stand jederzeit zur Züchtigung bereit. Er sorgte nach Klagen der Nachbarn über schwere Sachbeschädigungen oder nach Verarztung von blutigen Köpfen, deren Verursacher seine Söhne waren, stets für den entsprechenden Ausgleich. Der Pracker gehörte übrigens auch zur Standardausrüstung am Esstisch und war wie Geschirr und Besteck ein wichtiges Zubehör bei jeder Mahlzeit. Er stand immer griffbereit rechts neben dem Stuhl von Dr. Zorres, der damit das unvermeidliche Geplänkel der beiden Buben, das immer wieder in wilde Raufereien ausartete, zu unterdrücken suchte. Gezielte Hiebe mit dem Pracker schufen aber stets nur kurzfristige Ruhepausen, und vor allem unter dem Tisch ging der Kampf mit Fußtritten und Magenhieben munter weiter.

Als nun wieder einmal der Tisch durch die Tritte auf das Schienbein, die das Schienbein des Gegners verfehlt hatten, wie bei einem Erdbeben ins Schwanken geriet, und das Geschirr am Boden zu zerschellen drohte, blies Dr. Zorres zum Angriff.

Blitzschnell griff er zum Pracker, um mit einem wuchtigen Hieb die beiden Buben, die sich inzwischen im Clinch an den Haaren rissen, zu beruhigen. Aber, durch den ständigen Kampf gestählt, war auch die Reaktionszeit der beiden auf Null gesunken, und als der Pracker auf das vermeintliche Ziel herniedersauste, waren beide bereits in voller Deckung unter dem Tisch. Der Pracker traf so mit voller Wucht statt der Köpfe die von der Großmutter geerbte Suppenterrine.

Informationen zum Artikel:

Der Pracker

Verfasst von Helmut A. Wagner

Auf MSG publiziert im Jänner 2012

In: Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Burgenland
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

"Zur Erinnerung an einen Arzt, der unter schwierigsten Verhältnissen und schwersten Bedingungen seinem Beruf nachging und für den trotz seiner rauen Schale das Wohl des Patienten immer im Vordergrund stand."

Der Beitrag wie auch diese Anmerkung des Autors ist dem im Poss Verlag erschienenen Erinnerungsbuch "Dr. Zorres schlägt zu!" von Helmut A. Wagner, entnommen.

© Dkfm. Helmut A. Wagner

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