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Die Sechzigerjahre

von Stefanie Roßmanith

Ich wurde 1951 geboren. Die Wirtschaftswunderjahre schlossen sozusagen an zerbombte Häuser, abgebrochene Schulausbildungen, Angst und Schwarzmarktambiente an. „Unsere Kinder sollen es besser haben als wir“, hieß es, und mit viel Mühe und Ausdauer wurde an dieses Projekt herangegangen. Disziplin und Strenge zeichneten die Erziehung von damals aus. In dieser sogenannten „guten Kinderstube“ lief alles nach vorgegebenen Mustern ab. Es gab wenig Spielräume. Man siebte durch viele Siebe der gesellschaftlichen und konfessionell ausgerichteten Normen. Es war wichtiger, dem Urteil der Nachbarn zu entsprechen als auf die wahren Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen einzugehen.

Zudem nahm man uns „Grünschnäbel“ in der Erwachsenenwelt nicht ernst. Wenn meine Eltern etwas Wichtiges zu besprechen hatten, wurden wir Kinder vors Haus geschickt, oder es wurde damit gewartet, bis wir schliefen. Wir waren zum einen durch diese Vorgehensweise geschützt, zum anderen nur sehr mangelhaft auf die Sorgen des Lebens vorbereitet. Für Essen, Kleidung und Schulausbildung wurde bei mir zu Hause gut gesorgt und in allen Belangen durfte ich Kind sein. Der Vater als Familien-Erhalter traf die Entscheidungen, und wenn sich zwischen dem Ernährer und den Kindern Konflikte abzeichneten, der Vater uns lautstark die Leviten las, hielt es die Mutter meist mit dem Struwwelpeter: „Und die Mutter blicket stumm um den ganzen Tisch herum“. Nachdem der Vater uns „die Wadln vieri g’richtet“ hatte, trocknete die fürsorgliche Mutter unsere Tränen. War uns Zuversicht und Hoffnung zugleich.

„Die Bettdecke zieht alles gleich“, tuschelten die Mütter, wenn sie so dann und wann bei Tee und Kranzkuchen beisammensaßen und über ihre verschlüsselten Botschaften kicherten. „Sich nach der Decke strecken“, meinten sie auch. „Man kann beim Ruh’n auch etwas tun!“, hieß es da, und nicht selten klimperten dabei die Stricknadeln. Dieser Satz war wohl ein Dauerbrenner, der auch mir ständig unter die Nase gerieben wurde. „Übung macht den Meister!“ Schon im Alter von fünf Jahren konnte ich stricken. Mit acht entstand mein erster Pullover und im Alter von vierzig war ich wohl am Gipfel meiner Woll-Karriere angelangt, denn da blickte ich bereits auf Hunderte an Designerstücken zurück. Meine Halswirbel begannen zu protestieren und meinten: „Jeder ist seines Glückes Schmied!“

„Spare in der Zeit, dann hast du in der Not!“ Bei uns knarrte die Sparmühle. Wenngleich mein Vater sehr stolz darauf war, dass er seinen Kindern eine Eigentumswohnung bieten konnte und wir einmal im Jahr nach Lignano auf Urlaub fahren durften, so wurde der VW-Käfer nur für Verwandtenbesuche nach Ilz und Graz aus seiner Garage geholt, die Kleider, welche die Mutter selbst nähte, jedes Jahr in der Länge und Breite herausgelassen, die Löcher in Socken und Bettwäsche geflickt, und die Butter auf das Brot musste so aufgestrichen werden, dass bloß die Poren verschmiert waren! Ganz abgesehen davon, dass Beeren gesammelt, Marmelade selbst eingekocht, Gemüse eingerext, Kuchen mit dem Handrührbesen hergestellt wurden. Erst nach und nach hielten jene technischen Geräte Einzug, welche die Hausarbeit erleichterten. Die Mütter waren ja, dem damaligen Rollenverständnis gemäß, zu Hause.

