Die Lesetruhe
- Fleckerlteppich der Erinnerungen
- Lebensgeschichtliche Fotorevue
- Schreibaufrufe
- Erinnerungsbücher
- Orte der Kindheit
- Worte der Kindheit
Ihr Beitrag ist gefragt:
- Sie sind hier:
-
- Startseite >
-
Lesen: 968 Beiträge
Holzklauben
von Richard Des Balmes
1946 fing die Zeit an, wo die Männer in den Wald gingen, um Holz zu sammeln. Die Winter waren damals viel härter und länger als heute. Es wurde um eine Klauberlaubnis angesucht und dann machte man sich auf in den Lainzer Tiergarten. Die meisten Männer im Haus waren in der Zwischenzeit aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt und so wurde mit vereinten Kräften Holz eingelagert. Unter dem Kommando meiner Großmutter zogen also meine Wenigkeit und drei meiner Onkel los. Es ging hinauf in den Lainzer Tiergarten, bewaffnet mit einer Axt, einer Säge und unwahrscheinlich viel Spagat zum Binden des Holzes, den ich tragen durfte. Im Wald wurden dann die abgestorbenen Äste eingesammelt und so zusammengebunden, dass sich an einem Ende des Bündels eine Öffnung befand, durch die man den Kopf steckte, um dann dieses Bündel hinter sich herzuschleifen. Wenn zuwenig Holz zu finden war – halb Wien besorgte sich damals auf diese Weise Brennholz – warfen die Männer ein Seil, an das ein Stein gebunden war, um einen toten Ast und rissen diesen herunter.
„Gehen wir Holzreißen“, hieß es damals. Und so schleppten wir zweimal am Tag Holz nach Hause. Großmutter zog und schleifte die schwerste Last, sie war auch die Stärkste und die Größte. Die Männer waren allesamt noch von der Gefangenschaft gezeichnet und meistens unterernährt und schrecklich dünn. Auch ich kleiner Knirps durfte ein Bündelchen tragen, zum Unterzünden, wie es hieß. Der Wienerwald war damals so sauber, als hätte eine fleißige Horde Hausfrauen sauber gemacht. Alles, was brennbar war, wurde aufgesammelt und nach Hause getragen. Beim Nachhauseweg machten wir meist bei Poldi Tante Rast, um uns zu stärken, mit „Selbstgebranntem“ die Erwachsenen und mit Tee oder Saft wir Kleinen. Ich kann mich erinnern, dass dies bis in den Herbst, eigentlich bis der erste Raureif lag, ein- bis zweimal in der Woche praktiziert wurde.

- Holzklauber 1945, Wien
Holzklauben
Verfasst von Richard Des Balmes
Auf MSG publiziert im Mai 2010
In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe
- Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
-
- Ort: Wien, 13. Bezirk
- Zeit: 1946
Copyright
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.
Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.

