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Mit zwölf Jahren Hausfrau
von Elisabeth Amann
Jetzt träumte ich wieder davon, in die Hauptschule zu gehen, zumindest ab Herbst. Auf dem Hof von Onkel Ägyd gab es bestimmt weniger zu tun als auf dem Lienbacherhof, so dachte ich. Mutter, Günther und ich würden so lange helfen, bis das erste Kind von Tante Klara auf der Welt war. Dann wären wir von den Pflichten befreit, schließlich hatten sie in all den Jahren die Arbeit ohne Dienstboten geschafft. Im Februar übersiedelten wir nach Werfenweng, ab Herbst würde ich mit dem Zug jeden Tag nach St. Johann in die Schule fahren. Bestimmt bekam ich neue Kleider, weil Vater jetzt gut verdiente. Er baute für einen Großgrundbesitzer in Pfarrwerfen ein Sägewerk.
Mutter begleitete uns in die Schule nach Werfenweng. Wir drei Großen hatten vormittags Unterricht, Martha nachmittags. Wir waren jetzt in der einklassigen Volksschule, die unsere Mutter als Kind besucht hatte und über die wir gerne etwas geringschätzig gesprochen hatten, vor allem, weil Mutter behauptet hatte, dass sie eine der Besten in ihrer Klasse gewesen sei.
Der Herr Oberlehrer kannte Mutter also seit Jahrzehnten, und sie unterhielt sich ausführlich mit ihm. Mich aber konnte er von Anfang an nicht leiden.
Schon als er mein Aufsatzheft durchblätterte, befand er: „Diesen Aufsatz, ‚Der Briefträger‘, hast du nicht selbst geschrieben, das gibt es gar nicht!“ Ich sagte, dass dies eine Schularbeit gewesen sei und ich das Thema gar nicht im Vorhinein wissen konnte. „Das glaube ich dir nicht! Ein Mädel, noch dazu aus dieser Familie. Ich kenne euch alle, musst du wissen, du hast den Aufsatz irgendwo abgeschrieben“, wiederholte er. Ich war ihm ausgeliefert – er konnte mich nicht leiden, ich wusste nicht, warum.
Wenn er seinen eigenen Sohn an die Tafel holte, weinte dieser schon, bevor er sich vom Platz erhob. Langsam und zögernd ging er zur Tafel, und er kam gar nicht dazu, die Fragen seines Vaters zu beantworten, denn schon sauste dessen Stock um seine nackten Beine. Diese Schläge taten mir so weh, als hätte ich selbst sie bekommen.
„Du“, rief der Lehrer mir zu, „komm heraus!“ Ich ging hinaus in dem Wissen, dass die gestellte Rechenaufgabe für mich leicht war; ich schrieb die Gleichung an die Tafel und löste sie. Der Lehrer war verstummt, und ich sagte vorlaut und trotzig: „Diese Rechnungen sind so leicht, ich habe sie schon fast wieder vergessen!“ Trotzdem machte mir die aggressive Stimmung an dieser Schule sehr zu schaffen. Eine Zeit lang musste ich immer erbrechen, wenn wir vor dem Schulhaus ankamen.
Mutters Zustand verbesserte sich nicht, im Gegenteil. Der Arzt verordnete ihr einen Klinikaufenthalt in Salzburg. „Das geht nicht“, sagte Tante Klara, „ich brauche dich, ich muss mich jetzt schonen, damit ich dieses Kind austragen kann.“ – „Dann bleibt unser Dirndl von der Schule daheim“, bestimmten die Eltern. Das „Dirndl“ war ich, und dieses Mal war ich einverstanden. Mir lag nichts daran, mich von einem Lehrer jeden Tag hänseln zu lassen. Der Arzt schrieb eine Bestätigung, dass Mutter in eine Klinik müsse, und ich war ab sofort vom Schulbesuch befreit.
