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In der Schmiede

von Erwin Barilich

Als Kind war ich öfters in der Schmiedewerkstatt meines Vaters, die sich in der Unteren Hauptstraße in Jois befand. Er hat sie von seinem Vater übernommen. Seine beiden älteren Brüder Stephan und Nikolaus waren ebenfalls Schmiede. Stephan starb im Alter von 20 Jahren an einem unbehandelten Hodenbruch, Nikolaus war Jahrzehnte lang auf der Walz und kehrte erst während des Krieges nach Jois zurück. Jeder Schmiedgeselle musste einige Jahre auf die Walz gehen, das heißt, sie arbeiteten in verschiedenen Werkstätten, um sich ein umfangreicheres Fachwissen anzueignen. So war auch mein Vater in jungen Jahren einige Jahre auf der Walz.

Die Schmiede befand sich in einem alten Bauernhof und bestand aus einem eher dunklen überwölbten Raum ohne Fenster, nur mit zwei Türen, von denen eine auf die Straße und eine in den Hof führte. An der Rückseite  des Raumes befand sich eine gemauerte Esse, also eine Feuerstelle, links daneben war ein großer Blasebalg aus Leder, etwa zwei Meter hoch, der aussah wie eine aufgestellte Ziehharmonika. Er wurde mit einem Gestänge mit Hebelübersetzung, welches sowohl mit dem Fuß als auch mit der Hand betätigt werden konnte, gehoben. Durch das Eigengewicht faltete er sich wieder zusammen und blies die Luft durch ein Rohr in die Esse, um das Schmiedefeuer zu entfachen. Auch ich durfte zeitweise diesen Blasebalg mit dem Fuß nach oben hebeln. In der Esse befand sich auf dem Rost ein Kohlenfeuer, das mit einer speziellen Schmiedekohle betrieben wurde und zum Erhitzen bis zur Rot- oder Weißglut für Eisenteile, die geformt oder verschweißt werden mussten, diente.

Die Hauptarbeit meines Vaters war das Beschlagen der Pferde mit Hufeisen, das Beschlagen der Pferdewagen und das Schärfen und Reparieren von diversen Werkzeugen. Mein Vater war ein sehr guter Schmied und machte seine Arbeiten ordentlich, wenn auch nicht immer so rasch als möglich.

Wenn ein Bauer ein Pferd zum Beschlagen brachte, hielt er den betreffenden Pferdefuß hoch. Vater entfernte das alte, abgenützte Hufeisen, schnitzte mit dem Hufmesser den Huf zurecht, passte ein neues Eisen durch Erhitzen und entsprechender Formung dem Pferdehuf an. In heißem Zustand wurde es auf den Huf gedrückt, so dass die Oberfläche des Hufes dort, wo das Eisen auflag, unter üblem Geruch verdampfte. Danach wurde es mit Hufnägel befestigt. Diese Prozedur fügte den Pferden keinen Schmerz zu, war aber notwendig, da sich unbeschlagene Hufe auf den harten Schotterstraßen zu viel abnützten.

Die Pferdewagen hat der Wagner aus Holz angefertigt, danach brachte man sie zum Schmied, der alle erforderlichen Eisenteile am Wagen montierte. Er hat die Radachsen angeschraubt, in die Radnaben metallene Radbüchsen eingelassen und die Räder mit Eisenreifen versehen, die heiß aufgebracht wurden, sich beim Abkühlen zusammenzogen und somit dem Rad die erforderliche Festigkeit verliehen. Bei dieser Arbeit musste meine Mutter öfters mithelfen. Auch für alle möglichen Wagenreparaturen war der Schmied zuständig.

Werkzeuge wie Pflugscharen, Scherblätter (Metalldreiecke, die zum Abschneiden der Unkrautwurzeln knapp unter der Erde dienten und wie ein Pflug von Pferden gezogen wurden), sowie verschiedene Feldwerkzeuge mussten von Zeit zu Zeit geschärft werden. Mein Vater erhitzte sie, dengelte eine Schneide aus, danach wurden sie wieder gehärtet, indem er sie wiederholt kurz in Wasser oder Öl tauchte.

Mein Vater war vielseitig interessiert und las sehr gerne Bücher. So hat er sich auch in der Schmiede für die Arbeitspausen am Dachboden eine Liegestatt eingerichtet, und wenn er zwei Dachziegel hochschob, war es hell genug zum Lesen. Rief eine Kundschaft nach ihm, kam er die Dachbodenleiter mit einem Eisenstück herunter, so als ob er es gerade geholt hätte.

Auf Grund der damaligen schlechten Wirtschaftslage konnten auch viele Bauern die geleisteten Arbeiten nicht bezahlen, daher war das Geld bei uns oft sehr knapp und es gab Schwierigkeiten mit der Rückzahlung der Bauschulden, so dass sogar der Exekutor ins Haus kam. Aber es gab nichts zu pfänden. Manchmal war nicht einmal Geld für die notwendigsten Lebensmittel vorhanden. So versuchte meine Mutter des Öfteren, die ausständigen Beträge bei den Bauern einzufordern – auch meist ohne Erfolg.

In der Kriegszeit konnte mein Vater bei der Wehrmacht in Bruck an der Leitha als Schmied arbeiten, da gab es wenigstens regelmäßige Einkünfte und die Schulden konnten abgezahlt werden.

Informationen zum Artikel:

In der Schmiede

Verfasst von Erwin Barilich

Auf MSG publiziert im September 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Burgenland, Nord, Neusiedl, Jois
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Ausschnitt aus einem umfangreicheren lebensgeschichtlichen Manuskript des Autors mit dem Titel "Meine Kindheit und Jugend, 1933 bis 1953. Bilder einer anderen Zeit".

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