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"Und immer schön bescheiden sollte man sein ..."

von Stefanie Roßmanith

Einige Jahre hindurch, jeweils im Sommer, fahren meine Eltern nach Italien, im Nachhinein betrachtet, wohl auch aus dem Grunde, weil es nicht abschätzbar ist, ob Mutti die schwere Erkrankung wirklich überstehen würde. In der Zwischenzeit sind mein Bruder und ich jedes Mal der Obhut unserer Großeltern anvertraut.

Gleich nach dem Abschiednehmen verschwinde ich dann für gewöhnlich auf dem Abort, ein außerhalb des Hauses postiertes Plumpsklo, denn niemand sollte sehen, dass ich weinen muss.

Eigentlich gefällt es mir ja hier, aber das Abschiednehmen tut immer wieder weh, und Bauchschmerzen hab’ ich dann für gewöhnlich auch, was jedes Mal den am Kohlenherd gewärmten Dachziegel, welcher zusätzlich noch in ein flauschiges Flanelltuch eingeschlagen wird, zum Einsatz kommen lässt, ebenso wie die Schale warme Milch, in welche Oma, wie immer, liebevoll einen Löffel Honig einrührt, während sie mir erklärt, welches Wundermittel solch ein von einem überfleißigen Bienenvolk gesammelter Honig sei, und dass man ihn nicht in zu heiße Getränke tun wolle, damit die Hitze nur ja nichts an den gesunden Inhaltsstoffen würde vernichten können.

Irgendeine spannende Geschichte hat sie außerdem immer auf Lager, die sehr plötzlich überhaupt keinen Raum mehr für irgendwelche Trübseligkeiten zulässt.

Der Tagesablauf am Pfangberg sieht meistens so aus, dass Oma in der Früh schon etwas eher aufsteht als wir, um den im Vorraum postierten, halb mit Wasser gefüllten Nacht-Klokübel zu den Ribiselstauden zu befördern und um auf dem Rückweg etwas Kleinholz aus der Holzhütte mitzubringen, damit sie den Tischherd einheizen kann.

Jeden ihrer leicht schlurfenden Schritte höre ich bis ins Schlafzimmer hinein, ebenso das Öffnen des Ofentürls, wenn es raunzend und mit dem Handgriff klappernd nach hinten aufschlägt, wie auch das Rascheln beim Zusammenknüllen des Anheizpapiers, das Entzünden des Streichholzes, auch das Knarren der Kredenzkästchentüren.

Gemütlich hört man bald darauf das brennende Holz knacksen und knistern, und ein regelmäßiges Surren findet sich in der behaglichen Geräuschkulisse ein, denn Oma mahlt, auf der Holzkiste sitzend, die Kaffeebohnen für den Frühstückskaffee.

Bald dringt ein wunderbarer Kaffeeduft in das Schlafzimmer, in welchem Opa geduldig, manchmal auch Mundharmonika spielend, auf einer Seite von mir und auf der anderen von meinem Bruder begrenzt, auf die Einladung zum Frühstück wartet.

„Zwischen Rosen und deren Blüten, liegt der Opa in der Mitten!“ Oma ist ins Schlafzimmer getreten und fordert uns liebevoll lächelnd - wie könnte es anders sein, als mit einem Spruch - zum gemeinsamen Frühstück auf.

Dicke Porzellantassen, weiß, mit grünen Streifen, stehen schon am Tisch, ebenso dick bestrichene Butterbrote mit eingeritztem Karo-Muster.

Überaus energisch bewacht Oma nun das weitere Geschehen, wobei ich tagtäglich in ihr näheres Beobachtungsfeld gerate, weil ich es für gewöhnlich gerne mit dem Suppenkaspar aus dem Struwwelpeter halte, also eine sogenannte schlechte Esserin bin, und sie es sich wieder einmal zum Ziel gesetzt hat, dass ich bis zur Wiederkehr meiner Eltern mindestens zwei Kilogramm an Körpergewicht würde zunehmen müssen.

Oft stehen mir die Tränen in den Augen, wenn sie nicht von meiner Seite weicht, bevor ich nicht auch das letzte Streifchen des Butterbrotes gegessen habe. Da helfen auch die kleinen Kunststofffiguren aus der Titze-Gold-Kaffee-Packung nichts, welche ich im Anschluss an eine für gelungen bewertete Essenshandlung in Aussicht gestellt bekomme.

Ich mag meine Oma wirklich sehr gerne, weil sie speziell kein Hehl daraus macht, dass ich ihr erstes und daher besonderes Enkelkind sei - könnte vielleicht auch damit zusammenhängen, dass ich ihre Freude am Erzählen und Lesen schon seit frühesten Zeiten sehr identisch mit ihr teile.

Dass ich aber gegen mein eigenes Sättigungsgefühl hinaus essen muss, ist unausstehlich und widert mich an. Ich habe ebenso nicht ein bisschen Respekt davor, dass sie mir, und dabei meine ich eigentlich mehr meine Eltern, immer wieder einmal mit dem tragischen Schicksal des Suppenkaspar drohen.