Mädchen häkelnd am Fenster sitzend

Dieses Kinder-Kirche-Küche-Modell hat auch mein Heranwachsen sehr stark geprägt. Und ich konnte mir nicht vorstellen, es einmal anders machen zu wollen. Obwohl: Ich schloss mich im Badezimmer ein und heulte so lange „Rotz und Wasser“, bis meine Eltern zustimmten, dass ich das Gymnasium besuchen durfte – wo ich doch in der Volksschule die Klassenbeste gewesen war. Auch wenn sie nach wie vor der Meinung waren, dass sich für ein Mädchen ein Studium nicht lohnte. Wie schmerzlich war für mich der Tag, an dem mir mein Vater eröffnete, dass ich nach der Unterstufe die Mittelschule verlassen müsse. Da halfen meine Tränen allerdings nichts, denn Kinder hatten zu spuren. Mein Vater entschied: Du wirst Lehrerin. Dein jüngerer Bruder wird studieren, denn der muss einmal eine Familie erhalten! „Der Klügere gibt nach und der Esel fällt in den Bach?“ Oder umgekehrt?

Aus uns sollte schließlich und endlich etwas werden und der „gute Ton“ war gefragt. Wie kultivierte Menschen sollten wir uns eben benehmen. Und unter dem Motto: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!“ hieß es für uns schon von Kindesbeinen an, sich in jeder Lebenslage korrekt zu verhalten. „Das tut man“ und „Das tut man nicht“ lautete der alles überspannende Erziehungsbogen. „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!“ und „Zuerst die Arbeit, dann das Spiel!“ hieß es da auch. Mehr brauchten die Eltern generell nicht zu sagen, denn man hatte gelernt, mit dieser Sprüche-Erziehung zu leben. Wenn ich vergleiche, mit welch wenigen Worten die Erziehung von Einst auskam, im Gegensatz zu heute, wo es mit den Kindern und Jugendlichen stundenlang zu debattieren oder diskutieren gilt, frage ich mich: Wäre da wohl ein Mittelweg richtig? Wie immer darauf die Antwort aussähe, sie ist unbedeutend. Denn Gestern war gestern. Und Heute ist heute. Und wie uns die Erfahrung lehrt, ist ein gewisser Zeittrend nicht aufzuhalten. Die Normen und Ansprüche verändern sich nun einmal.

Wir waren einem sehr engen Konzept unterworfen. Sehr oft flüchtete ich mich jedoch in meine Buchwelten. Und gemeinsam mit Pippilotta-Viktualia-Rollgardina-Pfefferminza-Efraimstochter-Langstrumpf erlebte ich weite Prärien innerer Freiheit. Und in der Pubertät tauchte ich im Roman „Vom Winde verweht“ in die Liebe ein. Auch in die Beziehung zur Scholle, zur Heimaterde. Alles sehr hehre Dogmen der damaligen Zeit. „Fix und Foxi“ als auch Bravo-Hefte musste ich heimlich lesen. Ganz verschämt steckte mir meine Mutter auch eines Tages ein Aufklärungsbuch zu. Ich sollte es lesen, jedoch aufpassen, dass mein um drei Jahre jüngerer Bruder davon nichts mitbekäme. Weniger begeistert schienen meine Eltern jedoch zu sein, als sie schriftlich die Erlaubnis abgeben mussten, dass ich am Aufklärungsunterricht in der Schule teilnehmen dürfe.

Als Teenager bekam ein Knigge-Buch geschenkt und sollte einen Tanzkurs absolvieren, denn auch das gehöre sich so. Ganz feierlich wurde ich von meinen Eltern in das Ballgeschehen eingeführt – bodenlanges Abendkleid, Silberschuhe, Silbertäschchen, bis zu den Ellenbogen reichende Silberhandschuhe – „Chat-Noir“ war ebenfalls ein Muss, auch der mit einem feinen Pinsel aufgetragene Lidstrich und die mit einem elektrischen Lockenstab gewellten Haare. Wenn mich einer meiner Freunde, die ich von der katholischen Jugendgruppe her kannte, von zu Hause abholte, bekam er von meinem Vater den Auftrag, mich spätestens um zehn Uhr wieder zu Hause abzuliefern. Das galt solange ich unter seinem Dach wohnte, da war ich schon als Lehrerin tätig.