Vater weckte mich um fünf Uhr, damit ich für ihn das Frühstück mache. Ich kochte für ihn am Abend ein Mittagessen vor, das er am nächsten Tag in die Arbeit mitnahm. Ich hatte jeden Tag Angst, dass Vater am Essen etwas auszusetzen haben würde, und war schon froh, wenn er am Abend nichts sagte, weder dass es gut, noch dass es schlecht gekocht war.
Einmal wollte ich einen Kuchen backen – ohne Rezept, ohne die Zutaten zu wiegen, machte ich einen Teig und strich diesen auf ein Blech. Der Kuchen ging nicht auf, war flach und hart wie ein Brett. Ich wickelte ihn in Papier, versteckte ihn in der Wäschekommode und fühlte mich als Versagerin.
Meiner Tante ging ich zur Hand, wo immer ich konnte. Sie rief und rief und rief nach mir und ließ mir keine Zeit, mich auszuruhen.
Ich überzog die Betten frisch, damit Mutter sich freuen könnte, wenn sie wieder heimkam und die Wäsche gewaschen war. Ich heizte den Kessel vor dem Haus, das Wasser schöpfte ich aus dem Brunnen. Sobald die Geschwister fort waren, schrubbte und wrang ich, hängte Wäsche auf, so gut und so schnell es mir möglich war. Manfred trug Holz für den Kessel herbei und heiterte mich mit seinen kindlichen Fragen auf.
Am Nachmittag riefen meine Geschwister und die vier Nachbarkinder – Rosalia, Brigitte, Thomas und Franz –, ich solle doch auch einmal mitspielen. Ich war in Franz verliebt, weil er beim Kirchgang immer an meiner Seite blieb und auch beim Spielen, wenn wir uns vor den anderen versteckten. Auch an diesem Tag schlug er vor, Verstecken zu spielen.
Die Wäsche im Kessel konnte inzwischen in der Lauge ziehen, der Schmutz würde nachher leichter auszubürsten sein. Manfred schob noch Holz in den Ofen, und wir liefen schreiend den Hang hinauf. So schnell sollten sie mich nicht finden! Hinter Holzstapeln lief ich den Suchenden davon, bis überraschend Franz vor mir stand. Dicht stand er jetzt vor mir, als wollte er mich anfassen, da rief plötzlich Thomas: „Schaut euch die zwei an!“ Vor Schreck, entdeckt worden zu sein, stieß Franz mich zurück, und ich fiel mit dem Rücken auf ein aus dem Stapel ragendes Scheit. Mir blieb die Luft weg, ich rang nach Atem und glaubte zu ersticken.
Alle standen ratlos um mich herum und rührten sich nicht, bis Rosalia schrie: „Holt unseren Vater!“ Herr Schwendinger kam sofort und trug mich nach Hause. Als ich mich erholt hatte und wieder sprechen konnte, sagte ich: „Nein, es ist niemand schuld, ich bin ausgerutscht und mit dem Rücken auf das Scheit gefallen.“ Rosalia und Franz dankten mir, dass ich nicht verraten hatte, was wirklich geschehen war; Herr Schwendinger hätte seinen Sohn dafür sicher geschlagen.
Rosalia und Monika wollten die Wäsche aus dem Kessel hieven, sie bürsten und schwemmen. Tatsächlich hingen die großen Leintücher und Überzüge im Nu fertig auf der Leine. Doch, o Schreck, die weiße Wäsche war rosarot verfärbt! Noch mehr Grund, nachts schlecht zu schlafen! Ein roter Wollpullover war beim Sortieren in den Kessel mit Kochwäsche geraten. Was würde Mutter dazu sagen?
Meine Geschwister waren am Vormittag in der Schule, Manfred war Onkel Ägyd auf das Feld nachgelaufen. Ich wollte die Gelegenheit nutzen und einen Brief an Mutter nach Salzburg schreiben. Die Adresse fand ich auf dem ärztlichen Attest, das mich von der Schulpflicht befreit hatte.