Genauso hasse ich es auch, wenn ich im Beisein meines Vaters beim Bestreichen eines Brotes immer nur die Poren verschmieren darf, wie er sich in sehr dominant bestimmender Weise dazu ausdrückt, um vielleicht im Anschluss eine seiner Kriegsgeschichten daranzuhängen, in welchen es grundsätzlich immer darum geht, wie arm er und seine sieben Geschwister gewesen seien, und auch wie viel sie schon im Kindesalter hatten arbeiten müssen, und die er meistens mit dem alles umfassenden Nachkriegsslogan beendet, der da lautet > Spare in der Zeit, dann hast du in der Not <

Ich habe aber meinen lieben Onkel Burschi, der eine dieser Erziehungsreden meines Vaters eines Tages mitgelauscht und mich im Anschluss daran lächelnd beiseite gezogen und gemeint hat, dass er auch einen guten Spruch, das Sparen betreffend, wüsste: „Spare in der Not, da hast du Zeit dazu!“

Onkel Burschi hat zwar nichts weiter dazu gesagt und lediglich über seine Variante sehr gelacht, aber ich habe sehr schnell für mich beschlossen, dass ich mit diesem Sparslogan nicht gegen meinen Vater würde antreten wollen, denn der meint immer wieder, dass mein Bruder und ich zu spuren hätten, auch so eine Redewendung meiner Kindheit, die eigentlich sehr bezeichnend den Erziehungsstil der damaligen Zeit widerspiegelt, um nicht zu sagen, dass dieser generell etwas Militärisches in sich trägt.

Scheitlknien , mit dem Ochsenzipf das nackte Hinterteil versohlt bekommen und in der Schule ein paar Hiebe mit dem Rohrstock auf die zur Strafe entgegengestreckte Handaußenfläche erhalten waren angeblich gang und gäbe.

Die sogenannte gesunde Watsch’n wie die Detschn waren die allgemein akzeptierten Züchtigungsmittel. Diese wurde uns in unserer Erziehung väterlicherseits sehr wohl immer wieder angedroht, jedoch Gott sei Dank nicht in die Tat umgesetzt, was sicherlich eine gute Sache gewesen sein dürfte, wenn man sich die Wucht der Hände dieses großwüchsigen Mannes vor Augen hält.

Nicht selten kam es allerdings vor, dass die weiblichen Erziehungsverantwortlichen sich den Kochlöffel oder den Pracker in drohender Position herrichteten, um uns abschrecken zu wollen, noch mehr geschwisterlichen Zank und Streit vom Stapel zu lassen.

Sapperlott, schimpfte meine Mutter so dann und wann. Und die Rute, welche der Krampus alle Jahre wieder zu den guten Äpfeln, Nüssen, Lebkuchen, Feigen und Bockshörndln des lieben Nikolaus dazugelegt hatte, wurde manches Mal hinter dem Kasten hervorgeholt, aber das war wirklich nur sehr, sehr selten und wohl nur zur äußersten Abschreckung gedacht.

Mädchen hinter Schulbank mit Federstiel in einem Schulheft schreibend
Zwischen alten Ablichtungen und so manch’ vergilbtem Papier fand ich beim Kramen dieses alte Foto von mir, worauf man nur unschwer erkennt: Hier geh’ ich in die erste Klass’ und schreibe mit Federstiel; vor mir auch ein Tintenfass. Erinner’ mich noch an meine literarischen Anfänge, da war ich noch klein, und es musste unbedingt immer ein Reim sein - ob’s geht oder nein …

„Hände auf den Tisch und nicht schwätzen!“, eine Aufforderung, um wie ein Haftelmacher auf die Ausführungen des Lehrers aufpassen zu wollen, das gab’s allerdings wirklich nur in der Schule, wenngleich das gute Benehmen bei Tisch, die sogenannten Tischsitten während des Essens, überaus korrekt eingefordert wurden.

Das Händewaschen vor dem Essen duldete nur eine gewissenhafte Pflichterfüllung, und ein > Mit vollem Munde spricht man nicht < überwachte dann das weitere Geschehen, wobei man angehalten war, die sogenannte schöne Hand für den Gebrauch des Löffels zu verwenden, wenngleich mir die schiache, wenn man so sagen möchte, genauso schön vorkam.

Meine Ellenbogen durften sich ebenfalls nicht gemütlich am Tisch platzieren, was dem obligaten Benimmritual unterworfen schien. Nicht schlürfen, lediglich kleine Bissen in den Mund zu stecken und nicht trinken wie eine Kuh, sondern nur in kleinen Schlückchen, wurde uns gleichfalls angeraten, ebenso das Handvorhalten, wenn man vielleicht einmal niesen oder husten musste.

Dasselbe auch beim Kichern zu tun, erschien uns dann wie von selbst als richtig, speziell wenn der Vater seinen strengen Blick aufgesetzt hatte, musste man oftmals selbst seine eigene Fröhlichkeit vor ihm verbergen.

Beim Grüßen muss man immer die schöne Hand verwenden, fällt mir da in diesem Zusammenhang gerade ein, und auch ein Knickserl dabei machen, die Buben einen tiefen Diener, und schön ins Gesicht schauen müsste man den zu Grüßenden dabei, wobei sich die Mäderln da wohl leichter tun als die Knaben, denke ich mir.

Und immer schön bescheiden sollte man sein - man wolle sich mit seinen Gschroppn schließlich und endlich nicht genieren müssen - und wenn einem jemand ein Bonbon anbiete, sollte man dankend ablehnen, denn das wäre fein. Ich möchte aber nicht immer fein sein, will einmal nicht unbedingt eine Dame werden, aber solche Sachen darf man sich leider auch nur ein ganz kleines bisschen denken.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

"Und immer schön bescheiden sollte man sein ..."

Verfasst von Stefanie Roßmanith

Auf MSG publiziert im Februar 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Graz-Umland, Pfangberg
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem 2009 von der Autorin herausgegebenen Erinnerungsbuch "Geborgtes Paradies", S. 92 ff.

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