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Christkindls Rache

von Gertraud Siedler

Ich gebe es ja zu – ich war und bin nicht immer pflegeleicht…

Als Kind war ich es schon sehr früh gewohnt, mich nach Leibeskräften zu wehren und meine Rechte einzufordern. Kein Wunder – war ich (Jahrgang 1976) doch das jüngste von vier Kindern… und noch dazu eine Nachzüglerin. Zwischen meinem jüngsten Bruder und mir lagen immerhin zehn Jahre.

Um nicht ständig von den Älteren unterdrückt oder gar übersehen zu werden, wartete ich im Zweifelsfall nie lange zu, bis ich zumindest losplärrte. Obwohl das Ganze von meiner Familie sehr oft nur als Zwergenaufstand eingestuft wurde, handelte ich mir im Laufe der Zeit doch einen innerfamiliär etwas zweifelhaften Ruf ein…

Zu besonderen Anlässen bemühte ich mich natürlich redlich, sämtliche unvorteilhaften Eigenschaften abzustreifen oder wenigstens zu zügeln. So ein besonderer Termin war zweifelsohne die Weihnachtszeit.

Obwohl es mir beileibe nicht immer gelang, ganze vier Adventwochen lang still, geduldig und vor allem brav zu bleiben, wurde ich vom Christkind doch stets großzügig bedacht. Daraus schloss ich also, dass ich entweder doch nicht so schlimm war, wie immer behauptet wurde, oder dass das Christkind schlicht und einfach gar nicht alle Frechheiten mitbekam, die ich mir bisweilen so leistete…

Doch als ich mich eines Tages – es war bereits in der Zeit nach den Weihnachtsferien und ich besuchte die 2. Klasse Volksschule – vor Zorn kaum noch halten konnte und mir in der Hitze des Gefechtes das Christkind von mir aus gleich zweimal den Buckel runter rutschen hätte können, wurde ich eines Besseren belehrt:

Ich hatte also gerade ein etwas heftiges Wortgefecht mit meiner Mama hinter mir und wollte mich eben verdrossen in mein Zimmer begeben, als es mir mit einem Schlag bewusst wurde: Meine ganzen neuen Setzkasten-Figuren, die mir das Christkind zu Weihnachten gebracht hatte, waren FORT!

Niemand wusste, wo sie hingekommen waren – weder meine Mutter, noch jemand von meinen Geschwistern. Das Unheimliche war, dass sie offensichtlich am helllichten Tag verschwunden sein mussten – und noch dazu nach diesem hässlichen Streit! Es war schließlich meine Mutter, die diesen Verdacht äußerte, an den ich mir nicht einmal zu denken getraut hatte: Könnte es sein, dass eventuell das Christkind…?!

Schnell ließ ich noch einmal sämtliche Ereignisse der letzten Stunden Revue passieren, aber ich konnte es drehen und wenden, wie ich wollte – ich war sehr böse gewesen, hatte meine Mama sehr verletzt und – hätte nicht im Traum damit gerechnet, dass ich ganze drei Wochen nach Weihnachten das Christkind noch erzürnen könnte…

Da half alles Betteln und Bitten und Heulen der nächsten halben Stunde nichts. Meine Setzkasten-Figuren waren und blieben verschollen.

Erst einige Tage später, nachdem ich ausgiebig Gelegenheit gehabt hatte, mich zu besinnen und um Wiedergutmachung zu bemühen, lagen die kleinen Staubfänger plötzlich wieder auf meinem Bett. Vollzählig und in Reih und Glied.

Wieder hatte – wie könnte es auch anders sein – niemand etwas bemerkt.

Eine Zeitlang wenigstens bewirkte das Ganze, dass ich auf der Hut war: Es war der Beweis dafür gewesen, dass das Christkind doch ALLES mitbekam…

Informationen zum Artikel:

Christkindls Rache

Verfasst von Gertraud Siedler

Auf MSG publiziert im März 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Tirol, Unterland
  • Zeit: 1980er Jahre

Anmerkungen

Diese kleine Anekdote trug sich 1984 zu. Diese Geschichte "wärme" ich auch sehr oft für meine Kinder auf, die alle drei noch bedenkenlos ans Christkind glauben und auch / trotzdem nicht immer ganz brav sind...

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