„Nix cultura!“, meinte mein Vater immer wieder – so, als ob er nix Deitsch, dafür Latein könne, der Bauernbub, der zum Postenkommandanten der Gendarmerie mutierte –, wenn sich jemand daneben benahm. Das heißt, wenn einer das Gespräch unterbrach, seine Frau nicht auf der richtigen Seite gehen ließ, schlampig gekleidet etc. war. Und für unkulturell empfand er natürlich auch die Songs der Beatles. Negermusik! Und unkultiviert das Aussehen dieser „Pilzköpfe“. Oh wie schrecklich! Diese langen Haare! Da wurde regelmäßig von ihm eigenhändig der Radioapparat ausgeschaltet. Sonntag für Sonntag hörten wir dafür Blasmusik und „Rote Lippen soll man küssen“ und dergleichen mehr, wenn wieder „heile Familie“ angesagt war, und wir uns um den Mittagstisch versammelten, bei Frittatensuppe, Schweinsbraten und Knödel. Wenn sich die Eltern eine Flasche Bier teilten, und wir Kinder mit Begeisterung über den Schokoladenpudding herfielen. Auch wenn im Alltag genau kalkuliert wurde, der Sonntag wurde zelebriert. Den Nachmittagsspaziergang mit eingeschlossen, wo man seine Sonntagskleider trug. Und wenn Gäste zu Besuch waren, demonstrierten die Eltern ebenfalls, wie gut es einem ging: Rotwein, Panama-Torte, Eierlikör, Zwiebelmustergeschirr, geschliffene Bleikristallgläser, Silberbesteck, Damast-Tischtuch.

Ich hatte miterlebt, wie meine Großeltern das Wasser vom Brunnen hereinholen mussten, wie man sich in der Lavoir wusch, wie der Strom im Häuschen eingeleitet und der Radio mit großer Freude begrüßt, die Petroleumlampe verabschiedet wurde. Wie ich anstelle von Feder und Tinte eine Füllfeder bekam, der Kugelschreiber sich bald darauf hinzugesellte. Ich sträubte mich anfangs zu telefonieren, weil mir diese neue Art der Kommunikation suspekt war. Ich hasste den Fernsehapparat, nachdem dieser im Wohnzimmer Aufstellung fand – da, wo ich schlief und mir somit mein einziger Rückzugsplatz genommen wurde.

Hosen für Mädchen waren in den Sechzigern verpönt, denn diese galten als unkeusch. Dafür kleideten wir uns in Superminis und Maximäntel. Und holten auf diese Weise auch etwas von der 68er-Revolution in unsere Kleinstadt. Die Pille hatte auch bei uns Einzug gehalten, wurde jedoch generell von den Ärzten erst nach dem ersten Kind verschrieben. Viele von uns lebten längere Zeit Enthaltsamkeit, jedoch nicht bis zur letzten Konsequenz. Auch ich wurde schwanger und mein Vater begann sofort die Hochzeit zu arrangieren, denn seine Tochter sollte nicht „in Schande leben“. Ich selbst war in vielen Belangen recht angepasst. Es wäre mir allerdings nie eingefallen, meinen Ehemann zu fragen, ob ich als Lehrerin arbeiten dürfe. Dieses Gesetz wurde auch wenige Jahre später abgeschafft.

Die Väter durften bei der Geburt ihrer Kinder nicht dabei sein, immer öfter sah man sie jedoch, wenn sie einen Kinderwagen vor sich herschoben. Das hätte in meiner Kindheit als unmännlich gegolten. Der Zeitgeist war also doch ein neuer geworden. Im Rahmen dessen, was der Mensch generell selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur.

Heute, kurz nach meinem sechzigsten Geburtstag, befinde ich mich in einer Epoche, in einem Taumel an höher, schneller, mehr. War einem erfüllten Leben ein überfülltes gefolgt? Zollen wir nun einer Wegwerfgesellschaft Tribut? Werden wir in Kürze unsere Gürtel enger schnallen müssen? Heißt künftig die Devise: Rückkehr zur Bescheidenheit?

Und was meinte einst ein Immanuel Kant? – „Wir sind im hohen Grade durch Kunst und Wissenschaft cultiviert. Wir sind civilisiert bis zum Überlästigen, zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit. Aber uns für moralisiert zu halten, daran fehlt noch sehr viel.“

Haben diese Worte an Aktualität verloren? Was meinen Sie?

Informationen zum Artikel:

Die Sechzigerjahre

Verfasst von Stefanie Roßmanith

Auf MSG publiziert im November 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Obersteiermark-Ost, Kindberg
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

Anmerkungen

Dieser Text wurde beim Lesenachmittag unter dem Motto "Generationen und Jugendkulturen" am 10. November 2011 im Wien Museum Karlsplatz vorgetragen.

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