Zwei Tage später – ich kochte gerade Tiroler Knödel – stand Mutter plötzlich in der Tür. „Mama!“, rief ich erfreut und fiel ihr in die Arme. Sie hielt mich ganz fest, wir weinten beide. „Bist du gesund?“, fragte ich. „Ja, sie haben nichts gefunden. Ich hätte noch drei Wochen bleiben müssen, aber du hast mir einen Brief geschrieben, Kathi.“ – „Hat der Brief dich so gefreut?“ – „Nein, Kind, denn du hast nur geschrieben ‚Liebe Mama!‘, sonst nichts. Da wusste ich, dass ich heim muss.“
Jetzt bekam ich Mut, alles zu beichten, was ich falsch gemacht hatte. „Mama, ich habe einen roten Pullover mit der weißen Wäsche …“ – „Das macht nichts, Kind“, sagte Mutter, „du hast getan, was du konntest. Hat Tante Klara dir nicht geholfen?“ – Tante Klara?“, ich war von der Frage betroffen und überrascht. „Tante Klara hat dauernd nach mir geschrieen, Mutter.“ Sie sagte nichts, kniff nur den schiefen Mund zusammen.
Ich hätte noch viel mehr ausgehalten – ich war gelobt worden, auch von Vater, weil ich pünktlich morgens um halb sechs das Frühstück für ihn fertig hatte und auch sonst „ganz gut“ gekocht hätte. Was konnte mir jetzt noch passieren? Ich war beinahe schon so tüchtig wie Mutter.
Der Briefträger brachte einen Brief von unserem Vetter Gustl. Gustl war nicht nur der Liebling von Großmutter, die ihn aufgezogen und ihm in die Schule Butterbrote mitgegeben hatte. Er war der ledige Sohn von Onkel Sepp, Mutters liebstem Bruder. Mutter las den Brief vor: Seine Braut Hanni erwarte ein Kind, schrieb Gustl, er habe gerade angefangen mit dem Hausbau, und ob Mutter die ersten Jahre das Kind in Pflege nehmen könne, damit Hanni den Beruf nicht aufgeben müsse. Mutter dachte nach und sah mich an: „Wenn du von der Schule daheimbleibst?“
Vater meinte auch, dass wir Gustl diesen Gefallen schon machen könnten. „Du bleibst daheim, bist eh schon so gescheit!“ Ich sagte nichts, lief in den Wald, lehnte mich an einen Baumstamm und suchte nach einem Ausweg für mich. Ich wünschte davonzufliegen wie die Wolken dort oben. Der Wind jagte sie, es sah aus wie ein Fliehen und Fangen. Ich war eine Wolke, jagte mit dem Wind über den Himmel, sah das Haus von Onkel und Tante von oben, wie in einer Spielzeugschachtel. Als jemand mich an der Schulter berührte, merkte ich, dass ich fror. Ich musste unter dem Baum eingeschlafen sein; Monika hatte mich so gefunden.
An einem Samstag kam Gustl auf Besuch, um sich von Mutter die Antwort zu holen. „Wir nehmen das Kind gerne, um euch zu helfen“, sagte Mutter, „aber mir ist das zu viel – nur, wenn unsere Kathi von der Schule daheimbleibt …“ Gustl sah mich an. „Wieso immer ich?“, dachte ich und gab an diesem Tag weder meinen Eltern noch Gustl eine Antwort auf ihre Fragen.

Mit zwölf Jahren Hausfrau
Verfasst von Elisabeth Amann
Auf MSG publiziert im November 2009
- Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
-
- Ort: Salzburg, Pongau, Werfenweng
- Zeit: 1948
Anmerkungen
Der Beitrag gibt einen Textausschnitt aus dem Buch von Elisabeth Amann: "Dieses bisschen Glück ..." Stationen einer rastlosen Kindheit und Jugend, 1941-1955, erschienen im Böhlau Verlag Wien (2009) wieder.
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