Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen: 1052 Beiträge

Ferdinand

von Stefanie Roßmanith

Schuster war der Vater gewesen, ein rechtschaffener, einfacher und ruhiger Mann, und eine spezielle Schusternähmaschine hatte er erfunden, von welcher der fünfzehnjährige Sohn Ferdinand eine gelblich-graue, auf festem Karton ausgeführte Ablichtung in seinen Händen hält.

Und traurig ist er nicht nur, weil er in einem sehr armen, entbehrungsreichen Elternhaus hatte aufwachsen müssen, traurig ist er vor allem, weil ihm innerhalb eines Jahres sein Vater und seine Mutter verstorben waren.

Und von der Erfindung seines Vaters, von der so eine Fülle an Träumen ausgegangen war, ist auch nichts als diese Fotografie übrig geblieben und die Tatsache, dass all das bitter vom Mund abgesparte Geld für nichts und wieder nichts investiert, das heißt buchstäblich aus dem Fenster geworfen worden war.

Und da hatte doch glatt ein anderer seine gevifte Nasenlänge vorne gehabt und den bescheidenen Vater ins Abseits gedrängt, und am Patentamt stand fortan auf einmal ein ganz anderer Name unter dem Abbild der besagten Nähmaschine.

All das Geld war weg, und >alles war für die Katz< und seiner Frau konnte er nicht mehr in ihre schönen Augen blicken, die in dem wortkargen, immer nur zeichnenden und herumtüftelnden Mann wohl in erster Linie einen Spinner - und jetzt zudem noch einen Versager - sehen musste.

Eines Tages schien der Leidensdruck des Mannes letztendlich so groß gewesen zu sein, dass er freiwillig aus seinem Leben schied und eine Frau mit drei unversorgten Kindern zurückließ.

Die Lehre, welche Ferdinand noch zu Ende machen hätte wollen, denn sein Vater hatte ihm das Handwerk des Schusters von der Pieke auf gelehrt, gehörte der Vergangenheit an, genauso der Traum, einmal das Geschäft seines Vaters weiterführen zu wollen.

In seinen Gedanken sieht er seinen Vater noch vor sich, wie er sich auf seinem dreibeinigen Schusterschemel sehr beweglich einmal zur rechten Seite, dann wieder zur linken hinunterbeugte, um das eine wie das andere Werkzeug an sich zu nehmen.

Und wie er mit dem scharfen Messer ganz sauber und glatt den Schuhsohlenrand zurechtschnitt, während sich alle kleinen, dabei abfallenden Lederstreifchen auf dem zu diesem Zweck um den Bauch gebundenen, blauen Schurz einzufinden gedachten.

Und wie er mit größter Regelmäßigkeit mit der Stechahle am Sohlenrand die Löcher entstehen ließ, durch welche anschließend die gebogene Nadel mit dem gewachsten Faden seinen Weg fand.

Und wie er die Holznägel mit einem Schlag in die vorbereiteten Löcher schlug, mit einer unvergleichbaren Schnelligkeit und Genauigkeit, davon war der gleichfalls handwerklich überaus begabte Sohn Ferdinand schlichtweg beeindruckt.

Unter der Zukunftsperspektive >ein Handwerk hat goldenen Boden< wie der prägende Ausspruch der damaligen Zeit lautete, machte es ihm viel Freude und erzeugte in ihm außerdem die Euphorie, das Handwerk selbst ebenfalls bis zur Perfektion erlernen zu wollen.

Am allerliebsten war ihm persönlich das Zuschneiden der einzelnen Lederteile gewesen, wenn er, nachdem er mit einem Stift die Konturen einer Schablone auf das schöne, glänzende Leder gezeichnet hatte, hernach mit dem Messer diesen Linien nachfolgen durfte, und er so, mit wachsender Begeisterung, aus dem anonymen Lederfleck schon den Schuh aus seiner Taufe gehoben sah. Das waren auf einmal die Schuhe von Frau Böhme oder so.

