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Ein Kind - 1946 geboren
von Erika Neuberger
Als wir die letzten Monate vor Kriegsende fast täglich stundenlang im Bunker saßen, um die schweren Angriffe auf Wien abzuwarten, da träumten wir oft, wie es sein würde, wenn der Krieg zu Ende sei. „Ich schwöre, ich werde ein Jahr lang jeden Tag nur Erdäpfel essen!“, war so eine Vorstellung. Als der Krieg zu Ende war, gab es gar keine Erdäpfel, nicht einmal Brot. Einmal brachte jemand zu unserem Erstaunen einen großen Sack Milchpulver in unser Haus und stellte dieses kostbare Gut allen Hausbewohnern zur Verfügung, woher er diesen hatte, wollten wir gar nicht wissen.
Wie erfinderisch die Frauen zu dieser Zeit waren, vielmehr sein mussten, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Sie zauberten aus wurmigen Erbsen der sogenannten „Russenhilfe“, nicht nur Erbsenpüree sondern, mit Kandisin vermischt, auch Torten und Cremen. Alles wurde in Ermangelung anderer Lebensmittel mit Genuss verzehrt, trotzdem blieb man hungrig.
Die Wohnsituation war kaum besser. Schon im letzten Kriegsjahr mussten wir eine vierköpfige Familie, deren Wohnung samt Ausstattung bei einem Bombenangriff verloren gegangen war, bei uns aufnehmen. Natürlich benötigten sie auch unsere Betten, Kochgeschirr und alle möglichen Gegenstände, die zum täglichem Leben nötig waren.
Eben in dieser Situation, wo mein Mann, meine Eltern und ich nur mehr zwei Zimmer zur Verfügung hatten, meldete sich mein erstes Kind an. Die Freude meiner Eltern über meine Schwangerschaft war selbstverständlich nicht sehr groß. Mein Vater war nach einer schweren Magenoperation, die ohne Narkose vorgenommen wurde (es gab im Mai 1945 keine Narkosemitten für die Zivilbevölkerung mehr), mehr tot als lebendig aus dem Spital nach Hause gekommen und wandelte nachts vor Schmerzen in der Wohnung umher.
Mein Mann und ich schliefen im ehemaligen Speisezimmer, wo alle durchzugehen hatten. An ein Eheleben im herkömmlichen Sinn war nicht zu denken, wir konnten nur ganz selten allein sein. Nur wegen der Schwangerschaft stimmten meine Eltern einer Heirat zu, sie mochten meinen zukünftigen Mann nicht. Die trostlose äußere Situation, der Hunger, die Enge, die Kritik meiner Mutter und die hochnäsige Aufmüpfigkeit meines Mannes hinderten mich nicht daran, mich auf mein Kind zu freuen. Mein Mann hatte kurz nach unserer Hochzeit seinen guten Posten aufgegeben, um sich, wie er sagte, weiterbilden zu können. Ich selbst musste bis acht Wochen vor der Entbindung arbeiten.
Eines Tages kaufte ich einen übertragenen Kinderwagen, den ich in unserem Wohnzimmer in eine Ecke stellte. Mein Vater kam vorbei, sah den Wagen und sagte: „Jööö!“ Dieser kleine, freudige Ausruf beglückte mich so sehr. Nun war ich sicher, dass meine Eltern das Kind akzeptieren würden.
Als ich Mitte September im Spital lag, war mein Mann mit einer Schulkollegin im Kino. Nach seinem ersten Besuch nach der Geburt unseres Sohnes war er tief enttäuscht, er fand mich zu dick.

- Die Autorin mit Sohn, Eltern und Bruder (Ende 1940er Jahre)
Nach acht Wochen Stillzeit musste ich wieder arbeiten. Damals war die Muttermilch für einen Säugling lebensnotwendig, außerdem gab es keine Alternativen. Ich stillte also mein Kind am frühen Morgen, pumpte den Rest der Milch ab, den dann meine Mutter am Vormittag mit der Flasche fütterte. Täglich marschierte sie zur Mittagszeit mit dem Kinderwagen vom siebzehnten in den neunten Bezirk zu meinem Betrieb, wo ich den Kleinen im Sanitätszimmer stillen konnte. Da wir damals in der amerikanischen Zone wohnten, bekam ich täglich einen halben Liter aufgelöste Trockenmilch und ein kleines Schmalzbrot zusätzlich. Beides durfte ich mir aus dem nahe gelegenen Spital holen. Wir wickelten das Kind bei sieben Grad und badeten es bei zwölf, so es überhaupt Heizmaterial gab.
Um Lebensmittel stellte man sich an, auch mit einem Kind, sodass der Bub oft sehr lange Zeit im Freien ausharren musste. Mit fünfzehn Monaten hatte er bereits eine Mittelohrentzündung hinter sich. Endlich gab es einen Kindergartenplatz, dort war geheizt, und es gab regelmäßig zu essen. Jedes Kind saß in seinem Gitterbett, die gebrauchten Windeln mussten abends mit nach Hause genommen und selbst gewaschen werden. Ich kam nie vor Mitternacht ins Bett, in das ich todmüde fiel, um am nächsten Tag die gleiche Prozedur durchzumachen. Trotzdem wuchs mein Sohn heran. Heute alles unvorstellbar. Dieses Kind war mein Lebensinhalt für viele Jahre.
Ein Kind - 1946 geboren
Verfasst von Erika Neuberger
Auf MSG publiziert im Feber 2010
- Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
-
- Ort: Wien, 9. Bezirk / Wien, 17. Bezirk
- Zeit: 1940er Jahre
Anmerkungen
Der Beitrag ist der Broschüre "Projekt Lebensläufe. Erinnerungen an bewegte Zeiten, 1934-1945" entnommen.
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