Sie hatten dann bereits ihren Namen, und es stand nun nichts mehr im Wege, ihnen in weiteren Arbeitsschritten ihren später zugedachten Individualismus einzuhauchen. Zudem war das Verwenden der einzelnen, in verschiedensten Größen vorhandenen Leisten für Ferdinand etwas Einzigartiges gewesen.

Heute sitzt er jedoch vor zwei Holzkisten, welche die Werkzeugerbschaft seines Vaters ausmachen, die er nach dessen Tod angetreten hatte. > Der Mensch denkt und Gott lenkt < heißt es ... aber mehr Verantwortungsbewusstsein hatte sich Ferdinand eigentlich von einem lenkenden Gott irgendwie schon erwartet.

Ein Boden hat sich momentan für Ferdinand aufgetan, aber nicht ein goldener, wie er es sich einstens des gescheiten Spruches wegen erträumt hatte, nein, ein Boden, auf welchen man recht hart auf die Erde fiel.

Vorerst hatten sie die bereits verschuldete Schusterwerkstatt verkaufen müssen und das dafür erhaltene Geld für das Begräbnis des Vaters, für die Tilgung der Erfindungsumsetzungskosten und für den Erwerb einer Zweizimmerwohnung, in welche er mit seiner Mutter und seinen beiden jüngeren Schwestern eingezogen war, ausgegeben.

Für die Beendigung seiner Schusterlehre war jedoch kein Geld mehr übrig geblieben. Und so waren seine diesbezüglichen Träume vorerst einmal ausgeträumt.

Montage aus mehreren SW-Fotos; ein Porträt mit Soldatenmütze, ein Porträt stehend, ein Gruppenbild junger Männer

Voll Bewunderung über die Frohnatur seiner Mutter, welche trotz der schweren finanziellen Lebensbedingungen und der unübersehbaren Symptome einer beginnenden Schwindsucht spürbar gewesen war, bemühte auch er sich, der Verantwortung der neuen Lebenssituation, in welche er nun hineingeraten war, unter Einsatz all seiner Kräfte zu stellen, um der Mutter und seinen beiden Schwestern auf das Allerbeste beistehen zu können.

Und nie ein Lamentieren, dass der Mann sie im Stich gelassen hatte oder dass es kein Geld gab. Liebevoll strich sie stattdessen ihren drei Kindern immer wieder über’s Haar, voll Aufmunterung lächelte sie ihnen zu.

Und so war Ferdinand vorerst dankbar, dass er Arbeit in einer Tischlerwerkstätte bekam. Eine Lehre würde er allerdings bei seinem neuen Meister ebenfalls nicht machen können, weil er leider kein Lehrgeld dafür hätte, aber seine Geschicklichkeit wollte er auf alle Fälle hier unter Beweis stellen.

Und wahrlich, dem Meister gefiel dieser talentierte und sensible Bursche. Er durfte viel bei ihm lernen. Und wenn es der Mutter von einem Tag auf den anderen gesundheitlich nicht immer schlechter gegangen wäre, und weil halt auch für die Konsultation eines Arztes nicht eine müde Krone zu entbehren war, so hätte er wirklich aus ganzem Herzen froh sein wollen.

Aber seine Mutter stirbt, und nachdenklich verharrt er, weil er im Nachhinein nicht nachvollziehen kann, dass er, an jeder Hand eine seiner beiden Schwestern, in schallendes Gelächter verfiel, als er hinter dem Sarg seiner Mutter einhergeschritten war, und ein Onkel, den er erst wenige Male in seinem Leben zu Gesicht bekommen hatte, ihn dann aus der kleinen Schar an Trauergästen zu entfernen gedachte, um ihn in seine tröstenden Arme nehmen zu wollen, und er es dann irgendwie zustande gebracht hatte, dass er seinen Lacheskapaden ein Ende bereiten hatte können.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Ferdinand

Verfasst von Stefanie Roßmanith

Auf MSG publiziert im Februar 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Graz
  • Zeit: 1900er Jahre, 1910er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem 2009 von der Autorin herausgegebenen Erinnerungsbuch "Geborgtes Paradies", S. 16 ff.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.